Archäologie. Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft

Autor: Manfred K. H. Eggert

Kategorie: Monographien

Verlag: A. Francke

Schwierigkeitsgrad: Anfänger bis Fortgeschrittene

erster Eindruck

Das "Wesen" der Archäologie auf einen Blick.

 

Beschreibung

Was ist eigentlich Archäologie und was ist Historie? Gibt es generell so etwas wie „die“ Archäologie? Wie viele „Einzelarchäologien“ gibt es in Europa und was sind deren Schwerpunkte? Ist Archäologie dann ein Fach oder eher eine Disziplin? Ist es eine Natur- oder Geisteswissenschaft?

All dies sind nur wenige Beispiele an Fragen, mit denen sich der Tübinger Professor i. R. Dr. Manfred K. H. Eggert in den ersten Kapiteln seines 2006 publizierten Buches „Archäologie: Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft“ auseinandersetzt. Man mag diese Fragen vielleicht auf den ersten Blick als redundante Spitzfindigkeiten empfinden. Hat man jedoch einmal mit dem Lesen dieses Buches begonnen, wird ziemlich schnell klar, dass deren Antworten nicht so einfach auszumachen sind wie man meinen könnte. Es sind grundlegende, man möchte sogar sagen, dass es elementare Fragen sind. Wie so häufig werden diese jedoch nicht diskutiert. Allein deswegen lohnt sich ein Blick in dieses Buch.

Neben der vergleichenden Charakterisierung von Archäologie und Historie befasst sich Eggert mit den unterschiedlichen Archäologien an den deutschen Universitäten. Zu nennen sind hier die Prähistorische Archäologie, die Vorderasiatische Archäologie, die Klassische und die Provinzialrömische Archäologie, die Christliche und die Biblische Archäologie (ja, es sind zwei unterschiedliche Einzelarchäologien) und zu guter letzt die Mittelalterarchäologie. Alle „Einzelarchäologien“ werden nach demselben Schema vom Autor vorgestellt. Zunächst wird die „Entwicklung und universitäre Etablierung“ beschrieben, danach deren „Gegenstand, Raum und Zeit“, „Quellen“, „Stellenwert von Schrift und Bild“ sowie „Konzeptuelle Grundlagen und Arbeitsweise“ und abschließend wird im „Ergebnis“ ein zusammenfassendes Resümee gegeben.
Auf der übergeordneten Ebene war es ihm ein zentrales Anliegen, die spezifischen Besonderheiten und übergreifenden Gemeinsamkeiten der Einzelarchäologien auszuloten und zu formulieren. Um hier übersichtlich arbeiten zu können, sind die Kapitel der Einzelarchäologien nach demselben Schema konzipiert worden (siehe oben). Dass er dabei auf die Bedeutung von Schrift- und Bildquellen eingeht, ist natürlich kein Zufall. In diesem Zusammenhang geht er nämlich auf das gegenseitige Verhältnis der jeweiligen Einzelarchäologie zu den historischen Wissenschaften ein, beispielsweise auf die Mittelalterarchäologie und die Mittelaltergeschichtsforschung. Schließlich soll die Stellung von der Archäologie zur Historie insgesamt herausgearbeitet werden.

Dies geschieht vertiefend in einem eigenständigen Kapitel namens „Archäologie und Historie“. Hier wertet Eggert das Zusammenspiel beider Bereiche aus, indem er mitunter deren Arbeitsweisen und Methoden miteinander vergleicht. Als Ausgangspunkt dient hierzu ist das „Schema der disziplinären Matrix der Geschichtswissenschaft“ nach Jörn Rüsen. Das mag sich im ersten Moment sehr komplex anhören, wird aber vom Autor verständlich dargelegt. Sein Fazit ist allerdings sehr ernüchternd. Die Einzelarchäologien stünden zu größeren Teilen isoliert in der Landschaft. Zusammenarbeit, so vielversprechend und fruchtbar sie auch sein würde, gibt es nur in einem sehr beschränkten Umfang im deutschsprachigen Raum. Dieser Sachverhalt ist nach Eggert nicht im Sinne von Archäologie als historischer Kulturwissenschaft. Eine kulturwissenschaftlich betriebene Archäologie würde mit anderen Einzelarchäologien und Geschichtswissenschaften zusammenarbeiten, d.h. auch gemeinsame Fragestellungen entwickeln.
Dieses Kapitel gehört zu den lesenswertesten Passagen in diesem Buch – ich möchte an dieser Stelle auf den Abschnitt zu den „historischen und archäologischen Darstellungsformen“ aufmerksam machen.


