Gewichtssysteme in der Bronzezeit

Die Kendall-Formel und ein typisches Diagramm, welches hiermit erzeugt werden kann.

Einleitung

Ringbarren
Ein frühbronzezeitlicher Ringbarren. Der Maßstab entspricht 10 cm. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Unter allen Lebewesen auf der Erde nimmt der Mensch eine herausragende Stellung ein. Wir sind außerordentlich kommunikationsbedürftig und neugierig. Das ist es, was uns antreibt und uns immer wieder über unsere Horizonte hinausblicken und eine immense kulturelle Vielfalt entwickeln lässt. Deshalb lassen sich unsere Kulturen keineswegs so klar voneinander abgrenzen wie man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch annahm. Strikte Grenzen zwischen Kulturräumen im Sinne von Gustaf Kossinna oder Friedrich Ratzel gab es sehr wahrscheinlich nie. Vielmehr ist davon auszugehen, dass materielle Kultur einem stetigen Wandel unterlag, der fließende „Kulturgrenzen“ hervorbrachte. Wir können das durch drei Prozesse erklären: Durch endogene Kulturprozesse, d.h. durch selbst hervorgebrachte Neuerungen, durch Wanderungen von Menschengruppen oder durch die Verbreitung materieller Kultur durch Aktionen wie Schenkung, Tausch und Handel.

 

Ausgehend von ökonomischen, sozialen, religiösen oder politischen Impulsen wird man über weite Entfernungen hinweg Fernkontakte gepflegt sowie Tausch und Handel betrieben haben. Im Zuge der Kontakte wurden neben materiellen Ressourcen wie z.B. Bernstein, Spondylusmuscheln oder Bronze auch immaterielle Ressourcen wie Wertvorstellungen, Schrift- oder Zählsysteme weitergegeben. Mit Bernhard Hänsel können wir Tausch, Handel und Verkehr als „offene Systeme“ verstehen. Diese Systeme fördern unsere interkulturelle Kommunikation und damit nicht nur den Transfer von Rohstoffen, sondern eben auch die Weitergabe von Ideen. D.h. diese Systeme und die darin eingebundenen Ressourcen hatten (und haben auch heute noch) einen maßgeblichen Einfluss auf die Formulierung und Herausbildung sozialer wie auch politischer und wirtschaftlicher Machtverhältnisse.

 

Im Rahmen dieses Themas werden wir auf eine Fundgattung aufmerksam machen, die sowohl in der Literatur wie auch der öffentlichen Wahrnehmung prähistorischer Kulturen verhältnismäßig wenig Beachtung finden: Gewichte. Wie wir nachher noch sehen werden, lassen sich mit Gewichten sehr gut inner- wie auch interkultureller Handel und Tausch diskutieren. In diesem Rahmen werden wir uns mit der Entwicklung und Verbreitung aber auch der sozialen Bedeutung von Gewichten in der Bronzezeit beschäftigen. Vergleichend werden wir die Verwendung von Gewichten und Gewichtssystemen im Mittelmeerraum, Vorderen Orient sowie Mittel- und Nordeuropa näher betrachten. Um den Blick nicht im Detail zu verlieren, werden außerdem Bronzemetallurgie, Schriftquellen und die Verbreitung von spezifischen Darstellungsmotiven und Artefakten in die Überlegungen einbezogen. Nur so können wir ein plastisches Bild von der Gewichtsnutzung bzw. deren Bedeutung gewinnen. Ohne diese Hintergründe wäre es schwer, der Frage nachzugehen, warum wir im bronzezeitlichen Europa eine völlig Situation vorfinden als im Mittelmeerraum oder dem Vorderen Orient.

