Gewichtssysteme in Mitteleuropa

Gewichtsnormierte Stabbarren aus der frühen Bronzezeit. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Einleitung

Während sich in der Ägäis, Anatolien, Mesopotamien und Ägypten Gewichtssysteme zur Förderung des Handels etablieren, lassen sich vergleichbare Strukturen für den europäischen Raum nur bedingt wiederfinden. Gewichte und Waagen treten sporadisch in Erscheinung – die Masse der Funde stammt aus der späten Bronzezeit. Bisher konnten Gewichtssysteme für Mitteleuropa nicht nachgewiesen werden.

Bemerkenswert ist, dass Bronzeartefakte in Sichel-, Ring- oder Stabbarrenform zusammen mit Bronzebruch in großer Stückzahl deponiert wurden. Es ist wahrscheinlich, dass die Rohbronzen im Sinne von Karl Polanyi als special purpose money verwendet und nach ihrem Tausch wieder eingeschmolzen wurden. Mathematische Analysen an den Inventaren belegen, dass Gewichtsnormierungen angestrebt wurden, die sich zum Teil an Einheiten der mediterranen Gewichtssysteme anlehnen. So ist letztlich davon auszugehen, dass durch den Kontakt zu den Kulturen in der Ägäis und Anatolien sich ein geistiger Austausch entwickelte, der im 2. Jahrtausend v.Chr. das Konzept des Wiegens nach Europa brachte.

 

Für die den mitteleuropäischen Raum sind Hortfunde eine der am häufigsten diskutierten archäologischen Quellen zum Nachweis von Gewichtssystemen bzw. prämonetaren Wirtschaftssystemen (siehe Sommerfeld 1994, Lenerz-de Wilde 1995 & Hoßfeld 2006). Prämonetare Wirtschaftssysteme zeichnen sich durch die weiträumige Verbreitung von standardisierten Rohformen wie z. B. Barren aus. Im Mittelmeerraum treten sie in Form von Ochsenhaut- oder Keftiubarren in Erscheinung, die bis in den süddeutschen Raum verhandelt wurden. Die einheitlich geformten Barren bestanden mehrheitlich aus Kupfer und selten aus Bronze.  

Sichelhorte und Gerätegeld

In seiner Berliner Dissertation hat Christoph Sommerfeld eine Theorie entwickelt, nach der es sich bei bronzezeitlichen Sichelhortfunden um "Gerätegeld" handelt. Die untersuchten Fundkomplexe aus dem nördlichen Mitteleuropa weisen ihm zufolge prämonetare Strukturen auf. Diese gliedert er in drei Materialwertformen: Verfügungs-, Identifikations- und Individualformen. Nach Sommerfeld lassen sich diese durch klar abgrenzbare Eigenschaften und in ihren monetären Funktionen voneinander differenzieren.

 

Bei den sogenannten Verfügungsformen handelt sich überwiegend um "Rohbronzen in Form von massigen unverzierten Ringen, welche als marktgängige Verhandlungsformen während der gesamten Bronzezeit im Umlauf waren. Bis zum Beginn der späten Bronzezeit setzen sich diese Rohbronzen als „Standardentgeltungsmittel“ durch. Aufgrund ihrer Gestaltung lassen sich in dieser Form Metallwerte relativ einfach transportieren oder am Körper tragen. Sommerfeld konnte zudem mehrere verschieden große und schwere Ringe feststellen. Folglich ist davon auszugehen, dass die HerstellerInnen dieser Verfügungsformen sich überregional auf eine Werteskala für die Ringe geeinigt hatten, die den „Erfordernissen und praktischen Erwägungen“ materieller Wertmuster gerecht wurde. Aufgrund ihrer schmucklosen und eher plumpen Erscheinung würden diese Objekte dazu einladen, dass man sie ein- oder weitertauscht, ähnlich wie bei den Stabbarren, die man nach Belieben stückeln konnte. Im Vergleich zu den Stabbarren sind die Ringe aber nur in wenigen Fällen zerhakt worden.