Das vorletzte Kapitel (Nr. 8) befasst sich mit „Archäologie und Kulturwissenschaft“. Hier auf die Kulturale Wende (bzw. „cultural turn“), die Kulturwissenschaft als solche und  Archäologie als historische Kulturwissenschaft eingegangen. In den „Abschließenden Bemerkungen“ geht es unter anderem um die Wechselbeziehung von Archäologie und Gegenwart sowie um Archäologie und Öffentlichkeit. Es stellt sich eine Determiniertheit der archäologischen Forschung von der Lebenswelt der Archäologen heraus – auf dieses Thema kommt er in vorausgehenden Kapiteln ebenso zu sprechen. Auch wenn es nicht auf den ersten Blick auffällt, so liegt doch jeder archäologischen Forschung ein politischer und gesellschaftlicher Zeitgeist zugrunde. Ein „Paradebeispiel“ ist die ur- und frühgeschichtliche Archäologie zwischen 1933 und 1945, welche sich schwerpunktmäßig mit Rassen und deren Ursprüngen beschäftigte.

Im Anhang befindet sich dazu ein 30seitiges Literaturverzeichnis, ein Sachregister und ein Personenverzeichnis sowie eine doppelseitige Übersichtstabelle zur Entwicklung der Einzelarchäologien für den Zeitraum von 1500 bis 2000 n. Chr.

Fazit

Bis 2006 gab es noch keine systematische Darstellung aller an deutschen Universitäten vertretenden Archäologien aus einer „Feder“. Manfred Eggert setzt dem ein lesenswertes Ende. Wer also keine Lust hat, sich für jede "Einzelarchäologie" eine (teure) Einführung zu kaufen, der sich kann allein mit diesem Buch eine gelungene Übersicht verschaffen. Eggert vergleicht methodologische Strukturen von Archäologie und Historie auf eine bisher nicht dagewesene Art und Weise. Schwerpunktmäßig wird auch das Verhältnis von Archäologie und Historie sowie Kulturwissenschaft herausgearbeitet. Wenn man sich für solche theoretischen Fragen interessiert, ist man mit diesem Buch an der richtigen Addresse. 

Es ist nicht immer einfach, ein Buch von Manfred K. H. Eggert zu lesen. Manche Stellen muss man mehrfach gelesen haben, um sie verstehen zu können. Das liegt mitunter daran, dass er sich mit komplexen bzw. theorielastigen Sachverhalten auseinandersetzt. An dieser Stelle kann kein komplettes Kapitel genannt werden, welches in irgendeiner Weise besonders schwer verständlich gewesen ist. Wenn man Eggert liest, sollte man sich als Student/In des ersten bzw. zweiten Semesters nicht wundern, wenn man auf Sätze stößt, die nicht auf Anhieb verständlich sind. Es ist daher ratsam, einigen seiner Literaturverweise zu folgen. Hat man sich einmal an die Schreibweise von ihm gewöhnt, macht es geradezu Spaß seine Verrisse zu lesen – besonders im Abschnitt „Archäologie und Gegenwart“. Ich habe sogar gelacht. 

 

Details

Umfang: 305 Seiten

ISBN: 3825227286

Preis: 19,90€

Buch Kauflink: Archäologie: Grundzüge einer Historischen Kulturwissenschaft

Datum der Rezension: 23.04.2010

Rezensent: Jan

praehistorische-archaeologie.de bietet dir frei zugängliche Inhalte. Mit einer Spende z.B. bei flattr kannst du uns unterstützen.

Hinweis

Wir geben uns große Mühe um die Korrektheit unserer Inhalte. Sollten es dennoch Fehler oder Ungereimtheiten geben, würden wir uns über einen Kommentar freuen!