Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden

Autor: Manfred K. H. Eggert

Kategorie: Monographien

Verlag: A. Francke, UTB 2092

Zusatz: 4. überarbeitete Auflage 2012, mit Beiträgen von Nils Müller-Scheeßel und Stefanie Samida.

Schwierigkeitsgrad: Fortgeschrittene

erster Eindruck

Ein exzellenter Begleiter für das Studium und darüber hinaus!

Beschreibung

Prof. i. R. Dr. Manfred K. H. Eggert (Tübingen) studierte unter anderem für sechs Semester an der Universität Hamburg bei Hans Jürgen Eggers. Nach wie vor blickt er „mit Bewunderung“[1] auf die Einführung in die Vorgeschichte seines Lehrers, welche 1959 erstmals publiziert wurde und seitdem mehrere Neuauflagen erlebte (1974, 1986, 2004, 2006, 2010). Mit Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden widmet sich Eggert einem thematischen Bereich, der in dem „Meisterwerk“[2] von Eggers in Ausschnitten angesprochen wurde. Während Eggers wahrlich eine Einführung in die Prähistorische Archäologie bot, setzt Eggert seinen Schwerpunkt auf eine  grundlegende und kritische Auseinandersetzung mit den Denkmodellen und methodischen Verfahren des Faches. Er selbst hat seit seiner Studienzeit ein Werk dieser Art vermisst und nahm sich 2001 mit der Erstauflage des vorliegenden Buches diesem Manko schließlich selbst an. Dass Eggert nicht der einzige war, der an einer solchen Auseinandersetzung Interesse hatte, lässt sich an der Geschichte seines inzwischen 470 Seiten umfassenden Werkes nachvollziehen. Innerhalb von elf Jahren erscheint es nun in der vierten Auflage beim A. Francke Verlag in der Reihe der Universitäts-Taschenbücher. Wir möchten den Autor an dieser Stelle hierzu beglückwünschen!

 

Im Vergleich zur dritten Auflage von 2008 wurde insbesondere das Kapitel XV über „Archäologie, Universität und Öffentlichkeit: Zur gegenwärtigen Situation“ überarbeitet. Da in den letzten vier Jahren an den Universitäten neue Eindrücke zum Bachelorstudiengang gewonnen werden konnten, ist die Überarbeitung dieses Kapitel notwendig geworden. Zusätzlich wurde das Literaturverzeichnis auf einen aktuellen Stand gebracht, indem zahlreiche Neuerscheinungen aus den Jahren nach 2008 aufgelistet werden. Dabei fehlen leider für Studierende interessante Werke wie der Atlas der Vorgeschichte von Siegmar von Schnurbein, der Atlas zur Prähistorischen Archäologie Europas von Miroslav Buchvaldek, Andreas Lippert und Lubomir Košmar oder Basiswissen Archäologie, welches zusammen von Colin Renfrew und Paul Bahn verfasst wurde.

 

Die Struktur des Buches wurde von Eggert so belassen wie in der dritten Auflage. Im einleitenden Kapitel geht Eggert neben den inhaltlichen Grenzen des Buches und dessen Zielgruppe auch auf den Begriff der „Prähistorischen Archäologie“ ein. Dabei wird sein empfindliches Gespür für Begrifflichkeiten und deren Abgrenzungen zueinander deutlich. Ihm zufolge könne es im eigentlichen Sinne keine Vorgeschichte geben, wenn man all diejenigen Phänomene, welche im Zusammenhang mit den Menschen als „Geschichte“ begreift. Es empfiehlt sich daher, von einer urgeschichtlichen bzw. paläohistorischen Archäologie zu sprechen (S. 1f.).

