Châtelperronien

Der Neandertaler verschwindet

Der Homo neanderthalenis hinterlässt kurz vor seinem Verschwinden eine letzte Industrie: das Châtelperronien (ca. 40.000 bis 30.000 BP). Die Bezeichnung wurde 1906 von dem berühmten französischen Prähistoriker Henri Édouard Breuil geprägt, nachdem dieser die Eigenständigkeit der Funde aus der Grotte des Fées bei Châtelperron im Département Allier erkannt und herausgearbeitet hatte. Diese zeichnet sich unter anderem durch Knochengeräte, Klingenkratzer und Elfenbeinschmuck sowie die eponymen Châtelperronienspitzen aus.

Theorien zum Verschwinden des Neandertalers

Das Aussterben des Neandertalers wurde und wird intensiv diskutiert. Inzwischen gruppieren sich Forscher und interessierte Laien in unterschiedliche Lager, von denen jedes seine eigene Theorie entwickelt hat bzw. eine vorhandene Theorie verteidigt.

 

1. Die einen gehen davon aus, dass für sein Verschwinden des Homo neanderthalensis vielleicht Mord und Todschlag durch den Homo sapiens Ausschlag gebend waren. Diese Hypothese konnte bisher aber nicht nachgewiesen werden. Es gibt schlichtweg keine qualifizierten Befunde oder Funde, die für diese These sprechen. Diese Idee entspricht daher eher einem Gedankenspiel ohne eine handfeste Grundlage.

 

2. Andere haben die Beobachtung gemacht, dass sich die Mehrheit der jüngsten Neandertalerfunde im spanischen Bereich konzentriert. Sie gehen deswegen von einem Rückzugsgebiet im südlichen Raum der Iberischen Halbinsel hinter dem Fluß Ebro aus. Eine Verbreitungskarte im Artikel zum Mittelpaläolithikum zeigt Fundplätze, an denen Knochen/Zähne von Neandertalern gefunden wurden. Nachdem der moderne Mensch in Europa eingetroffen war, soll er die Neandertaler zunehmend weiter verdrängt haben, bis diese sich schließlich hinter den Ebro in eine Art "Reservat" zurückgezogen haben sollen und dort um ca. 30.000 bzw 25.000 Jahre vor heute ausstarben. Warum sie dort letztlich ausgestorben sein könnten, nachdem sie dorthin gedrängt wurden, erklärt diese Theorie aber nicht. Allerdings sprechen Funde von Neandertalern aus der Krim und aus Kroatien eindeutig gegen diese Theorie. In Kroatien und auf der Krim wurden Neandertalerknochen entdeckt. Gab es also mehrere Rückzugsgebiete? Selbst wenn, was sagt uns das über sein Aussterben?

 

3. Eine weitere Gruppe vermutet, dass der Neandertaler, der während der vorgehenden Eiszeiten bereits in Europa gelebt und sich erfolgreich an das kalte Klima gewöhnt hatte, mit dem sich verändernden Klima des Jungpaläolithikums nicht mehr zurecht kam. D.h. seine Anpassungsfähigkeit sei in diesem Falle nicht flexibel genug gewesen. Infolge dieser "Nichtanpassung" an das wärmer werdende Klima halten Vertreter dieser Theorie es für möglich, dass die Neandertaler nicht mehr fortpflanzungsfähig waren und deswegen ausstarben. Nun wurde in jüngster Zeit jedoch bewiesen, dass heutige Menschen einen kleinen Anteil an Neandertalergenen in sich tragen - wahrscheinlich auch Du. Damit ist bewiesen, dass es einige Male immerhin zu liebevollen Begegnungen gekommen ist, bei denen die Neandertaler durchaus zeugungsfähig gewesen sind. Sonst hätten wir ihre Gene gar nicht in uns.

 

4. Wiederum andere Forscher gehen davon aus, dass sich Neandertaler und moderne Menschen vermischten. Zunächst soll es Hybriden gegeben haben, also Menschen, die anatomische Merkmale beider Menschenformen aufwiesen. Mit der Zeit hätten jedoch die Gene des Homo sapiens diejenigen des Neandertalers und damit seine äußerlichen Merkmale, vollständig verdrängt.