 

Wie die Verfügungs- so sind auch die Identifikationsformen überregional verbreitet. Im Gegensatz zu den Verfügungsformen handelt es sich bei diesen Objekten um einsatzbereite Geräte wie Knopfsicheln oder Randbeile, die jederzeit benutzt werden können. Aufgrund ihrer Formgebung schließt Sommerfeld die Idee aus, dass diese wie Stab- oder Ringbarren nach Bedarf zerstückelt wurden. Sie wurden im Überschuss hergestellt und zeichnen sich durch eine sterotypische Gestaltung aus, anhand derer problemlos ihr jeweiliger Wert erkannt werden könne. Sie treten oftmals unbenutzt in Massenfunden auf, in denen sie als sich gegenseitig relativierende Wertmesser und zugleich als „konventionalisierte Entäußerung zur Abwicklung von Verbindlichkeiten zwischen Göttern und Menschen“ identifizieren lassen (Sommerfeld 1994: 266). Ferner lassen sich aufgrund ihrer Gestalt spezifische Darbringungsabsichten erkennen, immerhin hatten Sicheln wie auch Beile seit dem Neolithikum eine zentrale Stellung im bäuerlichen Leben.

 

Als letzte Materialform nennt Sommerfeld die Individualformen, die häufig mit einzelnen Individuen in Gräbern auftreten. Nach ihm können mit diesen Artefakten Personenkreise identifiziert werden, welche an der Konzeption von Horten beteiligt gewesen seien. Hierbei kann es sich um handwerkliche Geräte, Waffen und Schmuckobjekte handeln. Generell treten Individualformen erst in der Altbronzezeit in Horten auf. Dass Individualformen vergleichsweise häufig zerbrochen wurden, wird als ein Bedürfnis nach individuell bestimmten Darbringungen interpretiert.

 

Die Gewichtsuntersuchung der Horte schließt er mit dem Fazit, dass sich zumindest die formgleichen Artefakte in ihrer Gewichtung ähnlich sind. In Horten mit gemischten Inventaren sei das Gewicht der einzelnen Stücke nicht ausschlagend gewesen, um in den Hort aufgenommen zu werden. Für die Bruchbronzen konnte er herausarbeiten, dass in einzelnen Fällen Gewichtsbezüge existieren, insbesondere in den Funden, in denen zusammensetzbare Stücke gefunden wurden. Als Beispiele führt unter anderem er die Hortfunde von Lubsko, Berlin-Kaulsdorf, Wußwerk, Dresden-Laubegast an.

 

Der Charakter der Niederlegungen, sei er nun profan oder religiös, lasse sich nicht unterscheiden. Nach Sommerfeld handelt es sich bei der Masse an Horten um eine Gabe an die Götter, bei der von den Menschen Verbindlichkeiten abgegolten werden sollten. Deren Niederlegung würde sich einen vegetationszyklischen Kontext aufzeigen. Eine Interpretation als Versteckfunde sei nicht auszuschließen aber bei der Masse an Horten unwahrscheinlich. Ihrer generellen Struktur liegt eine soziale Praxis mit spezifischen Denkmustern zugrunde. So seien frühbronzezeitliche Hortfunde monoton zusammengestellt worden und von anonymen Bronzen wie Ringen und Randbeilen geprägt, die entweder miteinander oder nur mit ihresgleichen niedergelegt wurden.

Barrenhorte aus der frühen Bronzezeit

Ringbarren
Ein nachträglich beschwerter Ringbarren. Der Maßstab entspricht 10 cm. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Mit dem Beginn der Frühbronzezeit in Europa fassen wir eine weiträumige Sitte, in der Bronzebarren in Form von Ösenhalsringen massenhaft niedergelegt, vergraben oder in Quellen, Mooren, Gewässern etc. versenkt wurden. Majolie Lenerz-de Wilde schreibt in diesem Kontext von sogenanntem "Opfergeld" und verweist auf Polanyi’s „spezial purpose money“. Der ungarisch-österreichische Wirtschaftshistoriker und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi (1886-1964) hatte sich intensiv mit der Frage befasst, wie Wirtschaft vor der Einführung des Geldes funktionierte. Er entwickelte die These, dass man in prämonetaren special purpose money verwendete, also Objekte, die in bestimmten Situationen eine Funktion erfüllten, die heutigem Geld (general purpose money) ähnlich ist. Mit special purpose money können also nur ausgewählte Waren oder Dienstleistungen erworben werden.