 

Eine inhaltliche Beschreibung und der Prähistorischen Archäologie sowie eine Abgrenzung zu anderen archäologischen Fächern findet man in Kapitel II. In diesem Zusammenhang geht Eggert auf einzelne Etappen in der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Prähistorischen Archäologie als akademisches Fach ein (S. 17-20). Wenn wir bedenken, dass 99,5% der Geschichte des Menschen aufgrund des Fehlens schriftlicher Quellen allein durch Archäologie erforscht werden können (S. 7), so erscheint es folgerichtig die Prähistorische Archäologie eine „grenzenlose Wissenschaft“ zu bezeichnen, der es an Aufgaben und Forschungsmöglichkeiten nicht mangelt (S. 10f.). Allerdings ist sie im höheren Maße als andere archäologische Fächer bei der Interpretation materieller Hinterlassenschaften auf den Analogieschluss angewiesen (S. 13). Eine kulturanthropologische Dimension, in der unter anderem archäologische und ethnologische Forschungen miteinander verknüpft werden, ist dem Fach ebenfalls nicht abzusprechen. Eine Diskussion des Selbstverständnisses der Prähistorischen Archäologie bildet den Abschluss dieses Kapitels. Dabei wird klar, dass es sich um weitaus mehr als eine reine „Wissenschaft des Spatens“ handelt (S. 21f.). Dass in der Öffentlichkeit Archäologie überwiegend als grabende Wissenschaft bekannt ist, kann sicher ein Stück weit auf die Berichterstattung seitens der Medien zurückgeführt werden. Andererseits ist es für Laien tatsächlich nicht spannend zu sehen wie ArchäologInnen stundenlang durch Bibliotheken laufen und Literatur wälzen.     

 

Der Entwicklung des Dreiperiodensystems und dessen Stellung innerhalb der Prähistorischen Archäologie widmet sich Eggert im dritten Kapitel. Auch wenn die von Christian Jürgensen Thomsen formulierte Abfolge einer Stein-, Bronze- und Eisenzeit längst nicht auf allen Kontinenten Gültigkeit besitzt und bis heute durch ein weitaus feineres Chronologiesystem ersetzt wurde, so stellt sie in der Forschungsgeschichte einen Meilenstein dar. Dies ist nicht zuletzt dem nationalistisch begründeten Streit geschuldet, in dem Georg Christian Friedrich Lisch und Johann Friedrich Danneil versuchten, ihrem dänischen Kollegen die Urheberschaft für das Dreiperiodensystem streitig zu machen. Dem forschungsgeschichtlichen Exkurs schließt Eggert mit einer Diskussion zur Rolle des Dreiperiodensystems für die Archäologie heute ab.

 

Eine detaillierte Darstellung paläohistorischer Quellen bietet Eggert in Kapitel IV. Nach einem einleitenden Blick in die Forschungsgeschichte zu den Begriffen

Überrest und Tradition, widmet er sich der Definition urgeschichtlicher Quellen und Befund (S. 50f.). Auch bei der Erläuterung des Konzeptes des geschlossenen Fundes blickt er auf dessen Forschungsgeschichte zurück, bevor er auf die Bereiche Bestattungsritus, Bestattungsform und Grabform in anschaulicher Weise eingeht. Daran anschließend gelingt es Eggert, eine Vielzahl weiterer Quellen wie Horten, Siedlungen, Kultstätten etc. schlüssig voneinander zu differenzieren und zu erklären.

Im Anschluss an die Präsentation des Quellenmaterials wendet sich der Autor  der inneren und äußeren Quellenkritik zu. Es geht in diesem Kapitel also darum, mit welchen Methoden das wissenschaftliche Potential und der daraus resultierende Erkenntniswert von Befunden und Funden ermittelt werden kann. Einen Schwerpunkt legt er auf die regionale Betrachtungsweise der inneren Quellenkritik. Dabei er insbesondere auf frühere Arbeiten von Eggers und Torbrügge ein und würdigt diese eingehend.