Der Neandertaler und die Kunst

Nicht nur sein "Ableben" wird auch derzeit noch innig diskutiert, sondern auch die Frage, ob er eigenständig Kunst schuf oder dies erst vom Homo sapiens sich "abschauen" musste. Manche behaupten, Neandertaler haben sich erst den Sinn für das "Schöne" beim modernen Menschen abschauen müssen, weil sie selbst nicht dazu in der Lage gewesen seien.

In der Tat ist es merkwürdig, dass mit dem beginneden Jungpaläolithikum in Europa erstmals dreidimensionale Kunst in archäologischen Befunden in Erscheinung tritt. Die Frage ist nun für viele Wissenschaftler, warum nicht schon früher Kunst geschaffen wurde? Warum geschah dies erst jetzt? Was ist hier der Auslöser, oder was sind die Auslöser? Alle bisherigen gefunden Kunstobjekte waren mit dem Aurignacien vergesellschaftet, welches traditionell mit dem modernen Menschen assoziiert wird. Die typischen Kulturschichten des Châtelperronien werden dagegen dem Neandertaler zugeordnet und enthalten keine derartigen Objekte. Hier muss gesagt werden, dass Schmuck und Perlen von denjenigen Archäologen nicht als Kunst verstanden werden, sondern figürliche Plastiken und Malereien etc. Schmuck und Perlen sind durchaus mit Neandertalern in Befunden vergesellschaftet, insbesondere aus der Zeit des Châtelperronien. Plastiken und Malereien dagegen gibt es nicht aus Fundkontexten, die sicher Neandertalern zugeschrieben werden können. Es ist allerdings bewiesen, dass Neandertaler Schmuck aus Muscheln und Federn besaßen, dass sie rote und schwarze Pigmente benutzten und auf diversen Fundstücken abstrakte Muster eingravierten. Damit ist klar, dass Neandertaler einen Symbolismus hatten.

 

Es gibt einige Funde und Befunde, welche den modernen Menschen mit Kunst in Verbindung bringen. Allerdings ist dies nur ein Hinweis dafür, dass der Homo sapiens Kunst schaffen konnte, es spricht jedoch nicht für die These, dass der Neandertaler dies nicht auch konnte. Es spricht ebenso wenig dafür, dass der entscheidende Impuls für das Entstehen des Aurignacien um 40.000 vor heute vom modernen Menschen ausging, weil bisher kein Skelett eines modernen Menschen bekannt sein soll, welches älter als 35.000 Jahre vor heute datiert. Es ist möglich, dass in Zukunft Fundstellen entdeckt werden, die den Neandertaler problemfrei mit Kunst in Verbindung bringen lassen. Die Frage, wer als erster Kunst schuf und wesentliche Impulse dazu gab, ist also noch lange nicht endgültig geklärt. 

 

Dieses Thema kann eigentlich in den Kontext mit Rassismus gebracht werden, derweil immer noch Forscher den Homo sapiens als die alleinige Krone der Schöpfung erkennen und nur ihm diese Fähigkeiten der Kunstschaffung und Sprache zuschreiben wollen: darüber kann ein ganzes Buch geschrieben werden. Der Neandertaler wird vielerorts schnell automatisch mit Rückständigkeit assoziiert, was auf sehr alten und unbegründeten Vorurteilen beruht.

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Coolidge/Wynn A Cognitive and Neuropsychological Perspective on the Châtelperronian. Journal of Anthropological Research 60/1, 2004 55-73.
Conard When Neanderthals and Modern Humans Met 5-15
Eggert / Samida Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. UTB basics 151-157
Fansa Wohin die Toten gehen 13-22
Keefer Steinzeit 48-52
Langley/Clarkson/Ulm Behavioural Complexity in Eurasian Neanderthal Populations: a Chronological Examination of the Archaeological Evidence. Cambridge Archaeological Journal 18/3, 2008 289–307
Müller-Karpe Handbuch der Vorgeschichte I 49-51
Robert The Demise of the Neandertals: A Study on Neandertal Extinction -
Samuelson / Crookes The quarterly journal of science I, 1864 88-97
Schnurbein Atlas der Vorgeschichte 24
Tattersall/Schwartz Hominids and hybrids: The place of Neanderthals in human evolution. PNAS USA 96, 1999 7117–7119.
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