 

Die Bronzemasse in den Horten kann beachtliche Dimensionen annehmen. Allein das Gewicht der niedergelegten Barrenfunde von Mauthausen und München-Luitpoldpark beträgt 150 bzw. 85 kg. Der Zustand der Objekte variiert von Befund zu Befund. Es sind sowohl grob wie auch fein gearbeitete Stücke bekannt. Aufgrund der standardisierten Form habe man nach Innerhofer die Objekte einfacher transportieren und ihre Qualität einfach prüfen können. Die Barren zeichnen sich nicht nur durch eine normierte Formgebung aus. Ihre Gewichte orientieren sich ebenfalls an bestimmten Werten. So kam eine Auswertung der Gewichte von den 500 vollständig erhaltenen Ösenringbarren aus dem Fund von Mauthausen zu dem Ergebnis, dass 70% der Objekte zwischen 180 und 200 g wiegen. Der Niederösterreichische Hortfund von Sierndorf enthielt 72 Ösenringbarren, von denen 90% zwischen 190 und 220 g wogen. In einem Hort bei Valley wurden mehrere Bündel von jeweils fünf Ringbarren gefunden, deren Gewicht sich ungefähr an den Werten 890 und 990 g orientierte. Auch hier betrug das Gewicht der einzelnen Stücke zwischen 180 und 200 g.

Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christus wurden die Ösenringbarren von einer noch simpleren Form abgewechselt: den Spangenbarren. Auch für diese Barren konnte zumindest in Ansätzen eine Gewichtsnormierung festgestellt werden. Ihr Gewicht befindet mehrheitlich im Bereich zwischen 160 und 200 g. Dass das Gewicht der Objekte offensichtlich von Belang war, lässt sich besonders eindrucksvoll an aufgegossenen Manschetten aufzeigen. Wenn die Spangenbarren "zu leicht" waren, wurden sie hiermit nachträglich beschwert. Belege für dieses Vorgehen finden wir z. B. in den Depots von Aspen, Kleinschweinbarth, München-Luitpoldpark und Obereching.

Majolie Lenerz-de Wilde geht davon aus, dass die Ösenhalsringe für „größere Transaktionen“ genutzt wurden. Der Wert der normierten Bronzen könnte sich an anderen Werteinheiten wie etwa Salz, Fellen oder Kleidung ausgerichttet haben. In das Konzept der prämonetaren Wirtschaft passen weiterhin die zahlreichen Funde von zerstückelten Bronzeartefakten, sogenanntem Bronzebruch. Dieser weist ebenfalls eine Gewichtsnormierung auf. Bruchbronzen wurden bisher selten in Siedlungen, dafür aber umso häufiger in Gräbern und Horten gefunden. Mittels archäometrischer Metallanalysen konnte bewiesen werden, dass die Bronzen mitunter über sehr weite Strecken transportiert wurden. In der mittleren Bronzezeit nimmt die Masse an Bruchbronzenfunden derart zu, dass gelegentlich von „Hackgeld“ gesprochen wird.

Ringhorte aus der mittleren Bronzezeit

Ringbarren
Untersuchung der Gewichtsbasis aus dem Hort von Jänschwalde. Der Peak bei 27 g ist gut zu erkennen (Daten aus Hoßfeld 2006, Tab. 2).
Untersuchung der Gewichtsbasis aus dem Hort von Hegermühle. Der Peak bei 12 g ist gut zu erkennen (Daten aus Hoßfeld 2006, Tab. 5).
Untersuchung der Gewichtsbasis aus dem Hort von Ruthen. Der Peak bei 13 g ist gut zu erkennen (Daten aus Hoßfeld 2006, Tab. 1).

Im Rahmen einer Untersuchung von acht Ringhorten aus Deutschland und Polen konnte Harald Hoßfeld aufzeigen, dass diese sich an zeitgleichen ägäischen Gewichtssystemen orientieren. Daraus wird ersichtlich, dass sich der ägäische Einfluss bis in die „mitteleuropäischen Peripherie“ nördlich der Alpen erstreckt haben muss. Hoßfeld konnte nicht nur eine Anlehnung an die ägäischen Gewichtssysteme herausstellen, sondern zwei aufeinanderfolgende Systeme in seinen Daten differenzieren. Für ihn ist dies ein Indiz dafür, „dass materielle Wertvorstellungen ein wichtiges Attribut bei der Hortung von Objekten darstellten und eine Etappe auf dem Weg zur Monetarisierung bezeugen“ (Hoßfeld 2006: 175).

