O, schaurig ist's, übers Moor zu gehen ...

Autor: Mamoun Fansa und Frank Both (Hrsg.)

Kategorie: Sammelwerke

Verlag: Philipp von Zabern

Schwierigkeitsgrad: Anfänger bis Fortgeschrittene

Webseite: www.zabern.de

Erster Eindruck

Eine sehr schöne Einführung in die Moorarchäologie, die auch als Nachschlagewerk funktioniert.    

 

Beschreibung

Heft 79 aus der Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch in Oldenburg wurde von Mamoun Fansa und Frank Both unter dem Titel „O, schaurig ist’s übers Moor zu gehen“. 220 Jahre Moorarchäologie im Verlag Philipp von Zabern herausgegeben. Es ist eine von zwei Begleitschriften zur aktuellen Sonderausstellung im Landesmuseum, das in diesem Jahr sein 175. Jubiläum feiert.

 

Es handelt sich um ein 260-seitiges Sammelwerk mit hochwertigen 161 Farb- und 129 s/w-Abbildungen. In acht Aufsätzen wird den Lesenden das Moor als ein Lebensraum vorgestellt, der in ur- und frühgeschichtlicher Zeit vielseitig genutzt wurde. Vielseitig deshalb, weil es im Moor weitaus mehr zu finden gibt als Moorleichen. Zum Beispiel Moorwege, Horte oder Artefakte aus organischem Material (hölzerne Waffen, Kleidung, Brote etc.). Warum ist das so? Gerade die natürlich gewachsenen Hochmoore zeichnen sich durch ein saures Milieu aus, in dem organische Materialien hervorragend konserviert werden. Eingebettet im nassen Moorkörper können die sonst vom Zerfall bedrohten Hinterlassenschaften über Jahrtausende hinweg erhalten bleiben. Kurz: Was einmal im Moor drin ist, bleibt für die Zukunft bestens erhalten. Zumindest solange das Moor nicht entwässert wird. Letzteres ist seit dem 19. Jahrhundert aus (land-)wirtschaftlichem Interesse in großem Umfang betrieben worden. Wenn 1980 die Moore nicht unter Naturschutz gestellt worden wären, gäbe es heute keine mehr.

 

Mit „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen …“ soll dem Leser der status quo nach rund 200 Jahren Moorarchäologie präsentiert werden. Der einführende Aufsatz „Hochmoor: Einmaliger Lebensraum und nasses Geschichtsbuch“ von Carsten Ritzau und Lena Strauch bringt dem Lesenden zunächst das Hochmoor als Lebensraum näher. Präsentiert werden Unterschiede zum Niedermoor sowie die an das Hochmoor angepasste Flora und Fauna. Umweltschutz ist kein rein politisches Thema. Die Autoren betonen mehrfach die Wichtigkeit des Schutzes von Hochmooren, um dem gegenwärtigem Degenerationszustand entgegenzuwirken. Dies geschieht nicht nur aus einem archäologischen Interesse sondern auch im Sinne des Artenschutzes. Der Großteil der Flora und Fauna in den Hochmooren ist so speziell angepasst, dass ihre Lebensgrundlagen von der Existenz des Moores abhängig sind.    

 

Mit „Mystische Moorlandschaften: Mal schaurig, mal romantisch“ schildert Lena Strauch die Wahrnehmung des Moores zu unterschiedlichen Zeiten. Gerade in ur- und frühgeschichtlicher Zeit sei das Moor aufgrund seiner Lebensfeindlichkeit nur dann aufgesucht worden, wenn man es nicht vermeiden konnte. Erst mit der Entwässerung und dem wirtschaftlichen Torfabbau entstand ein Bewusstsein für die Einzigartigkeit des Hochmoores. Dieses ging mit einer romantisierenden Wahrnehmung der Landschaft seitens zahlreicher Künstler im 19. Jahrhundert einher.  

