Die Fahrt der Argonauten

Autor: Hans Peter Duerr

Kategorie: Populärwissenschaft

Verlag: Suhrkamp / Insel Verlag

Schwierigkeitsgrad: Anfänger

Webseite: www.suhrkamp.de

 

erster Eindruck

Ein dicker Wälzer voll gewagter Thesen.

 

Beschreibung

Das vorliegende Buch des Ethnologen Hans Peter Duerr beginnt mit einem kurzen, einleitenden Vorwort des Autors, mit dem der Leser auf das Thema eingestimmt werden soll und in dem Duerr seine Intention zur Verfassung dieses Werkes kundtut: Der Beweis seiner These, dass im 14. Jahrhundert v. Chr. minoische Seefahrer eine Reise von Kreta bis an die heutige holsteinische Nordseeküste unternahmen und aus diesen Reisen später die Odyssee und die Argonauten-Sage entstanden seien.

 

Den eigentlichen Anfang bildet das Kapitel mit dem Titel „Minoische Funde im Rungholtwatt“ in dem Hans Peter Duerr zunächst kurz die Geschichte seiner Erkundungen im friesischen Watt sowie die von ihm und seinen Jüngern angewandten Grabungsmethoden darlegt. Hiernach seien ihm Scherben eindeutig mediterraner Herkunft von einem Wattläufer zugetragen worden, die Anfang der 1990er Jahre zu seinen Nachforschungen führten. Die von ihm angewendeten Grabungsmethoden des Durchstoßen des Wattbodens mit Stangen, um Funde zu machen und die publizierten Profil- und Planumszeichnungen (Abb. 6 und 7) sowie die mitgelieferten Arbeitsfotos von der Freilegung eines mittelalterlichen Wohnstallhauses (Abb. 4) sind jedoch zu schematisch und ungenau, um daraus Kontexte erschließen zu können. Auffällig ist zudem, dass, folgt man den Angaben auf Abbildung 6, die Funde außerhalb irgendwelcher Befunde im anstehenden Boden gefunden worden sind, wohin diese jedoch nicht ohne weiteres gelangt sein können.

Es folgt die ausführliche Darlegung der Thesen, die soweit nachvollziehbar ist. Ein Manko sind hier lediglich die häufigen zeitlichen Sprünge Duerrs, um bestimmte Kontexte erklären zu wollen.

 

Kapitel 2 trägt dann den Namen „Das Siegelamulett der Muttergöttin“ und beginnt mit der näheren Beschreibung der im Watt getätigten Moluskenfunde. Duerr nennt hier den Fund einer Hornschnecke, die teilweise auch unter dem Namen Nadelschnecke zu finden ist,[1] und seinen Angaben zufolge nur im Mittelmeer beheimatet sei, was jedoch nicht 100%ig korrekt ist, da vereinzelte Nadelschneckenvorkommen auch an der Algarve, der nördlichen Schwarzmeerküste und Süd-Cornwall nachgewiesen werden konnten[2] und ferner bis heute nicht sicher geklärt ist, inwiefern die rezenten Vorkommen von Mollusken mit historischen und prähistorischen übereinstimmen.[3] Ferner seien eine Panther-/Kaurischnecke gefunden worden.

Es folgt die Vorstellung eines Serpentinsiegels mit einer Rinderdarstellung auf der Vorderseite, das von Duerr in die Zeit vom Ende des 15. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert wird und ursprünglich aus der Region Knossos stammen soll. Woher der Autor diese Erkenntnisse hat, bleibt jedoch unklar. Da die Rückseite des Siegels durch schematische Ritzzeichnungen, die Duerr als ein Schiff und ein Linear-A-Schriftzeichen, das seiner Meinung nach mit einer minoischen Muttergottheit in Verbindung zu bringen ist, verziert ist, schließt er daraus, dass dieses Siegel als Dankopfer ins Watt gelangt ist.

Ferner werden noch eine ritzverzierte Keramikscherbe und eine Lapislazuli-Brocken vorgestellt.

 

Das dritte Kapitel (Titel: „Ein Dankesopfer im Sand?“) beginnt mit einer hypothetischen Rekonstruktion der Marschlandschaft um 1500 v. Chr. an die sich die Beschreibung mehrerer Befunde anschließt, die Duerr als Siedlungsreste unterschiedlicher Zeitstellungen beginnend mit der endneolithischen Schnurkeramik bis hin zur Mittelbronzezeit interpretiert. Sowohl für die Landschafts- als auch die Siedlungsrekonstruktion liefert er keine Beweise in Form von Fund- oder Befundfotos bzw. Diagrammen. Ferner sollen die bronzezeitlichen Gehöfte von einem Häuptling kontrolliert worden sein, unter dessen Führung organisierte Plünderungen im Umland durchgeführt worden sein sollen, was eine Annahme bleiben muss, da aus dem archäologischen Kontext nur sehr schwer abgeleitet werden kann, wann organisierte Gewaltausübung vorliegt.[4] Im Anschluss versucht Duerr nach Ausführungen zu Handels- und Seefahrtsrouten, die durch große chronologische Sprünge gekennzeichnet sind, den bronzezeitlichen Verlauf der Elbe zu rekonstruieren, was ohne ausreichende Untermauerung durch Pollen- und Klimadiagramme hypothetisch bleiben muss.

Ferner berichtet er von den Funden zweier Schäfte bronzezeitlicher Radnadeln der Lüneburger-Gruppe, von denen er allerdings keine Abbildung liefert. Zudem ist die Zuweisung zweier Bronzeschäfte zu einem bestimmten Nadeltypus äußerst schwierig, da für eine sichere Einordnung zur oben genannten Form wenigstens Teile des Nadelkopfes vorhanden sein müssen.[5] Den Fund eines getreppten Bronzeknopfes, von ihm ebenfalls in die Bronzezeit datiert, deutet Duerr ebenfalls als Opfer einer weiblichen Person. Einen Verlust dieses recht kleinen Kleidungsbesatzes zieht er nicht in Betracht. Zudem seien die gefunden Keramikscherben, welche nach Duerr zu minoischem Luxusgeschirr bzw. zu einer kanaanitischen Transportamphore gehörten, nicht über den Landweg nach Friesland befördert worden. Im Falle der Feinkeramik führt er dabei die Fragilität und im Fall der Amphoren deren Gewicht an. Außer Acht lässt er dabei, dass die auf der an der Donau gelegenen Heuneburg gefundene griechische Keramik aus Massalia (heute Marseille) zumindest über mittelgroße Distanzen auf dem Landweg transportiert worden sein muss,[6] da eine durchgängige Verschiffung auf dem Weg von Südfrankreich nach Süddeutschland nicht möglich ist bzw. einen unnötigen Umweg bedeutet hätte.

