Die Entstehung von Gewichtssystemen

Gewicht mit einer Keilschrift-Inschrift. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Die Erfindung von Maßeinheiten und Gewichten

Theorien über die Herausbildung bzw. Entwicklung von Gewichten und Gewichtssystemen findet man in der Literatur nur selten. Denise Schmandt-Besserat sieht eine enge Verbindung zwischen der Rationierung von Nahrungsmitteln und der Herausbildung von Gewichten. Nach ihrer Theorie habe man anfangs zur Rationierung von Mengen Referenzen aus dem eigenen Haushalt herangezogen. Dazu dienten handgefertigte Gefäße aus gebranntem Ton. Wollten mehrere Haushalte miteinander agieren, so musste man sich auf Standardgrößen von Gefäßen einigen, die für alle verpflichtend waren. Im diesem Schritt habe man sich auf Gewichtverhältnisse geeinigt, die mit bestimmten Mengen an Nahrungsrationen identisch waren. Dass Nahrungsmittel bei der Herausbildung von Gewichten eine besondere Rolle spielten, lässt sich anhand zweier Funde sehr gut veranschaulichen. Aus Deir el-Medina liegt der Fund eines Gewichtes samt einer Inschrift vor, auf der „Gewicht eines frisch gereinigten Fisches“ steht. Bei Aghia Photia auf Kreta wurde ein ähnliches Gewicht mit der Darstellung eines Fisches und einer Linear A Inschrift gefunden.

Die Etablierung von Gewichtssystemen geht mit einem Prozess einher, an dessen Ende ein Übergang von Tokens, die Rohstoffe repräsentieren, zu Markierungen für Rohstoffe und Quantitäten steht. Die Einführung von Gewichten spiegelt in diesem Sinne nicht nur eine neue Umgangsweise mit einem bereits vorhandenen Zahlensystem wider, sie ist überdies mit der Entstehung von Schrift verbunden.

 

In frühen schriftlichen Überlieferungen wurden Mengen und deren Bezugsobjekte mit einem sogenannten Zählwort ausgedrückt. Eine sprachliche Trennung zwischen der Mengenangabe und dem Rohstoff gab es nicht. Diese Art des Zählens wurde zum Ende des vierten Jahrtausends v. Chr. von Piktogrammen abgelöst, mit denen Zahlen und die Dinge, auf die sie Bezug nahmen, getrennt dargestellt wurden. Durch diesen Vorgang entwickelten sich zwei unterschiedliche Systeme, eines für Wörter und eines für Zahlen. Mittels dieser beiden Systeme war es möglich, eine komplexe Administration in der Tempelwirtschaft zu entwickeln und die Annahme bzw. Redistribution von Gütern und Rohstoffen exakt zu dokumentieren.

Die Einführung von Maß- und Mengeneinheiten ist aber nicht nur ein Prozess, der praktische und materielle Veränderungen hervorruft. Sie verändert auch das Verhältnis von einem Menschen zu seiner Umwelt und zu seinen Mitmenschen. Mit der Benutzung von Gewichtseinheiten als Referenzen wird eine neue Sichtweise auf materielle Kultur geschaffen, weil sie eine neue Ordnung der Dinge erlauben. Objekten können nun messbare Werte zugeordnet werden. Sobald auf überregionaler Ebene einheitliche Gewichtsstandards existieren, werden Austausch und Handel von Rohstoffen bzw. Waren vereinfacht. Hinzu kommt, dass mittels der Gewichte der Wert amorpher Massen bestimmt werden kann. Gerade im Metallhandwerk ist dies notwendig.     

Verbreitung und Akzeptanz von Gewichtssystemen

Die Verbreitung von Gewichtssystemen ist nach Kula an soziale und wirtschaftliche Dynamiken gebunden. So können sich Standardisierungen von Gewichten nur über weite Räume verbreiten, wenn politische Stabilität und kulturelle Akzeptanz gegeben sind. Wenn diese Voraussetzungen nicht erfüllt werden, würden sich mehrere Gewichtssysteme mit einer kleinräumigen Verbreitung herausbilden – wenn überhaupt. Rahmstorf geht ebenfalls aus, dass es zur Durchsetzung einheitlicher Gewichte ein überregionales Verlangen nach einer genauen Wertbestimmung geben müsse. Diese sei aber nur über eine politische Kontrolle zu erreichen wie man sie aus staatlichen oder protostaatlichen Gemeinschaften kenne. Für das Entstehen und die Verbreitung von Gewichtssystemen gibt er eine Liste mit kulturellen Rahmenbedingungen. Demnach seien Gewichte Teil des Early Urban Package, welches sich durch die folgenden fünf Punkte auszeichnet.

 

  1. Einheitliche Verwendung von Maßen und Gewichten.
  2. Administrative Verwendung von Siegeln bzw. Schrift
  3. Komplexe Metallurgie für Zinn, Gold und Silber
  4. Standardisierte Gefäße und Massenproduktion (z. B. "Glockentöpfe")
  5. Existenz von Siedlungszentren mit mehr als 1.000 Einwohnern und einer Größe von 4 bis 5 Hektar

 

Nach Rahmstorf können sich Gewichtssysteme nicht in Gesellschaften etablieren, deren Lebensweise von diesen Kriterien abweicht. Für eine Existenz von bronzezeitlichen Gewichtssystemen in Europa sieht er nicht ausreichend Indizien im Fundmaterial. Über die wenigen bekannten Gewichte schreibt er: „Probably, the range of possible shapes of the weights demonstrates the lack of a central political authority that might have achieved more standardisation in morphology as well as in units.“ (Rahmstorf 2010a: 99). Die Integrität der wenigen bekannten Gewichte und Waagen streitet er aber nicht ab. Das Fundmaterial zeigt, dass ab dem späten 14. Jahrhundert v. Chr. das Konzept des Wiegens in Europa bekannt gewesen sei.

