Strukturalismus

Beginn der strukturalistischen Forschung

In den 1950er und 1960er Jahren verfolgten Archäologen einen strukturalistischen Ansatz, inspiriert von Ferdinand de Saussure’s Konzept von einem abstrakten Regelsystem „langue“ und dessen praktischer Umsetzung „parole“. Annette Laming-Emperaire, André Leroi-Gourhan und Max Raphael bemühten sich um eine strukturalistische Interpretation von Höhlenmalereien. Ethnographische Analogien lehnten sie ab. Die Darstellungen seien aus sich heraus verständlich, wenn man die ihnen zugrunde liegenden Strukturen entdeckt. Grundlegende Fragen standen im Vordergrund: was gibt es für Darstellungen, wie häufig sind sie und wo sind sie in den Höhlen zu finden? Laming-Emperaire verknüpfte die dargestellten Tiere miteinander, um Gruppen erkennen zu können. Sie stellte fest, dass Pferde und Boviden die am häufigsten dargestellten Tieren sind.

Die Suche nach Gegensatzpaaren und sexuellen Symbolen stand ebenfalls im Vordergrund. In den geometrischen Zeichen und den Tierdarstellungen glaubten sie und Leroi-Gourhan männliche und weibliche Symbole zu erkennen.

André Leroi-Gourhan

Zeichen Höhlenmalerei
"Zeichen" wie diese wurden auch mit Geschlechtern assoziiert.

Leroi-Gourhan untersuchte die dargestellten Tiere nach ihrer Häufigkeit, den Themen und deren topografischen Zusammenhang. Schließlich kam er zu dem Ergebnis, dass die Bilderhöhlen in einer geplanten Komposition genutzt worden seien und man spezifische Darstellungen an bestimmten Teilen in der Höhle bewusst angebracht habe. Demnach war es kein Zufall, dass erst in den hintersten und versteckt gelegenen Nischen der Höhlen Mischwesen gezeichnet wurden. Ferner unterschied er vier Stilformen der Höhlenkunst, um zeitlich synchrone Strukturen erkennen zu können.Wir werden an dieser Stelle allerdings nicht weiter darauf eingehen, weil stilistische Untersuchungen für chronologische Frage nur bedingt behilflich sind und man dem Thema ein eigenes Kapitel widmen sollte.

 

Auch André Leroi-Gourhan sah in den Tierdarstellungen sexuelle Symbole. Allerdings deutete er die Sexualsymbolik exakt andersherum als Laming-Emperaire. Seiner Ansicht nach waren Pferde weiblich und Boviden männlich konnotierte Darstellungen. Weil beide mit denselben Argumenten zu einem gegensätzlichen Ergebnis kamen, verwarfen sie diese Interpretation später. Typisch für Leroi-Gourhan ist, dass er von einem binären Denken ausging und nach Gegensatzpaaren suchte. Wie Lévi-Strauss vermutete er, dass das Denken von kulturspezifischen Dichotonomien (= Gegensatzpaaren) geprägt sei. Im Jungpaläolithikum habe man sich mit dem Gegensatzpaar männlich:weiblich beschäftigt. Mit den Kompositionen in den Höhlen habe man Mythen zu diesem Paar erzählen wollen.

Fazit

Durch den Verzicht auf ethnografische Beobachtungen und Analogien konnte strukturalistische Forschung keine plastische Handlungstheorie entwickelt werden. Die Interpretation und Auswahl der Daten war – Lewis-Williams zufolge – zum Teil subjektiv und widersprüchlich. Dennoch gab es eine theoretische Grundlage und man bemühte sich, eine nachvollziehbare Chronologie für die Höhlenmalereien zu entwickeln. Es konnte bewiesen werden, dass Höhlenmalereien Bezug aufeinander nehmen und keineswegs "einfach so" angefertigt wurden. Es gibt tatsächlich wiederkehrende Muster. So gesehen verdanken wir der strukturalistische Herangehensweise grundlegende Forschungsarbeiten, ohne die wir heute nicht arbeiten könnten.

 

Der Bruch mit den vorausgegangenen Forschungsansätzen war notwendig. Die strukturalistische Forschung wollte sich so weit wie nur möglich von den subjektiven und offenkundig politisch motivierten Auswertungen von Höhlenmalereien distanzieren. Rezente Jäger- und Sammlergruppen sollten nicht mehr zum Vergleich herangezogen und damit als "steinzeitlich" betrachtet werden. Die Steinzeit ist schließlich vorbei und alle Informationen über das Leben steinzeitlicher Menschen sollten aus ihren Hinterlassenschaften herausgelesen werden und aus denjenigen irgendwelcher noch lebender Menschen.

Strukturalismus Höhlenmalerei
Schematische Grafik zur strukturalistischen Deutung von Höhlenmalerei im Jungpaläolithikum © Jan Ahlrichs 2012.

Weitere Beiträge zum Thema:

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Jean Clottes – David Lewis-Williams Palaeolithic art and religion. In: John R. Hinnells (Hrsg.),A Handbook of Ancient Religions 1-45.
André Leroi-Gourhan L'art pariétal. : Langage de la préhistoire -
André Leroi-Gourhan Die Religionen der Vorgeschichte -
André Leroi-Gourhan Ars Antiqua Große Epochen der Weltkunst Serie I Band I: Prähistorische Kunst. Die Ursprünge der Kunst in Europa -
Michel Lorblanchet Höhlenmalerei: Ein Handbuch 75-93
Eduardo Palacio-Pérez Cave art and the theory of art. Oxford journal of archaeology 29, 2010 1-14
Ann Sieveking Cave Artists (Ancient Peoples and Places) -
Bruce G. Trigger A History of Archaeological Thought 463f.
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