Den Abschluss des Kapitels macht ein angeblich mediterraner pyramidenstumpfförmiger Kalksteinanker, der jedoch nicht geborgen worden ist und von dem lediglich eine schematische Zeichnung publiziert wurde (Abb. 52c). Als Vergleich führt Duerr einen angeblich zeitgleichen Anker aus Südcornwall an.

 

Von Kommos zum Ende der Welt“ reisten, so der Autor, die minoischen Seefahrer. Das vierte Kapitel, welches diesen Namen trägt, widmet sich vor allem der möglichen Reiseroute. Da Duerr, im Gegensatz zu vorherigen Kapiteln, den Seeweg um die Iberische Halbinsel als zu gefährlich erachtet, nimmt er eine Befahrung der heute in Spanien gelegenen Flüsse an. Da die Flüsse, folgt man der Meinung Duerrs, die dieser nicht stichhaltig untermauern kann, in der Bronzezeit wasserreicher waren als heute, dauerte es länger bis die Schiffbarkeitsgrenze erreicht war. Das Schiff soll dann auseinandergenommen worden sein. Wie der Transport zum nächsten Fluss von Statten ging, ist nicht näher erklärt.

 

Das mit dem Namen „Das irdische Paradies und die Insel der Seeligen“ bedachte Kapitel 5 widmet sich zunächst dem Grund der Fahrt: Die Suche nach knapp gewordenen Rohstoffen. Es folgt ein Exkurs über das Zivilisationsempfinden in der Vorantike und Antike, woraufhin Duerr weiter zu den Entdeckungsfahrten des Kolumbus springt, um über diese und die in der frühen Neuzeit unter spanischen Seefahrern verbreitete Vermutung, die Antillen seihen die Insel der Hesperiden, zu den Herakles-Taten zu gelangen, die schließlich den Ausgangspunkt für eine Ausführung zur angeblich fruchtbarkeitsfördernden Wirkung von Gold werden (vgl. goldene Äpfel der Hesperiden), in deren Folge auch die „Penis-Hülle“ des Mannes aus Grab 43 der chalkolithischen Nekropole von Varna/Bulgarien genannt wird. Diese ist jedoch, wie auf dem Befundfoto zu erkennen ist, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit keine "Penis-Hülle" gewesen, da das später in der Rekonstruktion in den Beckenbereich gelegte Goldobjekt ursprünglich an der Außenseite des Oberschenkels des Toten lag.[7] Nach einer Gleichsetzung der „minoischen Entdecker“ mit antiken Heroen folgt ein Exkurs zum Brauchtum diverser Naturvölker vor Seefahrten, die für sich stehend als interessant zu betrachten sind, deren Übertragung auf die spätminoische Gesellschaft aber nicht bewiesen werden kann.

 

Das 6. Kapitel, welches den Namen „Der Weg des Sonnengottes“ trägt, beginnt mit der These Duerrs, dass vor dem 7. Jahrhundert v. Chr. der in griechischen Quellen als Phasis bezeichnete Fluss (heutiger Rioni in Westgeorgien) ursprünglich Tanaïs hieß und die Elbe sei. Der Tanaïs wird aber überzeugend mit dem heute unter dem Namen Don bekannten Fluss in der Südukraine gleichgesetzt.[8] Ausgehend von der in antiken Quellen getätigten Aussage, dass die im heutigen Westgeorgien gelegene Kolchis der Aufbewahrungsort der Sonne sei, beginnt Duerr eine Erläuterung über diverse Sonnengottheiten der antiken Hochkulturen und der Praxis, diese zu rufen bzw. wiederzuerwecken, deren größte Gemeinsamkeit es ist, dass alle in irgendeiner Form mit Geschlechtsverkehr zu tun haben. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Rest des Buches ziehen wird.

 

Kapitel 7 behandelt unter dem Titel „Die Rückkehr des Vegetationsgottes“ die in unterschiedlichen Regionen Europas in unterschiedlichen Zeiten über schriftliche Überlieferungen nachweisbaren Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten bzw. ihnen wesensverwandte Gestalten der niederen Mythologie. Auf diese Weise spannt Duerr über, nach Meinung des Rezensenten, eher dünne Vergleiche den Bogen aus dem Mittelmeerraum in das nördliche Mitteleuropa. Dabei dient die auch den Zwergen der nordischen Mythologie nachgesagte übergroße Libido, welche der der griechischen Satyre gleichen soll, als Überleitung zu einer Interpretation des Eisens als heiligem Stoff (S. 188), da, so Duerr, Eisen als Amulett oder Siegelring im Grab des Tutanchamun bzw. einem Tholosgrab im kretischen Anemóspilia, beides Bestattungen von Angehörigen der sozialen Elite, eine Schadensabwendende Eigenschaft habe. Den Materialwert, den Eisen im 14. Jahrhundert v. Chr. aufgrund seines hohen Schmelzpunktes und der damit verbundenen schwereren  Verarbeitbarkeit gegenüber Kupfer[9] hatte, lässt er damit vollständig außer Acht.

Es folgen schließlich Exkurse zur Kupferversorgung des minoischen Kreta und dem Ursprung des ebenfalls im Rungholtwatt gefundenen Kopalbrockens, dessen Ursprung Duerr an der dem Indischen Ozean zugewandten Seite Afrikas vermutet.

