Das Jungpaläolithikum

Kopf der Venus von Brassempouy, Gravettien.

"The human revolution"

Mammut-Statuette, Vogelherd.
Mammut-Statuette, Vogelherd.
Pferdchen-Statuette - Vogelherd
Pferdchen-Statuette, Vogelherd.
Löwen-Statuette - Vogelherd
Löwen-Statuette, Vogelherd.

An den Anschluss das Moustérien tritt ab. 40.000 BP eine völlig neue Epoche an. Diese beginnt mit dem Eintreffen des Homo sapiens in Europa. Aber nicht allein sein dortiges Eintreffen macht diese Epoche dermaßen einzigartig. Es ist vielmehr das plötzliche Auftreten von bisher unbekannten symbolischen Artefakten. Zu dieser Kategorie gehören folgende vier Punkte: dreidimensionaler Schmuck, figürliche Kunst, mythische Wesen (Löwenmenschen) und Musikinstrumente - bisher sind acht Flöten aus Südwestdeutschland bekannt. 

Es findet eine kreative "Explosion" statt, die sich rasch in ganz Europa niederschlägt. Diese symbolischen Artefakte sind ein Nachweis von geistigen Fähigkeiten, den man bisher in diesem Ausmaße für frühere Kulturen nicht erbringen kann. Deshalb wird das jungpaläolithikum mit dem Begriff der "human revolution" assoziiert. Neben diesen Hinweisen auf geistige Fähigkeiten gibt es eine Vielzahl neuer Werkzeuge. Dazu gehören beispielsweise spezielle Klingenformen und Knochenartefakte.

 

Das Jungpaläolithikum zeichnet sich noch durch weitere Charakteristika aus, die es im Mittelpaläolithikum nicht gab. 

 

1. Man kann eine effizientere Nutzung des Silexmaterials erkennen. Das Material wird in dem Sinne "besser" benutzt, als dass man zunehmen kleinere Abschläge produziert. D.h. es gibt bereits im frühen Jungpaläolithikum eine Tendenz zur Produktion von Mikrolithen. Das verwendete Rohmaterial wurde sogar oftmals auch über sehr große Strecken transportiert. Daran lassen sich auch teilweise die Bewegungen der Menschen erschließen. 

 

2. Die verarbeitung von Knochen und Geweih zur Herstellung von Gegenständen alltäglichen oder sogar rituellen Gebrauches ist ebenfalls neu. Neandertaler hatten auf ihrer "Speisekarte" zwar einen enormen Anteil an Tieren und damit potentiell viel Knochenmaterial zur Verfügung aber sie nutzten es nicht. Neandertaler stellten ihre Artefakte aus Silex her. Warum sie Knochen nicht nutzten, kann man im Moment nur schwer erklären. Sie hatten ein Spektrum an Steinartefakten, das ihren Lebenssituationen angepasst war. Sie gingen mit ihrem technologischen Know-How flexiel um, waren aber nicht in dem Sinne innovativ, als dass sie mit Knochenartefakten experimentierten.

 

3. Es werden neue Jagdwaffen wie Boomerang, die Speerschleuder oder Pfeil und Bogen entwickelt.

 

4. Für Fundplätze aus dieser Zeit konnten Speicheranlagen, Feuerstellen mit/ohne Steinkranz und differenzierte Arbeitsbereiche nachgewiesen werden.  

Gesellschaft im Jungpaläolithikum

Schamane von Trois Frères
Eine als Schamanendarstellung interpretierte Zeichnung aus Trois Frères (Dép. Ariège).

Bei Elman Service wird die Gesellschaftsform des Jungpaläolithikums "band organisation" genannt. Diese Organisationsform soll es bis hin zum Epipaläolithikum gegeben haben – rezente „Vertreter“ dieser Gesellschaftsform sind die San in Afrika.

 

In dieser Organisationsstufe halten sich nicht mehr als 100 Jäger und Sammler in einer Gruppe („band“) zusammen auf, in der jeder für jeden sorgt. Im Jungpaläolithikum werden diese "Bands" saisonal sesshaft. Dies lässt sich anhand von Befunden für temporäre Hütten bzw. Zelte nachweisen. Der Aufbau dieser „bands“ ist egalitär. In den einzelnen Gruppen der Jäger und Sammler wird es eine informelle Anführerschaft gegeben haben. Als religiöse Instanzen werden Schamanen vermutet (Schamanismus). Die Gemeinschaft insgesamt ist relativ lose aber dennoch nicht völlig unstrukturiert. Soziale Hierarchien sind in dieser Zeit noch nicht nachgewiesen.