 

Mamoun Fansa und Frank Both bieten zunächst einen Einblick in die wichtigsten Stationen der Forschungsgeschichte zu den Moorwegen in Niedersachsen, bevor sie in dem 127 Seiten umfassenden Beitrag „Die Moorwege des Weser-Ems-Gebietes“ präsentieren. In diesem Aufsatz stellen die Autoren jeden archäologisch bekannten Moorweg vor, samt dessen Forschungsgeschichte und Bauweise. Sofern vorhanden, werden Details wie Länge, Breite Nutzungsdauer, verwendetes Holz und die Datierung des jeweiligen Weges genannt. Zusätzlich werden besondere Funde vorgestellt, die beim Ausgraben gemacht wurden.  

Philipp Roskoschinski beschreibt im Anschluss „Die vier hölzernen Übungsschwerter vom Bohlenweg XXV (Pr)“. Überzeugend kann er dem Leser näher bringen, warum es sich hierbei um militärische Übungsschwerter aus der Älteren Römischen Kaiserzeit handelt und nicht um Waffen, die aus der Not heraus hergestellt wurden, um gegen Römer zu kämpfen.

 

Auf die unterschiedliche Bauweise sowie die Entwicklung von Rad und Wagen geht Frank Both in seinem Beitrag „Rad- und Wagenentwicklung: Funde aus nordwestdeutschen Mooren“ ein. Er erklärt wie anhand der Rad- und Wagenfunde aus den Mooren Nordwestdeutschlands die Entwicklung derselben nachvollzogen werden kann. Hervorgehoben wird auch hier die Arbeit von Hajo Hayen. Zudem werden Rekonstruktionen von Wagen aus der Jungsteinzeit, der Bronzezeit sowie ein Leiterwagen des 12./13. Jahrhunderts nach Christus präsentiert, die Dank gut erhaltener Funde neben bzw. entlang der Moorwege nachgebaut werden konnten.

 

Der vorletzte Aufsatz von Erhard Cosack ist einem brotförmigen Fundstück gewidmet, welches beim Ausgraben von Bohlenweg XII im Ipweger Moor entdeckt wurde. Nachdem der Fund anfangs als Brot interpretiert wurde, stellte sich später heraus, dass er aus Bienenwachs hergestellt wurde. Wie gelangt ein Brotimitat aus Bienenwachs ins Moor? Cosack kann mit der Hilfe experimenteller Archäologie einen praktischen Verwendungszweck für das vermeintliche Brotopfer ausfindig machen. Welcher Sinn dahinter steckt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

 

Mit ihrem Aufsatz über Einbäume bietet Christina Wawrzinek dem Leser einen Überblick zu Einbäumen. Anlass ihres Beitrages ist es, das Image eines vermeintlich primitiven Bootstyps aufzubessern. Dabei konzentriert sie sich auf die handwerklichen Aspekte und schildert wie noch im 20. Jahrhundert Einbäume hergestellt wurden. Auch Mythen über Einbäume stellt sie vor. Wer wissen will, warum der Teufel Einbaum fährt, sollte diesen Beitrag lesen. Neben der Beschreibung der zur Einbaumherstellung notwendigen Arbeitsabläufe bietet sie in einem Katalogteil eine Übersicht zu den Einbaumfunden aus dem Oldenburger Raum und denjenigen, die zwar nicht aus der Gegend stammen aber in den Fundakten verzeichnet wurden. Leider gibt es zu den Funden keine Kartierung.