 

Wie sich mit der Kendall-Formel herausstellen lässt, basieren die Schwertteile aus dem Hort von Ruthen bei Lübz in Mecklenburg-Vorpommern auf einer Einheit von 13 g. Eine solche Gewichtsstufung ist ebenfalls aus dem skandinavischen Raum bekannt. Aus dem Hort von Jänschwalde im Kreis Cottbus, Brandenburg, untersuchte er sechs Hals- und zwei Steigbügelarmringe. Hier dominiert eine Grundeinheit von 27 g. Selbiges gilt für die fünf Armringe aus dem Hortfund von Werben aus derselben Region. Für den Hort von Lübtheen im Kreis Hagenow, Mecklenburg-Vorpommern, standen 16 wiegbare Funde zur Verfügung. Dazu gehörten eine Fingerspirale, eine Knopfsichel, zwei tordierte Halsringe, drei Schleifenringe, ein Zierband, zwei Plattenfibeln, ein Gürtelbuckel, vier Manschettenarmbänder und ein Hängebecken. Insbesondere das vierfache Auftreten von 140 g schweren Stücken deutet Hoßfeld als Indiz dafür, dass die grundsätzliche Gewichtseinheit dieses Hortes bei ca. 28 g liegt und die Gewichtung der Objekte absichtlich ist, auch wenn sie keiner identifizierbaren Logik folgt.

In dem Hort von Heegermühle aus dem Kreis Eberswalde, Brandenburg, befanden sich sogar 29 wiegbare Objekte, von denen 20 Ringe waren. Bei der Analyse der Funde stellt Hoßfeld fest, dass die Stücke sich mit der höchsten Plausibilität an einer Einheit von 12 g orientieren. Ferner entspricht das Gesamtgewicht des Hortes dem 7,5fachen einer Mina bzw. einem Achtel von einem minoisch/ägäischem Talent. Wie auch bei den anderen Hortfunden geht Hoßfeld für diesen davon aus, dass die enthaltenen Funde ein Gewichtssystem ausdrücken, dieses aber nicht vollständig repräsentieren.

In dem Hort von Weissagk aus dem Kreis Sorau in Brandenburg wurden fünf tordierte, offene Ringe gefunden. Außerdem zwei entsprechende Bruchstücke und ein offener, rundstabiger Ring, dessen Ende mit diversen Strichgruppen verziert war. Nach Hoßfeld orientieren sich die Gewichtswerte der enthaltenen Ringe am ägäischen Gewichtssystem mit einer Mina von 488 g, weil sie zum Teil genau Eindrittel davon wiegen, d.h. 163 g. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob es sich bei der zugrunde liegenden Einheit um 15 oder 40 g handelt.

Abschließend analysierte er den polnischen Hortfund von Slocina. Darin befanden sich 18 offene Ringe mit Kerben und tordierten Lausitzer Ringen zusammen. Wie auch beim Hortfund von Lübtheen kann man hier diskutieren, ob die Gewichtseinheiten aus diesem Fundkomplex dem Faktor 2,5 zugrunde liegen. Auch wenn die Werte 27 und 9 g wegen ihrer Paßgenauigkeit aus der Masse hervorstechen, so kommt Hoßfeld doch zum dem Fazit, dass keine der möglichen Gewichtseinheiten eine in sich logische Reihung erkennen lässt.

 

Die Horte von Weissagk und Heegermühle datieren am ältesten und decken sich mit dem minoisch/ägäischen Gewichtssystem, welches vor 1400 v. Chr. existierte. Die Hortfunde von Ruthen, Lübtheen, Jänschwalde, Slocina und Werben weisen eine Überlappung bei den Gewichtswerten 13 g bzw. 26 g bis 28 g auf. Diese Werte lassen sich nach in das mesopotamische Šekelsystem eingliedern, welches um 1400 v. Chr. dem minoisch/ägäischen Gewichtssystem folgt. Überdies finden wir die 26 g Einheit auch in der späten nordischen Bronzezeit bei den Statuetten der  goddess of wealth und den oath rings wieder. Ferner sind die Gewichte dem von Eiwanger ermittelten ägäischen 12 g Standard für Gold sehr ähnlich.

Parallelen zu Ringhorten außerhalb Europas

Wie Majolie Lenerz-de Wilde herausarbeiten konnte, wurden Ösenhalsringe zunächst als Schmuckstücke genutzt. Im Verlauf der frühen Bronzezeit wandelte sich ihre Nutzung. Sie wurden nun zur Verkörperung eines Sachwerts in Form von Kupfer oder Bronze. Letztere Bedeutung verselbständigte sich dann im Laufe der Zeit und führte schließlich dazu, dass Rohlinge von Ösenhalsringen als Barren im Bronzehandel, eventuell auch darüber hinaus im allgemeinen Handel eingesetzt wurden.