 

Das 8. Kapitel behandelt dann „Das versiegen der Handelsströme aus dem Osten“. Der Autor beginnt dafür mit dem Untergang/der Auflösung der auf dem indischen Subkontinent zu lokalisierenden Indus- und Harappa-Kultur, was die mesopotamischen Hochkulturen und Ägypten ab dem 18. Jahrhundert v. Chr. gezwungen habe, ihre Metalle aus dem östlichen Mittelmeer zu beziehen. Die darauf folgende Annahme, dass die Zerstörung der Stadt Mari 1757 BC durch die Truppen Hammurabis die Minoer zwangen, sich nach neuen Lieferanten für das dringend benötigte Zinn umzusehen, liefert Duerr hier nun als weiteren, jedoch objektiv nachvollziehbaren, Grund für eine Expedition in das Rungholtwatt. Nach einem kurzen Exkurs zu Zinnhandel und –versorgung im Mittelmeer konstruiert er dann mit Verweis auf im westlich der Straße von Gibraltar gelegenen Llanete de los Moros gefundene minoische Keramik, die ebenso gut über den Landweg an diesen Ort gekommen sein kann, den  Fahrtweg der von ihm angenommenen kretischen Seefahrer.

 

Um „Zinn und Bernstein am Rande des Okeanos“ geht es dann in Kapitel 9. Den Anfang des Kapitels bildet dabei die Vorstellung der in Europa nachweisbaren Zinnlagerstätten, in deren Verlauf Hans Peter Duerr die These aufstellt, die sogenannten „Fürsten“ der britischen Wessex- und der mitteleuropäischen Aunjetitz-Kultur hätten ihre Macht und ihren Reichtum durch die Kontrolle dieser Zinnerzlagerstätten erlangt, was im Falle der Aunjetitz-Kultur fast gänzlich auszuschließen ist, da die reichsten Bestattungen, wie zum Beispiel der Grabhügel von Leubingen/Nord-Thüringen, keinerlei räumliche Nähe zu Zinnlagerstätten aufweisen,[10] weil die nächstgelegensten im sächsischen Erzgebirge zu finden sind.

Es folgt die auch in der Fachwelt akzeptierte Meinung, dass am Ende der Spätbronzezeit der Übergang von der Herstellung von Bronzegeräten zu solchen aus Eisen aufgrund von Zinnmangel vonstatten ging. Jedoch ist nach Meinung des Rezensenten der Aussage Duerrs, dass die frühen Eisenwaffen aufgrund des noch nicht erlangten Wissens der effektiven Verstahlung solchen aus Bronze unterlegen waren, nur bedingt zuzustimmen, weil während des Schmelzprozesses in den Rennfeueröfen der Vorgeschichte bereits eine ungewollte Zufuhr von Kohlenstoff zum Eisen aufgrund der für den Schmelzprozess verwendeten Holzkohle erfolgte.[11]

An Erläuterungen zu den Gründen des Zusammenbruchs der minoischen Palastkultur im 13. Jahrhundert v. Chr. schließt sich ein Exkurs zu den phönizischen Expeditionen des 6. Jahrhunderts v. Chr. an, deren Zusammenhang zu den zuvor behandelten Topoi nicht ganz klar wird.

Es folgen Ausführungen zum zweiten, im Titel des Kapitels genannten, Handelsgut, dem Bernstein. Der Autor deutet dabei den Bernstein als Sonnen- und Fruchtbarkeitssymbol und verweist dabei auf aus Bernstein geschnitzte Doppeläxte, die in Gräbern der jüngeren Trichterbecher-Kultur gefunden worden sind. Diese sieht Duerr als Kennzeichen eines neolithischen Vorgängergottes der germanischen Gottheit Thor und damit auch als Potenzkennzeichen des Bestatteten. Diese Annahme, dass eine Gottheit fast unverändert vom Mittelneolithikum[12] bis in das Frühmittelalter überliefert worden ist, ist durch nichts zu belegen. Dabei beschränkt Duerr die Bernsteinbeigaben in Gräbern, indem er sie auf Fruchtbarkeits- oder Sonnenkulte zurückführt, auf einen rein spirituellen Zweck und lässt dabei im Falle der von ihm angeführten Colliers und Perlen den ästhetischen Wert dieses fossilen Harzes außer Acht. Im Folgenden postuliert Duerr zudem einen direkten Kontakt zwischen den Mykenern und den Bewohnern der friesischen Küste. Als Argument bringt er hierbei das Fehlen von in diese Zeit zu datierenden Bernsteinfunden auf den Alpenpässen, was nach Meinung des Rezensenten auch auf den Forschungsstand zurückzuführen ist. Ferner fehlen für den nach Duerr als sicher anzusehenden Fall des direkten Handels ausreichende Nachweise sowohl archäologischer als auch historischer Art. Den irritierenden Abschluss des Kapitels bildet dabei die wenig später vom Autor selbst getätigt Annahme, dass der Handel über das heutige Frankreich gelaufen sein könnte.

 

Im darauf folgenden Kapitel, das den Titel „Das Land der Hyperboräer“ trägt, beginnt der Autor zunächst mit einer Fortführung des Themas Bernsteinhandel. Er stellt dabei die These auf, dass die von den bei Herodot genannten Hyperboräern einmal jährlich in das Letoheiligtum von Delos gebrachten Weizenkörbe Bernstein enthalten haben sollen. Zunächst führt er dann aus, dass es sich bei dem Namen Leto um ein Lallwort für Mutter handeln soll und nennt dabei die lykische und altgriechische Aussprache des Wortes Mutter um diese dann u.a. mit dem russischen Wort lada in Verbindung zu setzten, das seiner Meinung nach Ehefrau heißen soll. Nach allen gängigen Russischwörterbüchern handelt es sich bei dem Wort lada jedoch um den Genitiv des Wortes lad, das übersetzt "Eintracht" bedeutet. Der Begriff für Ehefrau ist supruga. Es bleibt also unklar, woher Duerr diese Übersetzung bezogen hat. Zudem siedelt er den Stamm der Hyperboräer im Nordwesten der antiken griechischen Welt an, die jedoch, folgt man den Angaben Herodots eher im Nordosten der Oikumene zu suchen sind.[13] Beweisen lassen sich beide Annahmen nur sehr schwer, für zweitere These spricht aber, dass sich die von Herodot getätigten Schilderungen und Lokalisierungen der anderen an der Nordschwarzmeerküste ansässigen skythisch geprägten Gruppen mit dem archäologischen Fundmaterial zu decken scheinen.[14] Hans Peter Duerr geht, um seine These zu untermauern, hier erneut davon aus, dass der in antiken Quellen als Tanaïs bezeichnete Fluss die Elbe sei.