 

Mit dem Kapitel VI zur Klassifikation findet ein Wechsel statt. Während in den vorherigen Kapiteln überwiegend Befunde und weniger einzelne Funde betrachtet wurden, rücken nun ausschließlich Artefakte in den Vordergrund. Anhand von Beilen, keramischen Gefäßen und Vollgriffschwertern zeigt der Autor auf wie Artefakte durch zuvor definierte diagnostische Merkmale systematisch klassifiziert werden können. Durch Beispiele aus der Forschungsgeschichte macht er deutlich, dass Klassifikationen keineswegs objektive Gebilde sind und über verschiedene Ansätze entstanden sein können (vgl. analytische und synthetische Klassifikation). Dabei ist es selbstverständlich, dass diese Klassifikationen keineswegs die Wahrnehmung der ursprünglichen BenutzerInnen dieser Artefakte reflektiert. Diese lebten schließlich vor mehreren tausenden von Jahren und da uns schriftliche Überlieferungen fehlen, können wir im besten Falle eine vage Vorstellung davon entwickeln, wie diese Menschen ihre materielle Kultur wahrgenommen haben. Klassifikationen sind letztlich künstlich geschaffene Möglichkeiten, um archäologische Phänome zu strukturieren und gleichzeitig auf einer einheitlichen Basis darüber diskutieren zu können.

 

Mit dem Abschnitt VII zur Altersbestimmung beginnt ein neuer Teil in dem Buch. Dieses und die folgenden Kapitel befassen sich mit archäologischen Datierungsmethoden wie der Stratigraphie, der Typologie, der Seriation, der Horizontalstratigraphie und der Archäologisch-Historischen-Methode, welche in ihren Grundzügen von Hans Jürgen Eggers geprägt wurde. Diese Verfahren dienen alle der Erstellung relativer Chronologien und können im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Datierungen keine absoluten Daten nennen. Relative und absolute Chronologien können sich aber gegenseitig ergänzen. Die Verfahrensweise Eggerts ist auch in diesen Kapiteln für Studienbeginner von Vorteil. Stets bietet der Autor einen fundierten forschungsgeschichtlichen Einblick in die jeweilige Methode, bevor er anschließend kritisch deren Möglichkeiten und Grenzen aufzeigt. Insgesamt lesen sich diese Kapitel hervorragend zu passenden Seminaren in den ersten Semestern an der Universität.

 

In dem Kapitel XIV kommt Eggert im Detail auf die bezeichnende Situation der archäologischen Quellen in der Prähistorischen Archäologie zurück, die er anfangs angesprochen hatte. Schriftlose Kulturen und deren Hinterlassenschaften können allein durch Analogien interpretiert werden. Dieser vergleichende Ansatz gehört zum Wesenskern unseres Faches und wird daher vom Autor mit einer ausführlichen Diskussion bedacht. Was wir finden, sind nämlich in den meisten Fällen die Resten von Resten aus der prähistorischen Lebenswelt. Diese Überbleibsel hatten zu ihrer Nutzungszeit gegebenenfalls mehrere praktische Anwendungszwecke, die jeweils verschiedene Nutzungsspuren hinterließen. Hinzu kommt, dass seit ihrer Niederlegung eine Vielzahl taphonomischer Prozesse auf archäologische Befunde und Funde eingewirkt und diese gefiltert bzw. modifiziert hat, bevor sie letztlich durch Ausgrabungen in die Hände von ArchäologInnen gelangen. Für ein besseres Verständnis ur- und frühgeschichtliche Quellen müssen wir auf Analogien zwischen Fundplätzen, Befundsituationen sowie Vergleichen zu historischen oder rezenten Ethnographien zurückgreifen. Die Verbindung von ethnologischen und archäologischen Daten wurde bisher überwiegend im englischsprachigen Raum praktiziert und hat sich in Deutschland bis dato eher schleppend durchgesetzt. Schließlich bieten uns Experimente die Möglichkeit, prähistorische Nutzungsweisen von Artefakten zu verstehen und Abläufe erklären zu können. Insbesondere bei ethnoarchäologischen Analogien ist es wichtig, dass eine grundlegende Schlüssigkeit der Analogien gegeben ist und dass der Kontext, aus dem die Vergleiche stammen, ausreichend dokumentiert und reflektiert wird. Anderenfalls ist eine Verknüpfung  materieller und immaterieller Kultur unmöglich. Eggert selbst kann aufgrund seiner zahlreichen ethnologischen Feldarbeiten die Möglichkeiten und Grenzen dieser Methode verständlich darlegen und kommentieren.

