Pfahlbauten

Historisches Foto der Pfahlbauten zur Zeit ihrer Auffindung. Zu sehen sind die Pfähle der Siedlung von Möhringen. Abb. aus F. Keller 1878.

Entdeckung der Pfahlbauten

Ferdinand Keller
Ferdinand Keller, 1800-1881.

>>Endlich wurden im Winter 1853/54 durch Zufall die ersten Pfahlbauten entdeckt. Der damals ungewöhnlich niedere Wasserstand aller Schweizerischen Seen war nämlich äußerst günstig zur Vornahme von Uferarbeiten, für welche besonders der am Strande angesammelte Schlamm als vortreffliches Auffüllmaterial verwendet werden konnte. Als man nun zu diesem Zwecke auch bei dem Dorfe Obermeilen am Züricher See eine große Fläche des Seegrundes bloßlegte, fand man, wie früher schon Caspar Löhle, zwischen einer Menge von Pfahlresten allerlei seltsame Dinge von Stein, Feuerstein, Hirschgeweih, Tongefässscherben u. s. w. Professor Dr. Ferdinand Keller in Zürich, der rühmlichst bekannte Altertumsforscher, von Lehrer Aeppli in Obermeilen hievon benachrichtigt , erkannte bei der Besichtigung dieses Fundes sofort dessen große kulturhistorische Bedeutung und bezeichnete denselben als den Überrest einer uralten menschlichen Ansiedlung.<< 

 

 

Mit diesen Sätzen schildert Ernst von Troeltsch in seiner Monographie „Die Pfahlbauten des Bodenseegebietes“ von 1902 die Pfahlbauten zur Zeit ihrer rein zufälligen Entdeckung während eines Winters, der so kalt war, dass die Wasserstände stark sanken und Areale freiwurden, die so groß wie Fußballfelder waren. Dem Betrachter bot sich ein ungewohnter Anblick. Tausende von Pfählen ragten aus dem Schlamm am freigewordenen Grund der Seen. Dazu wurden hunderte von Artefakten aus Stein, Bronze und Keramik aus mehreren Jahrhunderten gefunden. Als erster befasste sich Dr. Ferdinand Keller eingehend mit diesem Phänomen und brachte noch in demselben Jahr seinen ersten „Pfahlbaubericht“ heraus, dem bis 1878 noch sieben weitere folgten. Er war es auch, der den Begriff der „Pfahlbauten“ für die kommenden Generationen prägte und jene Vorstellung von Häusern auf dem Wasser, die auf Plattformen standen und teils durch Brücken und Stege mit dem nahen Uferrand verbunden gewesen sein sollten.    

Interdisziplinäre Forschungen an den Seeufern

Das Pfahlbauprojekt wurde zu einem Motor, der die Archäologie in ihrer Entwicklung maßgeblich voran trieb und sich zusätzlich bei der Bevölkerung durch die Verbreitung von dieser romantischen Pfahlbauidee großer Beliebtheit erfreute. Es hatten sich über die Jahrtausende hinweg zahlreiche organische Stoffe und Artefakte erhalten, die nun untersucht werden sollten. Rudolf Virchow spielte auch hier keine unwesentliche Rolle. Er sorgte dafür, dass sämtliche Pflanzenreste und erhaltene Textilien untersucht wurden. Die Pfahlbauforschung war somit die erste große und interdisziplinäre Kampagne in der Ur- und Frühgeschichtsforschung.

Plattformen auf dem See?

Pfähle einer Pfahlbausiedlung
Zeichnung von freigelegten Pfählen (Keller 1866).
Rekonstruierte Pfahlbausiedlung
Rekonstruktion eines Pfahlhauses, gilt heute als widerlegt (Rau 1876).
Rekonstruierte Pfahlbausiedlung
Eine rekonstruierte Pfahlbausiedlung, gilt heute als widerlegt (Figuier 1876: Abb. 149).
Rekonstruierte Pfahlbausiedlung
Eine rekonstruierte Pfahlbausiedlung, gilt heute als widerlegt (Heierli 1901: Abb. 41).
Pfähle einer Pfahlbausiedlung
Plattformen nach Ferdinand Keller (nachträglich koloriert und widerlegt).

Obwohl von den ehemaligen Häusern nur noch die Grundelemente noch vorhanden waren, glaubten Ferdinand Keller und seine Kollegen, die Pfahlbaudörfer mit riesigen Plattformen im See rekonstruieren zu können. Die Grundpfeiler der Bauten hatten die gesamte Zeit unter Sauerstoffabschluss unter dem Wasser verbracht und konnten so konserviert werden.

 

Dazu bedienten sie sich der Analogie. Die Analogieschlüsse zogen sie durch Belege von Siedlungen auf Seen, die von antiken Schriftstellern wie Herodot, Hippokrates und Vitruv erwähnt wurden. Unter anderem wird hierzu ein Zitat von Herodot angebracht. Darin heißt es: Mehrere Stämme der Päonier hatten ihre Sitze auf dem Lande. Einer dagegen bewohnte eine Pfahlstadt mitten in dem See Prasias, welche nur durch eine schmale Brücke mit dem Ufer in Verbindung stand. Die Pfähle richteten in alten Zeiten die Bürger insgesamt auf; nachher machten sie ein Gesetz, das Folgendes bestimmt: Für jede Frau, die einer heiratet, holt er 3 Pfähle aus dem Gebirge, das Orbelos heißt, und stellt sie unter. Es nimmt aber ein jeder mehrere Weiber. Jeder hat auf dem Gerüst eine Hütte, darin er lebt, und eine Falltür geht vom Boden in den See. Die kleinen Kinder binden sie an einem Fuße mit einem Seile an, aus Furcht, dass sie herunterfallen. Ihren Pferden und ihrem Lastvieh reichen sie Fische zum Futter. Deren ist eine solche Menge, dass wenn einer die Falltür aufmacht und einen leeren Korb hinunterlässt in den See und zieht ihn nach kurzer Zeit wieder herauf, so ist er voll von Fischen.