 

Das mit „Sind die Fremden Götter?“ betitelte Kapitel handelt nach der anfänglichen Frage, ob die nach Duerr in Friesland gelandeten Minoer auf die einheimische Bevölkerung wie wiedergekehrte Götter gewirkt haben könnten, vor allem von den, aus historischer Zeit überlieferten, Zusammentreffen europäischer Entdecker mit indigenen Stämmen. Es werden unter anderem die Begebenheiten um James Cook, Francisco Pizarro und Oscar Baumann genannt. Ausführungen, die für sich gesehen sehr interessant sind, aber wenig mit dem eigentlichen Thema des Buches zu tun haben.

 

In Kapitel 12 parallelisiert Duerr dann die zuvor im elften Abschnitt beschriebenen Begebenheiten mit dem von ihm angenommenen Zusammentreffen der Minoer mit den Trägern der nordischen Bronzezeit, was erneut zu Abschweifungen in ethnologische Berichte führt.

Auf diese Abhandlung folgt dann im selben Kapitel ein Sprung zu, so Duerr, weitverbreiteten Nachweisen mediterraner Waffen entlang der Nordseeküste. Als Beweis führt er dabei den Fund einer bronzenen Lanzenspitze mit geschlitzter Tülle vom Föhrer Südstrand an. Diese Waffe sei eindeutig minoischer Machart. Bei der Durchsicht der von Duerr zitierten Quellen viel dem Rezensenten jedoch auf, dass die angeführten Vergleichsfunde nicht unter den genannten Seiten und Abbildungszahlen zu finden sind bzw. in einem Fall im gesamten Artikel keine typologisch ähnliche minoische Lanzenspitze zu finden ist.[15] Ebenso konstruiert erscheint die Annahme Duerrs, dass eine weitere Fundgattung, die der bronzezeitlichen Faltstühle, nur mit den Minoern nach Nordeuropa gelangt sein können, zumal er in der entsprechenden Fußnote selbst angibt, dass es sich bei den an der Nordseeküste entdeckten Objekten um nur in Nordeuropa vorkommende Formen handelt. Er vermutet, dass es sich bei den in Gräbern gefundenen Objekten um die Throne der Bestatteten gehandelt hat und führt dafür neben einer ähnlichen Benutzung in den antiken Hochkulturen Vorderasiens den Fund eines Bootsgrabes des Gräberfeldes der Wurt Fallward bei Wremen (Ldkr. Cuxhaven) aus dem zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts n. Chr. an. Eine Parallelisierung die sich schon aufgrund der zu großen Zeitspanne von über 1500 Jahren ausschließt. Zudem handelt es sich bei dem Objekt aus Wremen um einen aus einem Baumstamm hergestellten und mit Kerbschnittmustern verzierten „Klotzstuhl“.[16]

Den Abschluss des Kapitels bilden dann die These, dass es sich bei der ägyptischen Pharaonin Nofretete aufgrund ihrer hellen Haut und ihrer Krone um eine Minoerin gehandelt haben soll sowie, dass das blonde Haar der Nordeuropäerinnen ein weiteres mögliches Handelsgut gewesen sein könnten, da dieses in den Augen der bronzezeitlichen Kreter göttlich gewesen sein soll. Den Reiz des Exotischen lässt Duerr auch hier außer Acht.

 

Das als „Die Westfahrt der Argonauten“ benannte 13. Kapitel beginnt dann mit Abhandlungen über Entdeckungsfahrten im Laufe der Weltgeschichte. Der Autor merkt hier an, dass nicht alle möglichen „Entdeckungsfahrten“ freiwillig gewesen sind und verweist dazu auf die über 200 vor Rio de Janeiro gefundenen römischen Transportamphoren, wobei die in der Fußnote getätigten Anmerkungen keinerlei Bezug zum Haupttext haben. Des Weiteren stellt Duerr in Anlehnung an die Kap-zu-Kap-Fahrten der portugiesischen Entdecker im frühen 16. Jahrhundert für die Minoer eine solche Reiseart als Möglichkeit dar. So soll dann der Weg um die Iberische Halbinsel möglich sein.

Diesen Seefahrtsgeschichten folgen dann Ausführungen zu diversen Totenreise- und Unterweltsvorstellungen in antiken Hochkulturen und indigenen Stämmen in Südost-Asien. Daraufhin erläutert der Autor zunächst die in der Fachwelt weit verbreitete Meinung, dass die historische Basis für die Argonauten-Sage Reisen ägäischer/griechischer Seeleute in das Schwarze Meer seien, negiert diese jedoch, weil das für das „Goldene Vlies“ nötige Gold im Hinterland der westgeorgischen Kolchis nicht vorhanden sei. Eine Behauptung, die als falsch anzusehen ist, da es im Kaukasus ausreichend Goldvorkommen gibt,[17] die auch schon in prähistorischer Zeit ausbeutet worden sind.[18]

 

Das 14. Kapitel ist dann dem „Raub der Vegetationsgöttin“ gewidmet. Über die Interpretation der Fahrt der Argonauten, die die epische Aufarbeitung der minoischen Seefahrten jenseits der „Säulen des Herakles“ (Straße von Gibraltar) darstellen, deutet er dann die diversen Viehraub-Episoden in der griechischen Mythologie, wie die Flucht des Odysseus aus der Höhle des Polyphem, als Heimholung der Sonne. Es folgt dann die Rückkehr zur Parallelisierung diverser Gestalten der griechisch-römischen Mythologie mit der von Duerr postulierten minoischen Vegetations- und Muttergöttin. Diese seien mittels der minoischen Entdecker dann über die friesische Nordseeküste in den Norden Europas gelangt. Als Beweis führt er dafür zum einen die Darstellung zweier Männer auf einer bronzenen Rasierklinge aus Voel an, deren Köpfe von Strichen umgeben sind, die Duerr als Korona deutet, und zum zweiten die Berichte des Tacitus aus dessen Germania über die ostgermanischen Naharvalen an, die, so Tacitus, die Dioskuren Castor und Pollux verehrten. Dass es sich im zweiten Fall um eine sogenannte interpretatio Romana eines nicht genauer zu rekonstruierenden Kultes geht, lässt Duerr dabei völlig außer Acht. Darauf folgen dann Abschweifungen in die unterschiedlichen Mythologien der antiken Mittelmeer-Anrainer, die keinen wirklichen Bezug zum Hauptthema des Buches haben und auf Basis unterschiedlichster Beischlaf-Erzählungen die Überleitung zu Kapitel 15 bilden.