 

Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation des Faches Ur- und Frühgeschichte und dessen Neu-Strukturierung durch die Bologna-Reform stellt Stefanie Samida in dem überarbeiteten Kapitel XV vor. Darin zeigt sie auf, dass schon seit mehreren Jahrzehnten archäologische Fächer wie die Prähistorische Archäologie ihre Existenz und „gesellschaftliche Relevanz“ vor der zum Sparen aufrufenden Politik rechtfertigen muss. Dem Desinteresse an geisteswissenschaftlicher Arbeit ist vor wenigen Jahren der Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte an der Humboldt Universität zum Opfer gefallen. Dass infolge der ständigen Einsparungen ein beachtliches Missverhältnis zwischen der Zahl der ausgebildeten Archäologen und der ihnen zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze entstanden ist, kann sie sehr gut anhand von Erhebungen und Umfragen sowie statistischer Auswertungen für die Zeit von 1988 bis 2010/2011 darlegen. Nach ihrer Einschätzung stehen den momentan ca. 4.000 im Haupt- oder Nebenfach Ur- und Frühgeschichte, Archäologie des Mittelsalters und der Neuzeit Studierenden ungefähr 550 Dauerarbeitsplätze zur Verfügung. Passend zu diesem Zustand legt Samida Erhebungen zu den beruflichen Aussichten von Absolventen vor. Ihre Ausführungen lassen sich mit „düster“ treffend umschreiben (vgl. S. 407-412). Verhältnismäßig gute Aussichten auf einen Arbeitsplatz hat, wer seine Promotion „zügig“ hinter sich bringt und überdies über Kontakte zu berufstätigen Archäologen verfügt (S. 404).



[1] Vgl. Vorwort zur Erstauflage von Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden.

[2] Vgl. Vorwort zur Erstauflage von Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden.

Fazit

Eggert wendet sich „in erster Linie an eine professionelle Leserschaft“ (S. 3). Infolge dessen befinden sich seine Ausführungen auf einem sprachlich ausdifferenzierten und zeitweise komplexen Niveau. Auch wenn man in den ersten zwei Semestern vielleicht nicht alles auf Anhieb versteht, macht es dennoch Sinn, sich dieses Buch zu Beginn des Studiums zuzulegen. Ich habe es so gemacht und konnte so Verlauf im meines Studiums immer wieder darin nachschlagen. Wenn man sich wirklich allein als interessierter Laie mit Prähistorischer Archäologie befassen will, dann sind Eggerts Ausführungen schon zu komplex. Der gekonnte Umgang des Autors mit wörtlichen Zitaten anderer AutorInnen kommt dem Verständnis der Sachverhalte stets zugute. Im Zuge seiner kritischen Auseinandersetzungen mit den Thesen und Methoden einzelner PrähistorikerInnen lässt er diese an passender Stelle nämlich direkt zu Wort kommen. Eggert versteht es, diese Besprechungen frei von Diffamierungen auf einem sachlichen Niveau zu führen und lebendig zu gestalten. Auch die Rückblicke in die Forschungsgeschichte werden von ihm lehrreich und anschaulich gestaltet. Es gelingt dem  Autor sehr gut, die Bedeutung und den Wert der Forschungsgeschichte für uns heute herauszuarbeiten. Dieses Buch ist in jeder Hinsicht ein hervorragender Begleiter zum Studium.

Details

Umfang: 470 Seiten, 95 s/w Abbildungen

ISBN: 978-3-8252-3696-0

Preis: 26,99 €

Buch Kauflink: Prähistorische Archäologie

Datum der Rezension: 14.06.2012

Rezensent: Jan

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