Gewichte und Gewichtssysteme in der Archäologie

Die Kendall-Formel (Siehe hierzu Kendall 1974).

Archäologische Nachweisbarkeit von Gewichten und Gewichtssystemen

Indus-Gewichte
Würfelförmige Gewichte wie diese, sind insbesondere aus der Induskultur bekannt. Skizze © Jan Ahlrichs 2013.
Aghia-Photia
Auf diesem melonenförmigen Steingewicht von Aghia Photia (Kreta) wurde ein Fisch eingraviert und zusätzlich eine Linear A Inschrift eingeritzt. Das Zeichen der Waage ist deutlich zu erkennen. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Gewichte und Gewichtssysteme lassen sich archäologisch durch Funde von Barren, Gewichten und Waagen, aber auch über schriftliche Erwähnungen und bildliche Darstellungen derselben nachweisen. Die letzten beiden Punkte treffen für das bronzezeitliche Mitteleuropa nicht zu, sondern nur auf den Mittelmeerraum und den Vorderen Orient. Zum Beispiel wurden auf dem Kültepe Texte von Händlern gefunden, in denen sie sich mit passenden Äquivalenten zu Rohstoffen befassten. Gelegentlich wurden die Gewichte selbst mit Inschriften versehen wie z. B. die ägyptischen Steingewichte für den Goldstandard, das Froschgewicht von Mecamor, auf dem sich ein Text in Keilschrift befindet oder das melonenförmige Gewicht von Aghia Photia mit einer Linear A Inschrift.

Das Erkennen von prähistorischen Gewichten ist ohne diese zusätzlichen Indizien nicht so einfach wie man zunächst denken könnte. Wer würde bei einem Einzelfund darauf kommen, dass es sich um ein Gewicht handelt? Insbesondere dann, wenn man sich in einer Region befindet, für die bisher die Existenz von Gewichten nicht nachgewiesen wurde? Man kann Gewichte am ehesten erkennen, wenn sie in Gruppen aufgefunden werden wie z. B. in der Zitadelle von Tiryns. Hier wurde ein Set unterschiedlicher Gewichte entdeckt, die sich durch dieselbe Formgebung auszeichneten und deren Abstufungen sogar durch Markierungen gekennzeichnet waren.

Weiterhin ist es möglich, dass Gewichte im Kontext von Werkstätten entdeckt werden wie auf Akrotiri, in Theben oder auf  Arslantepe.

 

Gewichte gehören zu denjenigen Fundgattungen, die man nur erkennen kann, wenn man danach sucht. So waren schon Heinrich Schliemann (1822-1890) Waaggewichte aus Troja bekannt. Die mühsam aus Hämatit gefertigten Objekte erkannte er aber nicht als Gewichte sondern als Schleudersteine. Er wunderte sich zwar, weshalb man soviel Arbeit in ein Wegwerfobjekt investierte, blieb aber bei seiner Deutung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte Schmidt darauf aufmerksam, dass die lang- und spitzovalen Objekte mit jeweils abgestumpftem Ende Gewichte sein müssten. Ein ähnliches Beispiel sind die spulenförmigen Gewichte, die jüngst von Lorenz Rahmstorf erkannt wurden. Sie datieren überwiegend in die Phase Früh-Helladisch II. zunächst wurden sie als Stößel, Reib- oder Poliersteine, Kopfkissen für Kykladenfigurinen oder Objekte zum Zermahlen von rotem Ocker interpretiert. Selbst die offensichtlichen Markierungen auf den Gewichten wurden schlichtweg nicht als solche erkannt, mitunter weil die Funde nicht gewogen wurden. Im Rahmen einer systematischen Untersuchung der Funde stellte sich schließlich heraus, dass diese gar keine Nutzungsspuren aufzeigten wie sie durch solche Aktivitäten entstehen. Durch die Analyse konnte letztlich der Beweis erbracht werden, dass es Gewichte sind, die zu einem Gewichtssystem gehören, welches auf einer Grundeinheit von 8,3 g basiert.

Archäologische Nachweisbarkeit von Waagen

Zu den Indizien für Waagen aus der frühen Bronzezeit gehören mitunter die westanatolischen Funde aus Küllüoba und Bozüyük. Es handelt sich in beiden Fällen um dünne Knochenbalken, die mittig und an den Enden eine kleine Bohrung aufzeigen. Weiterhin sind funktionsfähige Waagen aus den Siedlungen von Akrotiri, Tell el-Armana, Uronarti sowie den Tholos-Gräbern von Pylos und Vapheio bekannt worden. Auch in Troia I und Poliochni wurden potentielle Feinwaagen gefunden. Allerdings ist deren Integrität nicht gänzlich gesichert.

Ähnlich wie mit den Waagenbalken verhält es sich mit den Waagenschälchen aus Bronze. Die bekannten Schälchen sind nur wenige Zentimeter groß und zeigen zumeist drei Löcher, die zur Befestigung mit einer dünnen Schnur oder dergleichen genutzt wurden. Bisher gibt es allerdings nur eine handvoll solcher Funde. Man muss davon ausgehen, dass die meisten bronzenen Waagschalen nach längerer Nutzung eingeschmolzen wurden. Die wenigen unzweifelhaften Exemplare stammen aus Susa, Idalion, Limassol sowie unbekannter Herkunft aus Ungarn.