 

Dieses trägt dann den Namen „Die heilige Hochzeit“, in dessen Verlauf der Autor den Geschlechtsverkehr und obszöne Gesten sowie deren Darstellungen als Fruchtbarkeitsrituale deutet. Er verweist dazu auf die Berichte, dass dem Tross des römisch-deutschen Kaisers bei dessen Einzug in eine der Reichsstädte regelmäßig die Huren der örtlichen Bordelle entgegengeschickt worden sind. Diese Geste deutet Duerr als Fruchtbarkeits- und Glückssymbol, was zu kurz gegriffen scheint, weil hinter diesem Auflauf auch die Gewinnkalkulationen der lokalen Frauenhausbesitzer gestanden haben dürfte. Es folgen Ausführungen zu den unterschiedlichsten Geschichten über den hieros gamos (heilige Hochzeit) in den antiken Hochkulturen sowie die Interpretation der jungpaläolithischen „Venus vom Hohlen Fels“ als Fruchtbarkeitssymbol. Die bei dieser vermutlich als Anhänger getragenen Figurine besonders stark hervortretenden Brüste[19] deutet Duerr als eine erotische und vegetationsfördernde Geste, woraufhin er auf eine Reihe anderer ähnlicher Statuetten aus unterschiedlichen Jahrtausenden verweist, um daraufhin zu seiner Annahme, dass es sich beim heiligen Beischlaf um einen Vegetationsregenerationsritus handele, zurückzukehren. In diesem Sinne bildet dann die noch heute in Spanien verbreitete Vorstellung, dass Essen von Stierhoden fördere die Potenz des Mannes, die Überleitung zum folgenden Kapitel.

 

Dieses trägt den Namen „Stieropfer, Minotaurus und Königsmord“ und beginnt mit der Rückführung diverser ostmediterraner Lokalkulte für Apollon und Aphrodite auf das von Duerr postulierten minoische Götterpaar aus Vegetationsgöttin und Wettergott aufgrund diverser Lautähnlichkeiten innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Damit stellt er dann die Überleitung zum Europa-Mythos der griechischen Antike her, die seiner Ansicht nach nur die jüngere griechische Form der älteren minoischen Mythologie sei, da die Vergewaltigung der Europa durch Zeus den von Duerr viel zitierten hieros gamos der Muttergöttin mit dem Wettergott darstelle. Es schließen sich weitere Ausführungen zu diversen griechischen Gottheiten an, die alle mit der minoischen heiligen Mutter oder dem Wettergott gleichzusetzten seien.

Über die metaphorische Umschreibungen des Sexualverkehres zwischen vorderasiatischen Gottheiten leitet der Autor dann zur Zeugung des Minotaurus über, der während des Aktes seiner Mutter Pasiphaë mit einem heiligen Stier gezeugt worden sein soll. Dies sei auch eine abgewandelte Form der minoischen Muttergöttin, die mit dem stiergestaltigen Wettergott den heiligen Beischlaf ausführe.

Nach einem kurzen Exkurs in dessen Verlauf er das mittelalterliche Gottesgnadentum über die germanische auf die antik-mediterrane Mythologie zurückführt stellt Duerr dann die These auf, dass es sich bei den Königsmorden, die in der antiken Epik verhältnismäßig häufig beschrieben werden, um Rituale handelt, die mit einem Fruchtbarkeitskult in Verbindung zu bringen sind, in deren Verlauf der (Priester-)König seine Manneskraft unter Beweis zu stellen hatte, um so den Wohlstand seines Landes garantieren zu können. Scheiterte er wurde er, folgt man den Thesen des Autors, hingerichtet.

Das Ende des Kapitels bildet eine Rückführung fast aller in griechischer Zeit erwähnten männlichen Lokalgottheiten auf den minoischen Wettergott.

 

Das 17. Kapitel, welches sich nach der kurzen Fragen, ob es in der Bronzezeit Kretas nur eine Vegetationsgöttin gegeben habe oder ob die unterschiedlichen griechischen Lokalformen weiblicher Gottheiten auf mehrere Göttinnen hinweisen und von Duerr mit einem klaren ja zu einer einzelnen weiblichen Gottheit beantwortet wird, widmet sich zunächst „Jason und Medeia“. Der Autor stellt zunächst die These auf, dass es sich bei Medeia um eine frühe weibliche Gottheit gehandelt haben muss, da diese auf einer mittlerweile verschollenen Lade aus Olympia als Göttin bezeichnet worden sei und es sich daher bei Jason als ihrem Liebhaber um eine Abwandlung des minoischen Wettergottes handelt. Da es zudem Quellen gibt, nach denen Medeia Menschen zum heilen in einem großen Kessel kochen, würde geht Duerr dann ferner davon aus, dass sich aus diesem Abkochen die Brandbestattung herleiten ließe, da so die Seelen der Verstorbenen den Körper verlassen könnten.

Es folgt ein Exkurs zu diversen mythologischen Gestalten, um Hera und Athena mit der minoischen Fruchtbarkeitsgöttin in Verbindung bringen zu können, deren Begründung nicht wirklich belegbar sind. Zunächst widmet sich der Autor den diversen Betitelungen der Hera im antiken Griechenland. Da diese häufig als „kuhäugige Herrin Hera“ bezeichnet wurde, übersetzt er den Namen Hera als „geschlechtsreife Kuh“, was für ihn ein Synonym für die Fruchtbarkeitsgöttin ist. Die zweite mögliche Bedeutung sei, dass das Wort Hera „Beschützerin“ heißt und daher die Urform der Hera als Beschützerin der minoischen Priesterkönige zu sehen sei. Auch Athena führt er dann auf Basis von ähnlichen Darstellungen weiblicher Bogenschützinnen auf minoischen Siegeln mit solchen der Athena auf griechischen Keramikgefäßen als kretische Fruchtbarkeitsgöttin ein.

