Indizien für Gewichtssysteme in Nordeuropa

Statuetten der „Goddess of wealth“ und „oath rings“

Eine Kartierung der Statuettenfunde der "Goddess of wealth" aus Schweden, Dänemark und Deutschland. Grafik © Jan Ahlrichs 2013.
Eine Kartierung der Statuetten der "oath rings" aus Schweden. Grafik © Jan Ahlrichs 2013.

Auch für die späte Bronzezeit in Nordeuropa wurden Indizien für normierte Gewichte und Gewichtsabstufungen diskutiert. In absoluten Zahlen datieren diese Funde in die ersten drei Jahrhunderte des ersten Jahrtausends v.Chr., was relativchronologisch der Stufe Montelius V-VI entspricht.

 

Aus dieser Zeit sind weder Funde von Waagen noch von Gewichten bekannt. Dennoch gibt es Artefakte aus Bronze, bei denen offensichtlich eine Gewichtsnormierung vorliegt. D.h. das Konzept von Masse und Gewicht war den Handwerkern keineswegs fremd. Mats P. Malmer hat dies am Beispiel von weiblichen Bronzestatuetten exemplarisch durchgeführt. Bei der sogenannten goddess of wealth handelt es sich um 11 Funde von Frauenstatuetten aus Dänemark und Schweden. Da sie zum Teil aus Altgrabungen stammen, ist nur für neun von ihnen jemals das Gewicht bestimmt worden. Man sollte demnach die folgenden Untersuchungsergebnisse nicht überbewerten, weil wir es mit einer hauchdünnen Materialbasis zu tun. Was wir sehen werden, sind Tendenzen und keine in Stein gemeißelten Fakten.

 

Im Zuge einer vergleichenden Betrachtung der Gewichte konnte Malmer eine annähernde Normierung in der Gewichtung dieser Statuetten erkennen. Fünf von ihnen wiegen zwischen 103 und 110 g. Die übrigen wiegen jeweils 132 bzw. 133 g, eine 55 g und 85 g. Unter Berücksichtigung der bereits erwähnten Fehlertoleranz können wir eine Abstufung von Gewichtseinheiten erkennen. Interessanterweise orientieren sich 11 hinzugezogene oath rings ebenfalls an diesen Werten. Erik Sperber führte schließlich eine statistische Auswertung dieser Funde mit dem nach S. Holm benannten Holm’s Index (ähnlich der Kendall-Formel) durch und stellte dabei fest, dass sowohl die Statuetten wie auch die Ringe sehr wahrscheinlich auf einer 26 g Einheit basieren. Ich konnte dieses Ergebnis ebenfalls mit der Formel von Kendall reproduzieren.

Analyse der Goddess of wealth und oath rings

Kendall-Formel
Untersuchung der Statuetten der sogenannten "goddess of wealth" und der "oath rings" (Daten aus Malmer 1992, Tab. 2). Beiden Fundgruppen liegt offensichtlich eine Gewichtsbasis von ca. 26,6 g zugrunde. Zu demselben Ergebnis gelangt man auch, wenn beide Fundgruppen getrennt voneinander mit der Formel nach Kendall untersucht werden. Grafik © Jan Ahlrichs 2013.

Kontakte zum Mittelmeerraum?

Timmele-Statuette
Zeichnung einer Frauenstatuette aus Bronze, Timmele (Schweden). Das Stück wiegt ca. 103 g und ist nur wenige Zentimeter groß. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2013.

Die räumlich weit ausgreifende Interpretation, bei der Sperber Parallelen für die 26 g in Ägypten ausfindig macht und sich dabei auf Publikationen von M. F. Petrie aus den 1920er Jahren beruft, mag zunächst gewagt klingen. Tatsächlich sind aus der 18. Dynastie Didrachmen  mit einem Gewicht von 8,87 g bekannt, d.h. ca. einem Drittel von 26 g. Eine weitere Parallele finden wir im Deben, der 13,5 g wiegt. Wir finden die 26-g-Einheit aber nicht nur in Ägypten, sondern auch im spätbronzezeitlichen Mittel- und Osteuropa und im Mittelmeerraum. Bedenken wir einmal die weit verzweigten Interaktionszonen nach Rahmstorf im Mittelmeerraum und die Indizien für Kontakte zwischen der Mittelmeerwelt und dem Raum nördlich der Alpen, dann ist es durchaus möglich, dass über Fernkontakte eine Gewichtsnorm bis in den Norden gelangt sein könnte.

 

Auch Wanderhandwerker könnten in der Verbreitung von Gewichtsnormierungen eine Rolle gespielt haben. Leider gibt es an dieser Stelle nicht ausreichend Platz, um der Frage nachzugehen, in wie fern die 26 g im Norden dieselbe Bedeutung hatten wie im Mittelmeerraum. Da wir diese Einheit nur in Form von gegossenen Bronzestatuetten oder verzierten Goldringen vorfinden und nicht als Steingewichte, kann ich mich der Idee von Malmer, dass diese Objekte tatsächlich als Gewichte genutzt worden seien, nur bedingt anschließen. Wer hat diese Statuetten gegossen bzw. wer durfte es und welche Äquivalente gab es zu diesen 26 g? Die Frauenstatuetten verkörpern in erster Linie ein Motiv, das zu seiner Zeit mit rituellen oder gesellschaftlichen Wertvorstellungen verknüpft war. Auch ist es wahrscheinlich, dass sie nur einem kleinen Personenkreis direkt zugänglich waren. Die meisten Menschen werden diese Statuetten nie zu Gesicht bekommen haben. Selbiges gilt für die oath rings.

Letztlich zeigt ein Blick auf die Fundkontexte, als dass sämtliche Gewichtsfunde nördlich der Alpen bisher aus Gräbern und nicht aus Siedlungskontexten stammen. Weder Gewichts- noch Waagenreste sind aus Siedlungen oder Werkstattarealen bekannt.

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Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Bernhard Hänsel Die Bronzezeit. In: Siegmar von Schnurbein (Hrsg.), Atlas der Vorgeschichte: Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt (Stuttgart 2009) 108-149.
Mats P. Malmer Weight systems in the Scandinavian Bronze Age. Antiquity 66/251, 1992 377-388.
Botond Rezi Voluntary Destruction and Fragmentation in Late Bronze Age Hoards from Central Transylvania. In: Sándor Berecki – Rita E. Németh – Botond Rezi (eds.), Bronze age rites and rituals in the Carpathian Basin: proceedings of the international colloquium form Târgu Mureş, 8–10 october 2010. Bibliotheca Mvsei Marisiensis: Seria archaeologica 4 (Târgu Mureş 2011) 303-334.
Erik Sperber Establishing weight systems in Bronze Age Scandinavia. Antiquity 67/256, 1993 613-619.
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