Ferner sind für den mesopotamischen Raum und für Ägypten Ringe als Wertmesser sowie Zahlungs- oder Tauschmittel nachgewiesen worden. Es handelt sich demnach bei den europäischen Ringen keineswegs um ein vereinzeltes Phänomen. Allerdings wurden die mesopotamischen Spiralringe aus Silber hergestellt und diejenigen in Ägypten aus Gold. Die mesopotamischen Ringe wogen jeweils eine oder eine halbe Mina.

Die spätbronzezeitliche Waage von Borjas

Zu den eindrucksvollsten Belegen für die Existenz bronzezeitlicher Gewichte in Mittel- und Osteuropa gehört ein spätbronzezeitlicher Fund aus der Siedlung von Borjas (Ungarn). Der Fundplatz liegt am linken aktiven Ufer der Theiß (Medovič 1995). Bei Oberflächenbegehungen wurde Keramik der Badener Kultur, Keramik aus der Gruppe der transdanubischen inkrustierten Keramik, Scherben der Vatiner und der Gáva-Belegiš II-Gruppe gefunden. Der Großteil der Funde aus der Siedlung ist der letztgenannten Gruppe zuzuschreiben.

Während seiner Feldarbeiten entdeckte Joca Bakalov 1986 zwei Fundkomplexe der Gáva-Belegiš II-Gruppe. In dem einen stieß er auf datierendes Material in Form einer Bronzefibel von Typ Vösendorf sowie schwarzpolierte Keramik der Gáva-Belegiš II-Gruppe.   

 

In einer glockenförmigen und rezent gestörten Vorratsgrube entdeckte er Teile einer Waage. Dabei handelt es sich um einen vollständigen spindelartig bearbeiteten Knochen mit einer Länge von 21,2 cm, dessen Dicke im Mittelteil 9,05 x 8,33 mm und an den Enden jeweils 6,69 x 6,01 mm bzw.  6,68 x 5,96 mm beträgt. Er stammt vermutlich vom Hirsch oder Ur. Sowohl in der Mitte wie auch an den Enden weist der Knochen Durchbohrungen auf. Der Knochen wird weiterhin so beschrieben, dass er an den gerade geschnittenen Enden in Richtung der Längsachse rechteckig 6,32 mm in kreuzförmiger Weise eingetieft worden sei.

 

Zu den weiteren Funden gehören ein Schleifstein, schwarzpolierte Keramik, die Sprosse eines Hirschgeweihs sowie acht Flußkiesel aus Quarz und einer, bei dessen Material es sich um Porphyr handeln könnte. Der durchlochte Knochen wird von Medovič Teil einer fertigen Handwaage gedeutet. Die übrigen Teile der Waage sind ihm zufolge vermutlich aus organischem Material gewesen und vergangen. Wegen der kleinen Öffnungen deutet Medovič den Fund so, dass an den Waagebalken mit bronzenen Nieten noch hakenartige Konstruktionen für Träger der Waagschalen angebracht werden sollten. In der Mitte des Balkens habe man ein Bronzeblech zur Aufhängung der Waage anbringen müssen. Da aber keine für einen Kontakt mit Metall üblichen Verfärbungen zu erkennen sind, sei die Waage noch nicht vollständig einsatzbereit gewesen. 

 

Die als Gewichte interpretierten Flußkiesel wiegen 16,95 g, 51,18 g, 54,37 g, 55,7 g, 62,72 g, 86,72 g, 122,17 g und 183,7 g. Da sie zusammen mit dem Waagenbalken gefunden wurden, geht Medovič vermutet, dass die Waage zum Abwiegen sehr kleiner Mengen gedacht war. Insgesamt müsse sie im Zusammenhang mit dem Bronzeguss gesehen werden. Für das Bestimmen von Mengenanteilen für Legierungen sei die Waage unverzichtbar gewesen. Zu den Gewichtssteinen existieren Parallelen in Form von Armreifen aus einem 19 km entfernten Hortfund von Šimujdska Strana.