 

Das 18. Kapitel, das von Duerr den Titel „Das Goldene Vlies“ erhielt, beginnt zunächst mit einer irischen Sage, wonach eine alte Frau, welche durch den Geschlechtsverkehr mit einem Königssohn verjüngt wird, sich als „Herrschaft über dieses Land“ zu erkennen gibt. Der Autor interpretiert, die Sage dahingehend, dass es sich bei dem Königssohn um einen Vegetationsgott handeln soll. Die Überlegung, dass es sich bei der Greisin um eine Metapher handeln könnte, kommt ihm jedoch scheinbar nicht in den Sinn. Die alte Frau wäre danach, wie es auch in der Sage anklingt, die Personifikation des Reiches des jungen Königs, das unter dessen Herrschaft aufblüht und zu Schönheit und Wohlstand gelangt.

Die sehr vage Parallele, nach der Jason in der griechischen Mythologie die in eine Greisin verwandelte Hera über einen Fluss trägt und dabei eine Sandale verliert, nutzt Duerr anschließend als Überleitung zurück in den Mittelmeerraum. Das Fehlen eines Schuhs sieht er dabei als einen Zustand zwischen Leben und Tot an und kehrt damit zu seiner schon in den vorherigen Kapiteln aufgestellten Jenseitsfahrt-These zurück.

Es folgt ein Exkurs zur Bedeutung diverser Pflanzen (z.B. Lotus) und Tiere (u.a. Meerkatzen) in den antiken Hochkulturen, die alle mit Fruchtbarkeit und Sexualität zu tun haben. Er verweist damit auf ein in vielen Mythologien verbreitetes Narrativ. Des der Suche nach einem Zaubertrank der ewiges Leben schenken soll. Duerr nennt hier unter anderem das babylonische Gilgameš-Epos sowie einen Abschnitt des Hâvâmâls. Die Ausführungen Duerrs lassen sich jedoch in der von ihm gelieferten Interpretation nicht ohne weiteres aus dem Text erschließen.[20] Mit diesem Topos leitet er dann zur Suche der Argonauten nach dem goldenen Vlies über, da auch dieser mythische Schafspelz dem Träger die Unsterblichkeit verleihen sollte. Das Vlies sei dabei eine Verbindung zwischen Gold als Zeichen der Fruchtbarkeit und dem Widder als Träger der Sonne. Er verweist dabei unter anderem auf den Glauben der entlang des Niger beheimateten Dogon. Dieser Glauben, dass es sich bei Widdern um die Lasttiere der Sonne handelt sei bis nach Innerasien verbreitet, weil sich auf der Spitze des sogenannten „goldenen Mannes von Issyk“, der von Duerr als Schamane bezeichnet wird, eine Widderfigurine befunden haben soll. Erstens handelt es sich bei genannter Figurine um einen Steinbock[21] und zweitens ist bis heute die genaue soziale Funktion des in diesem, in Kasachstan gelegenen, Kurgan Bestatteten noch nicht geklärt.[22] Des Weiteren interpretiert er aufgrund der neben den eisernen Trensen in einigen Gräbern der Fergana/Kasachstan auch nachgewiesenen Schaf/Ziegen-Knochen, dass diese als Reittiere dienten. Es bleibt unklar auf welche Fundplätze welcher Zeitstellung er sich dabei beruft. Ferner sind solche Aussagen auf Basis des derzeitigen Forschungsstandes sowohl für die ältere Eisenzeit, in die das Grab von Issyk datiert wird, als auch für die jüngere nicht sicher zu belegen.[23]

Ab Seite 485 kehrt Duerr dann als Abschluss dieses Kapitels zur Bedeutung des Widders als Fruchtbarkeitssymbol zurück.

 

Das Kapitel „Widdergötter und der Argonaut Asterion“ beginnt der Autor dann mit der These, dass es sich bei Widdern um die Urform des minoischen Vegetationsgottes handelt, was er auf die, so seine Aussage, eher seltene Darstellung eines Widder mit Genitalien auf einem Spätminoisch IB-Siegel zurückführt. Anschließend folgt die erneute Rückführung des griechisch-römischen Pantheons, sowie hier auch der keltischen Mythologie auf minoische Vorbilder. Zu diesem Zweck verweist Duerr auf Aussagen römischer Autoren wonach der keltische Gott Teutates Merkur gleichen solle. Auch hier missachtet er, wie schon zuvor die verbreitete interpretatio Romana, mit der die römischen Geschichtsschreiber versuchten sich und ihren Lesern die ihnen fremde Götterwelt zu erklären.

Anschließend erläutert er, dass die Wortverwandtschaft des altiranischen Wortes für Widder mit dem für „strahlender Glanz“ ein Beweis sei, dass der Widder in diesen Kulturen mit der Sonne zu assoziieren sei.

Nach Ausführungen zur altägyptischen Mythologie wechselt Duerr dann zu Orpheus als Besatzungsmitglied der Argo und setzt diesen mit dem minoischen Vegetationsgott gleich, worauf ein erneuter Exkurs zu Fruchtbarkeitsritualen folgt. Über diese gelangt er schließlich zu den Argonauten Deukalion, Asterios und Asterion, die er ebenfalls als Weiterentwicklungen des Vegetationsgottes interpretiert. Über die Lautverwandtschaft der männlichen Namen Asterios/Asterion zu der weiblichen mesopotamischen Gottheit Aštart leitet er dann zu Kapitel 20 über.

 

Dieses trägt dann den Titel „Von Aštart zu Asasara: Transformationen der Großen Göttin“. Duerr erläutert hier zunächst die Bedeutung der Aštart/Ištar als Fruchtbarkeitsgöttin in der altvorderasiatischen Mythologie und der Einführung dieser Vorstellungen via Handel auf Kreta wo der Name Aštart dann zu Asasara umgewandelt worden sei. Aufgrund der gelegentlichen Darstellung der Aštart als Dattelpalme schließt sich dann eine Ausführung zur Dattel sowie diverse anderen Insekten und Tieren als Regenerationssymbol an.

Über einen Verweis auf eine in einem ägyptischen Tempel gefundene Spondylus-Muschel wendet sich Duerr dann dem Fund der selben Moluskenart im Rungholtwatt, die er als Import des 17. Jahrhundert n. Chr. aus Asien einordnet, um daraufhin über den Skorpion zu seinen Ausführungen zu Fruchtbarkeitskulten in den antiken mediterranen und indischen Hochkulturen zurückzukehren.

