Totemismus

totemismus
Totemistische Zeremonie bei Indianern in Nordwestamerika im Jahr 1897. Quelle: Wikimedia.commons.

Die Entdeckung des Totemismus

James George Frazer
James George Frazer (1854-1941). Quelle: Wikimedia.commons.

Die Idee, dass jungpaläolithische Wandkunst mit Totemismus in Verbindung zu bringen sei, kam zeitgleich mit der Deutung des Jagd- und Fruchtbarkeitszaubers auf. Parallel zum Tylor'schen Animismus brachte John McLennan (1827–1881) die Theorie eines Totemismus in den Diskurs ein. Das Wort Totem stammt von den nordamerikanischen Ureinwohnern Ojibwa und kann mit „seine Sippe, seine Gruppe, seine Familie“ übersetzt werden. Er sah in der Vergötterung von Tieren und Pflanzen die älteste animistisch geprägte Religion, der er eine universelle Gültigkeit einräumte. Totemismus geht grundsätzlich davon aus, dass sich eine Gruppe von Menschen mit einem Tier verwandt fühlt. Dieses Tier wird als Ahne verehrt, weil sich die Gruppe mythologisch von ihm ableitet. Das Tier wird als Totem zur Kennzeichnung des Schweifgebietes auserwählt, d.h. in demjenigen Raum, in dem sich die Gruppe bewegt. Das Totem ist heilig und darf nicht verspeist werden.

 

Der schottische Ethnologe Sir James George Frazer (1854-1941) setzte sich intensiv mit Totemismus auseinander und ergänzte McLennen's Ausführungen. Wie Tylor ging er von einer Urreligion aus, aus der sich alle modernen Religionen entwickelt hätten. Zusammen mit Francis Gillen (1855-1912) und Walter Spencer (1860-1929) erarbeitete er eine reduzierte Vorstellung von Totemismus. Letztlich handelte es sich dabei um eine Liste von magischen Praktiken, die zur Erhaltung der Fruchtbarkeit eines Clantotems dienen sollten. Totemismus wurde von ihnen mit einer Form von Jagdmagie verknüpft.

Totemismus nach Max Raphael

Max Raphael prägte eine andere Variante der totemistischen Interpretation. Die Tiere hätten soziale Einheiten zum Ausdruck gebracht. Er brachte diese Idee soweit, dass er glaubte, in bestimmten Tieranordnungen Kämpfe menschlicher Clans erkennen zu können. Wenn es Auseinandersetzungen zwischen einem »Clan der Wisente und dem Clan der Hirschkühe« gegeben haben sollte, dann müsste dies durch entsprechendes Skelettmaterial nachweisbar sein. Außerdem müsste aus den Darstellungen überhaupt hervorgehen, welcher Clan „siegreich“ gewesen ist. 

Probleme mit der totemistischen Deutung

Der Totemismusgedanke wurde bereits in den 1920er Jahren mit dem Argument verworfen, dass in manchen Höhlen zu viele Tierarten abgebildet sind, sodass man letztlich kein Fleisch mehr hätte essen dürfen. Hinzu kommt, dass einige der dargestellten Tiere doch gegessen wurden. Dieser Deutungsansatz kann zudem nicht erklären, warum es geometrische Muster, Positive und Negative von Händen, Darstellungen, wenn auch selten, von gebärenden Frauen, Mischwesen und szenische Abbildungen gibt. Eine Übertragung dieser Interpretation auf die mobile Kleinkunst ist nur eingeschränkt möglich. Den gravettienzeitlichen Venusstatuetten liegt offensichtlich ein anderer Gedanke zugrunde als die Markierung eines Schweifgebietes. Auch ist nicht verständlich, warum gerade mit Abbildungen in versteckt gelegenen und dunklen Höhlen ein Schweifgebiet gekennzeichnet werden soll.

Totemismus Höhlenmalerei
Schema zur totemistischen Deutung der Höhlenmalerei, © Jan Ahlrichs 2012.

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Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Jean Clottes – David Lewis-Williams Palaeolithic art and religion. In: John R. Hinnells (Hrsg.),A Handbook of Ancient Religions 1-45.
James G. Frazer The Golden Bough, 12 Bände (New York 1907–1915) -
James G. Frazer Totemism (Edinburgh 1887) -
David Lewis-Williams The Mind in the Cave: Consciousness and the Origins of Art -
Michel Lorblanchet Höhlenmalerei: Ein Handbuch 75-93
Ernest A. Parkyn An introduction to the study of prehistoric art (New York 1915)  
Eduardo Palacio-Pérez Cave art and the theory of art. Oxford journal of archaeology 29, 2010 1-14
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