 

Insgesamt ist hier ein gut lesbarer Band veröffentlicht worden. Mit 290 Abbildungen auf 260 Seiten ist er umfassend illustriert. Qualität von Bild und Papier sind hervorragend. Auch die für das Museum namensgebende Verbindung von Natur und Mensch kommt zur Geltung. Die Katalogteile zu den Moorwegen und Einbäumen bieten eine gelungene Übersicht zum vorhandenen Fundmaterial. In Zukunft wird sich jeder glücklich schätzen, der sich mit Funden aus dem Moor befassen wird: Man kann nämlich auf diesen Band zurückgreifen. Es können gelegentlich Verständnisprobleme auftreten, wenn handwerkliche Begriffe genannt werden. Gerade dann empfiehlt es sich, die Zeichnungen genauer zu betrachten. Meistens konnte durch die Abbildungen geklärt werden, was gemeint ist. Ein anderer Stichpunkt ist die Kontextualisierung der Funde. Der Leser darf nicht vergessen, dass in diesem Band nur diejenigen Funde präsentiert werden, die unter oder entlang der Moorwege im Weser-Ems-Gebiet gefunden wurden. Moore sowie Fundstellen östlich der Weser werden nicht in die Betrachtung einbezogen: Zum Beispiel der Radfund aus dem Seemoor bei Hambergen (Landkreis Osterholz).

Fansa und Both deuten an, dass der Weg XXXI (Ip) Einblicke in das soziokulturelle Gefüge seiner Erbauer bietet (Seite 148). Allein um dem Leser verständlich zu machen, welches Aussagepotential ein Moorweg innehaben kann, hätten sie näher auf diese Hinweise eingehen können. Geht es doch vorrangig in der modernen Archäologie darum, dem Leben des ur- und frühgeschichtlichen Menschen so nahe zu kommen wie möglich. Im Gegenzug zu einem Einblick in soziale und kulturelle Strukturen wäre ein Verzicht auf ein oder zwei Abbildungen in Kauf genommen worden. Der Beitrag über die Moorwege hätte durch eine abschließende Bewertung über das „Mensch-Moor-Verhältnis“ gekrönt werden können. Nachdem anfangs die These aufgestellt wurde, dass das Moor bereits im Neolithikum als unheimlich empfunden worden sei, wird in den folgenden Aufsätzen nicht mehr darauf eingegangen. Wie ist die Existenz der zahlreichen Moorwege einzuschätzen, wenn man das Moor gefürchtet haben soll? Beweisen die Wege etwa nicht, dass der Drang nach Kontakten zu anderen Dörfern jenseits des Moores größer war als die Furcht vor den Mooren?

 

Fazit

Moore gehören zu den bedeutendsten Geschichtsarchiven der Archäologie und müssen daher geschützt werden. Dieses Buch sensibilisiert den Leser, nicht nur die natürliche Schönheit des Moores sondern auch dessen einmaligen archäologischen Wert zu erkennen und schätzen zu lernen. Die erstmalige Vorlegung der Einbäume, der Überblick zu den Moorwegen sowie neue Interpretationen zu Funden aus den letzten Jahrzehnten machen diesen Band zu etwas Besonderem. Antworten auf die Frage „wie haben die das gemacht?“ werden in einer verständlichen Form gegeben. Prähistorisches Handwerk und experimentelle Archäologie werden aufgegriffen, um Befunde und Funde zu erklären. Die Beiträge gehen über das bloße Beschreiben weit hinaus und bieten zudem weiterführende Literatur für denjenigen, der mehr will.

 

Eine sehr schöne Einführung in die Moorarchäologie, die auch als Nachschlagewerk funktioniert.       

 

Details

Umfang: 206 Seiten, 161 Farb- und 129 s/w-Abbildungen

ISBN: 978-3-8053-4361-9

Preis: 29,90€

Buch Kauflink: O, schaurig ist's, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie: 220 Jahre Moorarchälogie

Datum der Rezension: 27.06.2011

Rezensent: Jan

praehistorische-archaeologie.de bietet dir frei zugängliche Inhalte. Mit einer Spende z.B. bei flattr kannst du uns unterstützen.

Hinweis

Wir geben uns große Mühe um die Korrektheit unserer Inhalte. Sollten es dennoch Fehler oder Ungereimtheiten geben, würden wir uns über einen Kommentar freuen!