Definition von Gewicht und Gewichtssystem

Spulenförmige Gewichte aus dem Mittelmeerraum. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.
Stabbarren aus Mitteleuropa. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Bevor wir uns dem Fundmaterial zuwenden, sollten wir an dieser Stelle noch kurz grundlegend über Definitionen verständigen. Gewichte sind Objekte, die Maßeinheiten verkörpern und infolgedessen eine standardisierte Formgebung ausweisen und zumeist aus einem spezifischen Rohstoff hergestellt werden. Die einzelnen Gewichtsabstufungen bilden eine logische Abfolge, mit der auf einer quantitativen Skala operiert werden kann. Ein Gewichtssystem liegt dann vor, wenn diese logischen Maßverkörperungen vielfach auf einem oder gleich auf mehreren Fundplätzen nachweisbar sind.

 

Archäologisch stellen Gewichtsstücke folglich eine Objektgattung dar, die sich durch eine standardisierte Formgebung und einen spezifischen Werkstoff auszeichnet. Erfahrungsgemäß nutzte man extrem witterungsbeständige Rohstoffe zur Herstellung von Gewichten, sodass eine längere Nutzung gewährleistet und eine Gewichtsveränderung ausgeschlossen werden konnte. So finden wir in der Ägäis, in Anatolien und Vorderasien während des dritten und zweiten Jahrtausends v. Chr. überwiegend Gewichte aus Hämatit, der im Hochland abgebaut wurde. Das Material kann je nach der mineralogischen Zusammensetzung einen dunkelroten oder metallischen Glanz haben. Die Mohs’sche Härte von Hämatit kann bis zu 6,5 betragen. Zudem ist es eines der weltweit verwitterungsbeständigsten Minerale.

Weitere Beiträge zum Thema:

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Anna Michailidou Measuring by weight in the Late Bronze  
Colin Renfrew Age Aegean: The people behind the measuring tools. In: Iain Morley – Colin Renfrew (eds.), The Archaeology of Measurement: Comprehending Heaven, Earth and Time in Ancient Societies (Cambridge 2010) 71-87.  
Karl M. Petruso Keos, Vol.8, Ayia Irini, The Balance Weights (Mainz/Rhein 1992) -
Cemalettin Mustafa Pulak Analysis of the weight assemblages from the late bronze age shipwrecks at Uluburun and Cape Gelidonya, Turkey. Dissertation (Texas A&M University 1996) -
Lorenz Rahmstorf Zur Ausbreitung vorderasiatischer Innovationen in die frühbronzezeitliche Ägäis. Prähistorische Zeitschrift 81, 2006 49-96.
Lorenz Rahmstorf In search for the earliest balance weights, scales and weighing systems. From the east mediterranean, the near east and the middle east. In: Maria Emanuela Alberti – Enrico Ascalone – Luca Peyronel, Weights in Context. Bronze age weighing systems of Eastern Mediterranean: chronology, typology, material and archaeological contexts: proceedings of the International colloquium, Roma 22nd-24th November 2004 (Rom 2006) 9-44.
Lorenz Rahmstorf The concept of weighing during the Bronze Age in the Aegean, the Near East and Europe. In: Iain Morley – Colin Renfrew (eds.), The Archaeology of Measurement: Comprehending Heaven, Earth and Time in Ancient Societies (Cambridge 2010) 88-105.
Lorenz Rahmstorf Die Nutzung von Booten und Schiffen in der bronzezeitlichen Ägäis und die Fernkontakte der Frühbronzezeit. In: Harald Meller – François Bertemes (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen: Internationales Symposium in Halle (Saale) 16.-21. Februar 2005 (Halle 2010) 675-697.
Lorenz Rahmstorf Indications of Aegean-Caucasian relations during the third millennium BC. In: Svend Hansen et al. (Hrsg.), Von Majkop bis Trialeti: Gewinnung und Verbreitung von Metallen und Obsidian in Kaukasien im 4.-2. Jt. v. Chr. Beiträge des Internationalen Symposiums in Berlin vom 1.-3. Juni 2006 (Bonn 2010) 263-295.
Shereen F. Ratnagar Theorizing Bronze-Age intercultural trade : the evidence of the weights. Paléorient 29/1, 2003 79-92.
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