Ferner sind Waagensets aus mindestens 20 spätbronzezeitlichen Gräbern in der Ägäis bekannt. Funde von Waagen oder Gewichten in Mitteleuropa sind dagegen selten. Zu den Ausnahmen gehören Funde aus den Grabkontexten Marolles-sur-Seine, Dép. Seine-et-Marne, und Monéteau, Dép. Yonne.  Leider stehen für die betreffenden Fundkontexte keine genauen Datierungsangaben zur Verfügung. Auch für die spätbronzezeitliche bzw. früh-hallstattzeitiche Waage, die zusammen mit mehreren Gewichtssteinen bei Borjas entdeckt wurde, gibt es keine Parallelen.

Gewichtssysteme erkennen mit der Kendall-Formel

David George Kendall
David George Kendall (1918-2007). Foto © Konrad Jacobs 1971.

Zur Identifikation von Gewichtseinheiten müssen wir auf statistische Methoden zurückgreifen. In der Archäologie wird hierfür die nach dem Statistiker David George Kendall (1918-2007) benannte Kendall-Formel angewandt. Mit ihr ist es möglich, innerhalb einer Stichprobe von Daten wiederkehrende Muster, d.h. Gewichtseinheiten zu erkennen und grafisch mittels einer Sinuskurve auszudrücken. Überdies weist die Formel den Ergebnissen Werte zu, die ihre Plausibilität beschreiben. Für eine detaillierte Beschreibung der Kendall-Formel sei an dieser Stelle auf die Arbeit von David G. Kendall selbst (1974) bzw. Karl M. Petruso (1992: 16, 69-75) verwiesen.

 

Für eine zuverlässige Bestimmung der Gewichtsabstufungen sind wir darauf angewiesen, dass die Untersuchungsobjekte möglichst vollständig erhalten sind. Postdepositionaler Bruch, Verwitterung, Korrosion und restauratorische Behandlungen nach der Bergung können ihr ehemaliges Gewicht und damit die ohnehin vorhandene Fehlertoleranz verstärken. Ferner muss berücksichtigt werden, dass Gewichtseinheiten sich im Verlauf der Zeit verändert haben. Deshalb dürfen nur Gewichtsgruppen untersucht werden, die aus derselben Zeit stammen und deren Datierung sicher ist.

 

Das Erfassen von Gewichten und Gewichtssystemen wird dadurch erschwert, dass die Artefakte früher immer mit einer gewissen Fehlertoleranz hergestellt wurden, weil man eben nicht über professionelle Herstellungsverfahren und Waagen verfügte wie wir heute. Diese Fehlertoleranz hängt von dem handwerklichen Geschick und der Genauigkeit der verwendeten Waagen ab und kann stark variieren. In der Literatur wird zumeist eine Ungenauigkeit von 5% bis 6,5% akzeptiert. Gelegentlich werden bis zu 10% Fehlertoleranz hingenommen. Infolge dieser Fehlertoleranz findet man in der archäologischen Literatur für antike Gewichtsbezeichnungen wie die Mina/Mine sehr unterschiedliche Angaben. Je nach Autor wie eine Mina/Mine 470, 488, 492,5, 502 oder 566 g.

Korrelation von Gewichtssystemen

Das sexagesimale Gewichtssystem der frühen Bronzezeit im Mittelmeerraum. Tabelle nach Rahmstorf (2011: 153).

Aus mathematischer Sicht ist ein Gewicht nicht zwangsläufig an ein Gewichtssystem allein gebunden. Wenn die Gewichtseinheiten zweier Gewichtssysteme sich verhältnismäßig nahe sind, lassen sich bereits nach wenigen Multiplikationen Überschneidungspunkte finden. In der Literatur finden wir einige Beispiele für Gewichte, die mit mehreren zeitgleichen Gewichtssystemen kompatibel waren. Auf Kastri, gelegen auf der Insel Syros, wurden beispielsweise zwei Gewichte mit jeweils 70,4 Gramm gefunden. Dieser Wert entspricht dem sechsfachen des Standards von Hatti, welcher 11,75 g beträgt. Wenn man sich mit diesem Gewicht nach Karkemiš begeben hätte, würde es dort mit dem neunfachen des Standards von 7,83 g entsprechen.

 

Ein in Troja IIg gefundener Silber-Buillion-Barren mit einem Gewicht von 188 g lässt sich sogar mit vier Systemen in Einklang bringen. Er entspricht dem 20fachen des syrisch, ugaritisch bzw. ägyptischen Einheit von 9,4 g, dem 16fachen von 11,75 g, ungefähr dem 22fachen des mesopotamischen Šekel von 8,54 g und dem 24fachen von 7,83 g. Überhaupt spricht die Anwesenheit von ca. 100 Gewichten einmal mehr dafür, dass Troja insbesondere in den Phasen II bis V eine zentrale Rolle im Handel eingenommen haben muss.

Weitere Beiträge zum Thema:

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
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Lorenz Rahmstorf Zur Ausbreitung vorderasiatischer Innovationen in die frühbronzezeitliche Ägäis. Prähistorische Zeitschrift 81, 2006 49-96.
Lorenz Rahmstorf In search for the earliest balance weights, scales and weighing systems. From the east mediterranean, the near east and the middle east. In: Maria Emanuela Alberti – Enrico Ascalone – Luca Peyronel, Weights in Context. Bronze age weighing systems of Eastern Mediterranean: chronology, typology, material and archaeological contexts: proceedings of the International colloquium, Roma 22nd-24th November 2004 (Rom 2006) 9-44.
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Lorenz Rahmstorf Maß für Maß Indikatoren für Kulturkontakte im 3. Jahrtausend. In: Claus Hattler (Hrsg.), Kykladen: Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur (Darmstadt 2011) 145-153.
Erik Sperber Establishing weight systems in Bronze Age Scandinavia. Antiquity 67/256, 1993 613-619.
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