Das Aurignacien

Aurignacien nennt sich eine der beiden ersten Industrien des Jungpaläolithikums, die jeweils um 40 kya anzusetzen sind. In dieser Industrie lassen sich auf Anhieb fast alle eben genannten Leitformen für die ganze Epoche finden: Kunst, Knochenartefakte (auch geschäftet), Klingen, Musikinstrumente, Höhlenmalerei, Tierfiguren, Mischwesen, erste sicher nachweisbare Bestattungen, das älteste Feuerzeug sowie Nadeln, allerdings ohne Öhr. Was die Menschen zum Schaffen von Kunst veranlasste, ist nicht geklärt und wird wahrscheinlich auch nie geklärt werden können. Es steht nur fest, dass mit dem Jungpaläolithikum der Mensch überall mit dem Kunstschaffen anfängt und die Ergebnisse sich sehen lassen können. Sie sind von Anfang an naturgetreu, proportional und anschaulich. Heutige Menschen zeichnen/malen nicht besser als die früheren. Nicht nur durch Grafiken auf Steinen und an Wänden schlug sich die Kreativität nieder, sondern auch in musischer Form wie Funde von Flöten aus Schwanenknochen belegen. Experimentelle Archäologen bauten diese Instrumente nach und stellten fest, dass mit solchen Instrumenten durchaus angenehm klingende Musik erzeugt werden konnte. 

 

Wichtig ist zudem, dass ab diesem Moment Bestattungen durchgeführt wurden, bei denen die Verstorbenen in bestimmten Positionen begraben wurden und Beigaben in allen möglichen Formen erhielten, was einerseits auf enger werdende Mitmenschlichkeit hindeutet und andererseits aufzeigt, dass man den Tod mit Jenseitsvorstellungen in Verbindung gebracht hat, die sich fortan immer mehr konkretisieren und später in differentzierten Grabformen und Bestattungsriten münden werden. 

Knochen- und Geweihartefakte
Spitzen aus Knochen und Geweih.
Cro-Magnon Mensch
Dieser anatomisch moderne Schädel wurde 1868 bei Cro-Magnon (Dép. Dordogne) von Louis Lartet (1840–1899), dem Sohn von Édouard Armand Lartet, ausgegraben. Nach ihm benannt ist der "Cro-Magnon-Mensch", also der H. sapiens des Jungpaläolithikums.
Schädel von Döbritz
Schädel eines Jungpaläolithikers, Döbritz.
Venus vom Galgenberg
Venus vom Galgenberg, Aurignacien. Neben der Venus aus dem Hohle-Fels ist sie die weltweit älteste plastische Frauendarstellung.

Zeitalter der ersten Künstler

palaeolithic typesites
Eponyme Fundorte für paläolithische Werkzeug-Kulturen.

Die älteste bekannte Kunst der Weltgeschichte datiert in das Jungpaläolithikum. Im vorausgehenden Mittelpaläolithikum war es schon vorgekommen, dass man sich mit Schmuck aus Schneckenhäusern oder ähnlichem bekleidet und roten Ocker verwendet hatte aber Kunst in Form von Bildern oder Statuetten gab es nicht.

 

Die älteste Kunst

Während des 19. Jahrhunderts wurden bei Grabungen in französischen Höhlenfundplätzen die ersten gravierten Knochen gefunden. Der Entdecker dieser Objekte war der Franzose Édouard Lartet. In der Höhle von Massat stieß er 1860 auf die entsprechenden Funde. Ein paar Jahre darauf wurden in den Stationen La Madeleine, Les Eyzies, Laugerie Haute, Laugerie Basse oder Mas d'Azil weitere Funde prähistorischer Kunst gemacht. Weil die Ausgräber zu den führenden Persönlichkeiten ihres Faches gehörten, wurden ihre Entdeckungen anerkannt. Hin und wieder gab es Zweifel an der Echtheit, weil Fälschungen von Arbeitern oder Kindern auftauchten. Der Zweifel konnte aber durch neue Funde und gesicherte stratigraphische Beobachtungen relativ schnell beseitigt werden. 

Dass der vorgeschichtliche Mensch schon so früh Kunst geschaffen hatte, verblüffte viele Zeitgenossen. Bisher hatte man den "primitiven" Vormenschen die Fähigkeit, Kunst erschaffen zu können, nicht zugebilligt und daher war jeder weitere Fund war eine kleine Sensation.

Du befindest dich hier:

Infobox

Thema Link
Eiszeitliche Kunst; sehr guter Überblick bradshawfoundation.com...
Webseite der Chauvet-Höhle culture.gouv.fr...

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Brantingham / Kuhn / Kerry The Early Upper Paleolithic Beyond Western Europe -
Cunliffe The Oxford Illustrated History of Prehistoric Europe (Oxford Illustrated Histories) 42-79
Fansa Wohin die Toten gehen 13-22
Hahn Aurignacien. Das ältere Jungpaläolithikum in Mittel- und Osteuropa -
Henke / Rothe Stammesgeschichte des Menschen: Eine Einführung 155
Lartet / Christy Aufsatz in: Revue archéologique IX 233-268
Lorblanchet Höhlenmalerei: Ein Handbuch 13-66
Ofer Bar-Yosef The upper palaeolithic revolution. Annual review of anthropology 31, 2002 363–393
Owen Distorting the Past: Gender and the Division of Labor in the European Upper Paleolithic -
Renfrew/Bahn Basiswissen Archäologie: Theorien - Methoden - Praxis 131-136
Rau (Hrsg.) Eiszeit: Kunst und Kultur -
Schnurbein Atlas der Vorgeschichte 24
Über diesen flattr Button kannst du uns unterstützen.

Hinweis

Wir geben uns große Mühe um die Korrektheit unserer Inhalte. Sollten es dennoch Fehler oder Ungereimtheiten geben, würden wir uns über einen Kommentar freuen!