Tatsächlich finden wir in der Literatur Hinweise darauf, dass Gewichtseinheiten zumindest in Mesopotamien von Herrschern vorgegeben wurden. Dass bekannteste Beispiel finden wir bei dem Ur-III-zeitlichen König Šhulgi, der zwischen 2094 und 2047 v. Chr. in der Hauptstadt Ur regierte. Während seiner 48jährigen Herrschaft zeichnete er sich mitunter dadurch aus, dass er den überregionalen Handel förderte, indem er Straßen bauen lies und die Einheiten von Gewichten und Maßen vereinheitlichte.    

Der kulturelle Kontext der ersten Gewichtssysteme

Das sexagesimale Gewichtssystem der frühen Bronzezeit im Mittelmeerraum. Tabelle nach Rahmstorf (2011: 153).

Die Gedanken von Kula und Rahmstorf verdeutlichen uns, dass es wenig Sinn macht, Gewichtssysteme allein für sich zu betrachten. Sie werden für uns verständlicher und fassbarer, wenn wir sie vor dem Hintergrund zeitgleicher gesellschaftlicher Entwicklungen und technologischer Innovationen betrachten. Im vierten und dritten Jahrtausend v. Chr lassen sich fundamentale Veränderungen in der gesellschaftlichen Organisation im vorderasiatischen Raum nachvollziehen, die mit der Entwicklung und Verbreitung der Bronzemetallurgie in Verbindung stehen.

 

Wie bereits angedeutet, geht die Verbreitung verschiedener Gewichtstypen und Gewichtssysteme mit der Herausbildung von Schrift und Stadtstaaten einher. Die Einführung von Schrift und Gewichtseinheiten bildeten zusammen mit Siegeln und Versiegelungen die Grundlagen der Tempelwirtschaft. Hinzu kommen die Etablierung von Fernbeziehungen und Handelskontakten, die von der Ägäis über Syrien nach Mesopotamien und Ägypten reichen. Diese lassen sich am Beispiel der Verbreitung von Depasgefäßen, Knochentuben, Schmuck, Schaftlochäxten und den Gewichten selbst nachweisen. Auch Lapislazuli wurde über weite Strecken verhandelt. Funde aus Ebla zeigen, dass es zuweilen in Einheiten von einer Mina (ca. 470 g) verhandelt wurde.

 

Neben Landwegen war insbesondere die Intensivierung der Schifffahrt im Mittelmeerraum eine Grundlage für die Entwicklung von Fernkontakten und Handelsbeziehungen. Archäologisch können Funde von Schiffswracks wie demjenigen von Uluburun und Schiffsdarstellungen, etwa auf den Kykladenpfannen von Syros, Kastri und Chalandriani, als Indizien hierfür herangezogen werden. Die im Mittelmeer gefunden Wracks einen detaillierten Einblick in den bronzezeitlichen Handel.

 

Als möglicher Auslöser für diese Intensivierung der Kontakte gilt die Verhandlung von Zinnbronze. Zinn selbst ist für die Herstellung von Bronze wichtig gewesen, konnte aber nur an wenigen Lagerstätten abgebaut werden. Ein Vergleich der Kartierung von Zinn und Gewichten zeigt, dass beide Fundregionen fast identisch sind (Rahmstorf 2010b: 690, Abb. 10).

Weitere Beiträge zum Thema:

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Lorenz Rahmstorf Zur Ausbreitung vorderasiatischer Innovationen in die frühbronzezeitliche Ägäis. Prähistorische Zeitschrift 81, 2006 49-96.
Lorenz Rahmstorf In search for the earliest balance weights, scales and weighing systems. From the east mediterranean, the near east and the middle east. In: Maria Emanuela Alberti – Enrico Ascalone – Luca Peyronel, Weights in Context. Bronze age weighing systems of Eastern Mediterranean: chronology, typology, material and archaeological contexts: proceedings of the International colloquium, Roma 22nd-24th November 2004 (Rom 2006) 9-44.
Lorenz Rahmstorf The concept of weighing during the Bronze Age in the Aegean, the Near East and Europe. In: Iain Morley – Colin Renfrew (eds.), The Archaeology of Measurement: Comprehending Heaven, Earth and Time in Ancient Societies (Cambridge 2010) 88-105.
Lorenz Rahmstorf Die Nutzung von Booten und Schiffen in der bronzezeitlichen Ägäis und die Fernkontakte der Frühbronzezeit. In: Harald Meller – François Bertemes (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen: Internationales Symposium in Halle (Saale) 16.-21. Februar 2005 (Halle 2010) 675-697.
Lorenz Rahmstorf Indications of Aegean-Caucasian relations during the third millennium BC. In: Svend Hansen et al. (Hrsg.), Von Majkop bis Trialeti: Gewinnung und Verbreitung von Metallen und Obsidian in Kaukasien im 4.-2. Jt. v. Chr. Beiträge des Internationalen Symposiums in Berlin vom 1.-3. Juni 2006 (Bonn 2010) 263-295.
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