 

Wenn wir die Daten der Gewichtssteine mit der Kendall-Formel überprüfen, erhalten wir zwei annähernd identische Peaks: einen bei 4 g und einen bei 8,8g. Gerade der Wert 8,8 g ist sehr interessant. Sollte dies tatsächlich die Grundeinheit für  die Gewichte von Borjas sein, wäre sie verdächtig nah an der Basis der mesopotamischen Šekel (8,5 g) sowie an der Grundeinheit der spulenförmigen Gewichte von Tiryns und der sphenoidförmigen Gewichte von Uluburun (8,3 g)! Sofern die Berechnungen der realen Wahrnehmung dieser Funde entsprechen, könnten wir sie als Indiz eines Gewichtssystems deuten. Diese Aussage muss jedoch mit Vorsicht gehandhabt werden, weil sie auf einer sehr geringen Anzahl an Funden beruht.

 

Abschließend sei noch auf das Ensemble von bronzenen Gewichten aus Steinfurth verwiesen. Deren Einheit entspricht annähernd der Hälfte unserer potentiellen Grundeinheit von Borjas. Rahmstorf hat sie mit der Kendall-Formel untersucht und kommt zu dem Schluss, dass die Stücke auf einer Einheit von ca. 4,6 g operieren, wenn sie tatsächlich als Gewichte genutzt wurden. Theoretisch hätten demnach bronzezeitliche Händler aus Steinfurth und Borjas relativ einfach miteinander Handel betreiben können. Man sollte aber bedenken, dass es lediglich acht Objekte sind, die aufgrund von Korrosion nicht mehr ihrem Originalgewicht entsprechen. Aus der späten Bronzezeit gibt es noch weitere Gewichte, die verstreut über Europa gefunden wurden.

Borjas_Weights
Untersuchung der Kieselgewichte von Borjas mit der Kendall-Formel. Wir erkennen Peaks bei 4 g und 8,8 g. Verwendet wurden die Angaben von Pedrag Medovič (1995: 211).

Die Gewichte von Borjas und Šimujdska Strana

Gewichtssteine von Borjas Armreife aus dem Hortfund von Šimujdska Strana
Kiesel Nr. 1: 16,95 g 16,35 g
Kiesel Nr. 2: 51,18 g 52 g
Kiesel Nr. 5: 62,72 g 63,5 g

Weitere Beiträge zum Thema:

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Harald Hoßfeld Prämonetäre Phänomene bei Ringhorten seit der mittleren Bronzezeit beidseits der Oder. Prähistorische Zeitschrift 81, 2006 175-199.
Florian Innerhofer Frühbronzezeitliche Barrenhortfunde – Die Schätze aus dem Boden kehren zurück. In: Alix Hänsel – Bernhard Hänsel (Hrsg.), Gaben an die Götter. Schätze der Bronzezeit Europas (Berlin 1997) 53-59.
Majolie Lenerz-de Wilde Prämonetäre Zahlungsmittel in der Kupfer- und Bronzezeit Mitteleuropas. Fundberichte aus Baden-Württemberg 20, 1995 229-327.
Anna Michailidou Measuring by weight in the Late Bronze Age Aegean: The people behind the measuring tools. In: Iain Morley – Colin Renfrew (eds.), The Archaeology of Measurement: Comprehending Heaven, Earth and Time in Ancient Societies (Cambridge 2010) 71-87.  
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Lorenz Rahmstorf The concept of weighing during the Bronze Age in the Aegean, the Near East and Europe. In: Iain Morley – Colin Renfrew (eds.), The Archaeology of Measurement: Comprehending Heaven, Earth and Time in Ancient Societies (Cambridge 2010) 88-105.
Lorenz Rahmstorf Die Nutzung von Booten und Schiffen in der bronzezeitlichen Ägäis und die Fernkontakte der Frühbronzezeit. In: Harald Meller – François Bertemes (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen: Internationales Symposium in Halle (Saale) 16.-21. Februar 2005 (Halle 2010) 675-697.
Lorenz Rahmstorf Indications of Aegean-Caucasian relations during the third millennium BC. In: Svend Hansen et al. (Hrsg.), Von Majkop bis Trialeti: Gewinnung und Verbreitung von Metallen und Obsidian in Kaukasien im 4.-2. Jt. v. Chr. Beiträge des Internationalen Symposiums in Berlin vom 1.-3. Juni 2006 (Bonn 2010) 263-295.
Shereen F. Ratnagar Theorizing Bronze-Age intercultural trade : the evidence of the weights. Paléorient 29/1, 2003 79-92.
Christoph Sommerfeld Gerätegeld Sichel. Studien zur monetären Struktur bronzezeitlicher Horte im nördlichen Mitteleuropa (Berlin 1994) -
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