Interpretation einer Korrespondenzanalyse

Tafel IX aus August Aigner, Hallstatt (München 1911).

Deutung von Grabinventaren

Hockerbestattungen
Grafik © Jan Ahlrichs 2009.

Bei der Untersuchung von Gräbern muss eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigt werden, die zu dem Entstehen eines Grabinventars fuhren kann. Johannes Müller weist darauf hin, dass Gräber zum einen zwar geschlossene Funde darstellen können, diese aber in ihren Inventaren sehr voneinander abweichen können. Dies geht zuerst auf die Tatsache zurück, dass zum Zeitpunkt der Grablegung mehrere Typen im Umlauf waren und lediglich eine Auswahl in das Grab gelangt. Nach Worsaae wären dies persönliche Gegenstände der bestatteten Person. Neben ideologischen Beweggründen können geschlechts- oder altersspezifische Hintergründe, der soziale Status und letztlich die Hinterbliebenen die Beigabeninventare beeinflussen. Die beigesetzte Person ist bekanntlich die letzte, die bestimmt, was in ein Grab gelangt und wie er/sie dort niedergelegt wird. Müller erwähnt zudem, dass die Grabbauten und Körperhaltungen ebenfalls nicht zufällig zustande kommen. Grabformen, Bestattungsritus und Beigabeninventare unterliegen prinzipiell einem zeitlich bedingten Wandel. Allerdings wird dieser durch kulturspezifische Vorgaben verzerrt, sodass ein breites Spektrum an Kombinationen von Grabformen, Bestattungsriten und Beigabenausstattungen zeitgleich innerhalb eines Kulturkreises vorliegen kann.

D.h. allein die Körperhaltung einer Person kann unter Umständen chronologische oder eine soziale Relevanz haben. Es ist bekannt, dass in der Glockenbecherkultur und in der schnurkeramischen Kultur eine bipolare geschlechtsdifferenzierte Bestattung durchgeführt wurde. Das Problem ist, dass mit mehreren „Moden“ innerhalb einer zeitgleichen Gesellschaft gerechnet werden muss. Es gibt schließlich keinen Zeitpunkt, an dem alle dasselbe tragen und einheitlich aussehen. Eine bestatte Person kann eine Tracht aus ihrer Jugend tragen, weil sie sich absichtlich von der neuen Trachtweise absetzen will. In diesem Fall würde man das Grab älter datieren als es eigentlich ist, wenn man nicht das Sterbealter der Person berücksichtigt. Ein ähnlicher Fall liegt vor, wenn ein Grab Erbstücke enthält, die zum Bestattungszeitpunkt längst nicht mehr in Gebrauch waren. Ein Beispiel hierfür wäre das Childerichgrab. In dem bereits am 27. Mai 1653 entdeckten Grab des Frankenkönigs Childerich I. wurden Münzen aus einem Zeitraum von der römischen Republik bis zum Ende des 5. Jahrhunderts nach Christus gefunden. Das Vorkommen sehr alter Artefakte ist auch aus früherer Zeit bekannt. So wurden in späthallstattzeitlichen Gräbern aus dem Magdalenenberg neolithische Steinäxte gefunden, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr in Gebrauch waren.

 

Letztlich können unterschiedliche zeitgleiche Ausstattungsgruppen ein Indiz für eine stratifizierte Gesellschaft sein. Das Grabinventar kann den sozialen Status einer Person widerspiegeln wie etwa beim „Fürstengrab“ von Hochdorf. Prähistorische Gräberfelder können zudem geschlechtsspezifische Grabbeigaben aufweisen. In diesem Fall müsste man Frauen und Männer voneinander getrennt in einer Korrespondenzanalyse untersuchen, um den Faktor „Zeit“ sichtbar machen zu können. Wenn man in diesem Fall Männer und Frauen nicht getrennt voneinander untersuchen würde, dann würden im Zuge der Korrespondenzanalyse zwei Gruppen gebildet werden, die man graphisch in der Endmatrix (Tabelle) bzw. in der sogenannten Eigenvektordarstellung erkennen kann. In der einen wären sämtliche Frauen- und in der anderen sämtliche Männergräber. Daher ist es wichtig, dass man vor der Eingabe der Daten schon darauf achtet, ob bestimmte Artefakte an Altersklassen, Geschlechter oder einen sozialen Stand gebunden sind. 

Produktions- und Laufzeiten von Artefakten

Mittellatèneschema
Fibeln nach dem Mittellatèneschema (Keller 1878: Tafel CXXI).

Eine Korrespondenzanalyse sagt zunächst wenig über die chronologische Abfolge von Typen oder geschlossenen Funden wie Gräbern etc. aus. Wir müssen bei der Interpretation der Ergebnisse der Analyse auf externe archäologische Informationen berufen. D.h. dass wir auf eine möglichst breite Kenntnis über die verwendeten Typen sowie der Kultur, aus der sie stammen, angewiesen sind. Als Zusatzauskünfte für eine Datierung können Gebrauchsspuren und das Alter der Toten hinzukommen. Obendrein sollte der Unterschied zwischen der Produktions- und der Laufzeit von Typen während der Interpretation bedacht werden.

 

Ein Typenvertreter besitzt eine längere Laufzeit als Produktionszeit. Artefakte wurden über einen bestimmten Zeitraum hergestellt und noch Jahrzehnte oder mehr nach dem Ende der Produktion benutzt. Ein Beispiel dafür sind die Fibeln der Latènezeit. Paul Reinecke stellte nach einer Betrachtung der latènezeitlichen Fibeln fest, dass diese sich nach einem markanten dreistufigen Schema entwickeln. Es gibt Fibeln nach dem Früh-, Mittel- und Spätlatèneschema. Im Frühlatèneschema ist der Fuß der Fibeln lediglich an den Bügel angelehnt, während er im Mittellatèneschema mit einer Klammer am Bügel befestigt wurde. Im Spätlatèneschema wurde der Fuß aus dem Fibelkörper herausgeschmiedet. Der springende Punkt ist nun der, dass Fibeln mit dem Frühlatèneschema noch im Mittellatène, Mittellatènefibeln noch im Spätlatène getragen und anschließend als Beigaben in Gräber gegeben wurden. Demzufolge muss ein Grab, welches eine Fibel nach dem Frühlatèneschema enthält, nicht zwangsläufig in die Frühlatènezeit datieren. Selbst wenn ein Grab eine Fibel des Früh- und Mittellatèneschemas enthält, bleibt offen, in welche der drei Latènestufen es nun datiert. Es könnte sich einerseits um ein Frühlatènegrab handeln, in dem eine der ersten Fibeln des Mittellatèneschemas enthalten ist. Dies liegt dann nahe, wenn es sich um eine besonders alte Person handelt und die Frühlatènefibel starke Gebrauchsspuren, die Mittellatènefibel jedoch keine Gebrauchsspuren aufweist, also gerade erst hergestellt wurde. Das Grab könnte zweitens aus dem Mittellatène stammen, wenn es sich um eine junge Person mit einer alten Frühlatène- und einer neuen oder älteren Mittellatènefibel handelt. Drittens kann der Grabkomplex in des Spätlatène datieren, obwohl er keine Spätlatènefibel vorhanden ist. Dann müssten sowohl die Fibel des Früh- als auch die des Spätlatèneschemas starke Gebrauchsspuren aufzeigen. Mit dieser Problematik muss man sich auseinandersetzen, will man einen Grabkomplex aus einer Seriation datieren. Generell gesehen ist der jüngste Typenvertreter in einem Grab ein terminus post quem für die Niederlegung.

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