 

Unter der Frage „Waren die Argonauten Minoer?“ widmet Hans Peter Duerr dann sein letztes Kapitel nochmals seiner These, dass die Argonauticá minoische Kolonialisierung- und Handelsfahrten als historischen Kern hat. Seine Ausführungen, dass die griechische Argonauten-Sage um Jason auf einen älteren minoischen Text zurückgeht, klingt plausibel. Duerr verweist  auf Unsicherheiten bei der Transkription eines kypro-minoischen Textes.

Es folgt die Annahme, dass am Ende der ägäischen Bronzezeit zypriotische Seefahrer auf der Suche nach neuen Kupferquellen mit Hilfe älterer, aus den Bibliotheken von Tyros kopierter, Seekarten das westliche Mittelmeer erkundet haben, da in dieser Zeit im gesamten Mittelmeerraum eine kulturelle Kontinuität sowie gelegentliche Einflüsse von nördlich der Alpen erkennbar seien. Daraus schließt er dann, dass es sich bei den sogenannten „Seevölkern“ um Träger der mitteleuropäischen Urnenfelder-Kultur[24] im Verbund mit anderen Mittelmeer-Anrainern gehandelt hat, die durch innere Unruhen und Hungersnöte zu migrieren begannen. Problematisch ist lediglich, dass es im betreffenden Gebiet des Mittelmeerraumes nur wenige Funde der mitteleuropäischen Urnenfelderzeit gibt, die diese These stützen.[25]

Es folgt die schon häufig in der Fachwelt geäußerte These, dass sich durch eine Verschmelzung diverser spätbronzezeitlicher Mythen und Ereignisse im 8. Jahrhundert v. Chr. die Ilias entwickelte. Als überzeugendste Argumente dienen hier vor allem, die Beschreibung großer Paläste, die es in dieser Form im 8. Jahrhundert in der Ägäis nichtmehr gab sowie der Tatsache das Eisen mehrfach als wertvoller Stoff angesehen wird.

Den Schluss bildet dann die Annahme Duerrs, dass die bronzezeitlichen Narrative bis in die Antike fast unverändert überdauert hätten. Als Beweis sieht er dafür, dass die germanischen Mythen der Völkerwanderungszeit im Mittelalter lebendig gewesen wären. Jedoch muss hier geklärt werden, wie viel die im Hochmittelalter niedergeschriebenen Geschichten, mit denen des 4. Jahrhunderts gemein haben.

 

Es folgt das Nachwort, das von Hans Peter Duerr vor allem dazu aufgewendet wird, um seine größten Kritiker zu diffamieren und sich selbst als Opfer dieser, seiner Meinung nach, unfähigen Wissenschaftler und deren Handlanger darzustellen. Zu diesem Zweck führt er unter anderem die Begebenheit an, dass das Landesamt in Schleswig nicht in der Lage gewesen wäre, von ihm im Watt gefundene Terra Sigillata auf ihren Herstellungsort, seinen Angaben zufolge La Graufesenque in Südfrankreich, zu bestimmen. Hier fehlt eine Abbildung der besagten Scherbe, um auch dem Leser eine Urteilsmöglichkeit zu geben. Die meisten der von Duerr vorgetragenen Anschuldigungen werden dabei in fragwürdigerer Form in den Fußnoten weitergeführt. Des Weiteren führt er aus, dass die Weitergabe des minoischen Siegels nicht über dritte stattgefunden haben kann, da es sich um ein persönliches Objekt handele, das nicht verhandelbar gewesen sei. Als Gegenargument sei hier auf die diversen ägyptischen Siegel, die aus dem Wrack des Uluburun-Schiffes geborgen werden konnten, unter diesen auch eines mit der Namens-Kartusche der Nofretete, verwiesen.[26]


[1] R. Riedel, Fauna und Flora des Mittelmeeres (Hamburg/Berlin 1983).

[2] data.gbif.org/species/14850402 (Zugriff 24.09.2011 14.03 Uhr).

[3] Freundliche Mitteilung durch Dr. C. Becker vom 22.09.2011.

[4] Siehe dazu u.a.: H. Peter-Röcher, Gewalt und Sozialstruktur. Wann beginnen institutionalisierte Konfliktlösungsstrategien? In: S. Hansen, J. Müller (Hrsg.), Sozialarchäologische Perspektiven: Gesellschaftlicher Wandel 5000-1500 v. Chr. zwischen Atlantik und Kaukasus. Internationale Tagung 15. bis 18.  Oktober 2007 in Kiel. Archäologie in Eurasien 24 (Mainz 2011), 451-463.

[5] Siehe für eine Darlegung der Radnadeln der Lüneburger-Gruppe  v.a.: F. Laux, Die Nadeln in Niedersachsen. PBF XIII, Bd. 4 (München 1976) Taf. 1-23.

[6] W. Kimmig (Hrsg.), Importe und mediterrane Einflüsse auf der Heuneburg. Heuneburgstudien 11. RGF 59 (Mai 2000) 96-99.

[7] I. Ivanov, Die Ausgrabungen des Gräberfeldes von Varna (1972-1986). In: Macht, Herrschaft und Gold. Das Gräberfeld von Varna (Bulgarien) und die Anfänge einer neuen europäischen Zivilisation. Ausstellungskatalog Saarbrücken 1988 (Saarbrücken 1988) 55, Abb. 25.

[8] H. Parzinger, Die Skythen (München 2007) 7-18.

[9] Siehe dazu v.a.: R. Pleiner, Iron in Archaeology. The first bloomery smelters (Prague 2000) 135-140. R.F. Tylecote, Metallurgy in Archaeology. A Prehistory of metallurgy in the British Isles (London 1962) 25.

[10] B. Zich, Studien zur regionalen und chronologischen Gliederung der nördlichen Aunjetitzer Kultur. Vorgeschichtliche Forschungen 20 (Berlin 1996) 25.

[11] siehe dazu v.a.: R. Pleiner, Iron in Archaeology. The first bloomery smelters (Prague 2000) 133-136.

[12] Chronologische Einordnung nach: W. Schier, Jungneolithikum und Kupferzeit in Mitteleuropa (4500-2800 v. Chr.). In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Jungsteinzeit im Umbruch. Die „Michelsberger Kultur“ und Mitteleuropa vor 6000 Jahren. Ausstellungskatalog Karlsruhe, 2010-2011 (Darmstadt 2010) 33, Abb. 7.