 

Zeitgleiche Analogieschlüsse konnten sie teils durch eigene Beobachtungen und teils durch die Verwendung von Reiseberichten, die ihre Zeitgenossen verfasst hatten, ziehen. In diesem Kontext erwähnt Ernst von Troeltsch einheimische Stämme auf Sumatra, in Venezuela und letztlich die Nikobaresen im Ozean. 

Zitat von Ernst von Troeltsch: "Wir erwähnen von den vielen modernen Seedörfern z. B. die auf Sumatra, in welchen die Battaker in hoch erbautem Hause dem Tiger zu entrinnen suchen; in Venezuela die der Indianer, welche in ihren über dem Wasser stehenden Hütten vor den Verfolgungen der Moskitos Schutz suchen; die der Nikobaresen im stillen Ozean, die in ihren Hütten den Fieberdünsten des Bodens entgehen wollen. Weiter heißt es in seinem Text: Von besonderem Interesse sind die Mitteilungen der Brüder Sarasin aus Basel, welche wiederholt die Insel Celebes (eine der Sundainseln im indischen Ozean) besucht haben. Dieselben trafen auf dem dortigen Masamah-See ein aus etwa 20 Häusern bestehendes Pfahldorf, dessen Bewohner sich nicht aus Furcht vor Feinden oder wilden Tieren im Wasser ansiedeln, sondern zur Sicherung vor dem Schmutz der vielen Abfälle aller Art, welcher bei den Landsiedlungen vorkommt. Die Reinlichkeit und Gesundheit waren also für sie der Hauptgrund, sich am See Wohnungen zu erbauen. Die einzelnen Häuser waren unter sich und mit dem Lande durch Stege verbunden. In der Nähe des Pfahldorfes standen auf dem Festlande Vorratshäuser, ebenfalls auf Pfählen. Der See wurde mit rohen Einbäumen befahren."

 

Durch das Heranziehen dieser Beobachtungen und mit den Beschreibungen der antiken Autoren waren sich die Forscher sicher, dass es auch derartige Pfahlbauten auch im Bodenseegebiet gegeben haben muss. Unter Berufung auf diese Quellen konnte man überzeugend argumentieren und sicher rekonstruieren – glaubte man soweit zumindest.

Interpretationen von Hans Reinerth und Oscar Paret

In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts begann man an dieser Vorstellung, die von Ferdinand Keller maßgeblich geprägt worden war, zu zweifeln. Hans Reinerth war vielmehr der Meinung, dass es diese Plattformen, von denen Keller stets berichtet hatte, nicht im Bodenseegebiet gegeben haben soll. Er kam zu dem Schluss, dass die Siedlungen sich am Uferrand im Wasser befunden haben müssen und legte die Idee der Plattformen ad acta.

 

Anfang der 40er Jahre bezweifelte der Prähistoriker und Heimatforscher Oscar Paret auch diese Vorstellungen Hans Reinerths.  Er kam nach seinen Recherchen zu dem Ergebnis, dass die Bauten ebenerdig gewesen sein müssen und sich nicht im Wasser, sondern in der Nähe des Ufers befunden hätten. Die im Boden versenkten Pfähle seien nur zur Sicherung und Stabilisierung des Hauses selbst gewesen. 

"Pfahlbauten" heute

Heute, weitere 60 Jahre nach Oscar Parets Publikation zu den Pfahlbauten und über 150 Jahre nach deren Entdeckung, weiss man, dass die Siedlungen sowohl im See als auch am Ufer standen und dann nur saisonal vom Wasser umgeben wurden. Die Lage der Feuchtboden- bzw. Uferrandsiedlungen wie sie heute bezeichnet werden, war also sehr variabel und an keine strenge Konvention gebunden. Einige Häuser standen ganzjährig im Trockenen in der nähe des Uferrandes, andere waren saisonal im Wasser und wiederum andere ganzjährig im See. Die Idee, dass die Häuser durch Plattformen verbunden wurden, gilt auch heute noch als widerlegt, sie konnten nicht nachgewiesen werden.

Weitere Beiträge zum Thema:

Infobox

Inhalt Link
Website des Pfahlbaumuseums Pfahlbauten-Museum
UNESCO Welterbe Pfahlbauten UNESCO Welterbe: Pfahlbauten

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Eggert / Samida Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. UTB basics 204-209
Keller The Lake-Dwellings of Switzerland and other parts of europe 1-13, 236-238
Keller The Lake-Dwellings of Switzerland and other parts of Europe VOL. II. Plates and explanations -
Lubbock Prehistoric times 2f., 60-82, 119-170, 237, 253-255
Menotti Living on the Lake in Prehistoric Europe: 150 Years of Lake-Dwelling Research -
Munro The lake-Dwellings of europe 1-109
Reid Moir Pre-palaeolithic man 9f.
Trachsel Ur- und Frühgeschichte 21-24
Troeltsch Die Pfahlbauten des Bodenseegebiets 1-9
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