[13] H. Parzinger, Die Skythen (München 2007) 11.

[14] Zu nennen sind hier vor allem die sog. „Königs-Skythen“ die von Herodot auf der nordöstlichen Krim angesiedelt werden, einem Bereich, der durch besonders große und reich ausgestattete Kurgane gekennzeichnet ist. Siehe dazu: H. Parzinger, Die Skythen (München 2007) 71.

[15] O. Höckmann, Lanze und Speer im spätminoischen und mykenischen Griechenland. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 27, 1980, 13-158.

[16] Reallexikon Germanischer Altertumskunde XXXIV, Wremen, 244-251 (J. Udolph et.al.).

[17] A. Twaltschrelidze, Erzlagerstätten in Georgien. In: Georgien. Schätze aus dem Land des goldenen Vlies. Ausstellungskatalog Bochum, 28. Oktober 2001 bis 19. Mai 2002 (Bochum 2001) 80, Abb. 2.

[18] Th. Stöllner, I. Gambašidze, A. Hauptmann, G. Mindiašvili, G. Gogočuri, G. Steffens, Goldbergbau in Südostgeorgien – Neue Forschungen zum frühbronzezeitlichen Bergbau in Georgien. In: S. Hansen, A. Hauptmann, I. Motzenbäcker, E. Pernicka (Hrsg.), Von Majkop bis Trialeti. Gewinnung und Verarbeitung von Metallen und Obsidian in Kaukasien im 4.-2. Jahrtausend v. Chr. Beiträge des Internationalen Symposiums in Berlin vom 1.-3. Juni 2006. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 13 (Bonn 2010) 139-160.

[19] N.J. Conard, M. Malina, Spektakuläre Funde aus dem unteren Aurignacien vom Hohlen Fels bei Schelklingen, Alb-Donau-Kreis. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2008, 2009, 20-21.

[20] K. Simrock, Edda. Die Götter- und Heldenlieder der Germanen. Übertragen nach der Handschrift des Brynjolfur Sveinsson (Köln 2007) 63-64

[21] Z. Samašev, Die Fürstengräber des Siebenromlandes. In: Im Zeichen des goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen. Ausstellungskatalog Berlin, 6. Juli bis 1. Oktober 2007 (München 2007) 162-170.

[22] H. Parzinger, Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum bis ins Mittelalter (München 2006) 662-668.

[23] H. Parzinger, Die frühen Völker Eurasiens. Vom Neolithikum bis ins Mittelalter (München 2006), 662-668. Ebenda, 795-802.

[24] Ein veralteter Terminus, da die Unterschiede im archäologischen Material im Laufe der Zeit verstärkt herausgearbeitet werden konnten. Siehe dazu u.a.: S. von Schnurbein (Hrsg.), Atlas der Vorgeschichte (Stuttgart 2009) 139.

[25] siehe dazu u.a.: Reallexikon der germanischen Altertumskunde VIII, 429-434, s.v. Fibel und Fibeltracht. Jüngere Bronzezeit im südlichen Mitteleuropa (M. Maute).

[26] Das Schiff von Uluburun. Welthandel vor 3000 Jahren. Ausstellungskatalog Bochum, 15. Juli 2005 bis 16. Juli 2006 (Bochum 2005) 598-601.

 

Fazit

Der Ethnologe Klaus Peter Duerr tritt mit diesem Buch den Versuch an, zu Beweisen, dass vor circa 3000 Jahren minoische Seefahrer ihren Weg bis in das friesische Rungholtwatt gefunden hätten. Er führt dabei unter anderem mehrere Gefäßscherben an, die seiner Bestimmung zufolge mediterraner Machart seien. Des Weiteren nennt er ein stilistisch als minoisch anzusprechendes Siegel, welches für ihn der zwingendste Beweis der persönlichen Anwesenheit eines Minoers in Friesland sei. Die Weitergabe dieses Objektes von Hand zu Hand als Kuriosum wird dabei außer Acht gelassen.

 

Ein weiterer Kritikpunkt sind die nur unzureichend dargelegten Prospektions- und Grabungsmethoden sowie die unzureichende Befunddokumentation. Auch wenn dieses nicht ausdrücklich erwähnt wurde, gewann der Rezensent zudem den Eindruck, dass es sich bei den von Herrn Duerr angestellten Nachforschungen um nicht von der zuständigen Denkmalschutzbehörde genehmigte Grabung handelte.

Die in den 21 Kapiteln vom Autor dargelegten Fakten sind, für sich als Einzelnes betrachtet, durchweg als sehr interessant anzusehen, auch wenn Duerr einen manches Mal ermüdenden Hang zum Sexualleben antiker Sagengestalten und Gottheiten aufweist. So können zum Beispiel die Verweise auf das Brauchtum der von ihm genannten indigenen Gruppen der unterschiedlichsten Weltregionen als willkommene Erweiterung des Allgemeinwissens betrachtet werden. Für den Beweis seiner Thesen dienen diese jedoch nicht. Die wiederholten Rückschritte auf bereits behandelte Themen und die weiten thematischen Abschweifungen kaschieren dabei lediglich das dünne Fundament, auf das Hans Peter Duerr sein Theoriegerüst baut. Daher muss der Rezensent leider dem zu optimistischen Kommentar des Focus, welcher als Werbung für das Buch auf den Rücken von dessen Schutzumschlag gedruckt wurde, widersprechen. „[…] Das vermeintlich Unmögliche[…]“ hat sich nicht „[…] zur historischen Realität […]“ verdichtet.

 

Für die von Hans Peter Duerr gewünschte Anerkennung der Fachwelt ist eine den Richtlinien der archäologischen Fächer entsprechende Publikation nötig, in der er sämtliche Funde in entsprechenden Fotos und Umzeichnungen und alle angefertigten Befundpläne und –fotos vorlegt sowie alle aus anderen Schriften entnommene Abbildungen entsprechend nachweist.

Details

Umfang: 1110 Seiten und 25 Farbtafeln

ISBN: 978-3-458-17469-1

Preis: 34,90 €

Buch Kauflink: Die Fahrt der Argonauten

Datum der Rezension: 12.10.2011

Rezensent: Jens Greif

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