Forschungsgeschichte zum Mesolithikum

Zum Begriff „Mesolithikum“

Eber - Gdansk
Eine Eberfigur aus Bernstein aus dem ausgehenden Mesolithikum, ca. 6.-5. Jahrtausend v. Chr. Gefunden wurde der Eber im heutigen Gdansk, Polen. Das Original befindet sich seit 1945 als Kriegsbeute in Russland. Eine Nachbildung ist im Neuen Museum (Berlin) zu sehen. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2012.

Gelegentlich werden J. Allen Brown oder Otto Martin Torell (1828-1900) als Urheber dieses Begriffes genannt: das ist allerdings nicht richtig.

 

Der Begriff "Mesolithikum" wurde erstmals am 15. Mai im Jahr 1866 von Hodder Michael Westropp (1820-1885) verwendet, also genau ein Jahr nach der Veröffentlichung von John  Lubbocks "Pre-historic Times". Westropp nannte den Begriff dann 1872 in seinem Buch "Pre-historic Phases". Er grenzte es von dem Paläolithikum und dem "Kainolithikum" (=Neolithikum) ab und ordnete ihm die dänischen Kökkenmöddingar zu. Er ging davon aus, dass es einen kontinuierlichen Übergang vom Paläolithikum zum Neolithikum gab. Führende Archäologien wie Gabriel de Mortillet oder Émile Cartailhac glaubten keineswegs an einen fließenden Übergang. Zwischen dem Paläolithikum und dem Neolithikum soll es einen Hiatus, also einen kulturellen Bruch, gegeben haben, so ihre Theorie. 

 

So kam es, dass das Mesolithikum zunächst ignoriert bzw. unerkannt blieb und erst Jahrzehnte später in der angelsächsischen bzw. französischen Archäologie aufgenommen wurde. Die Hiatus-Theorie blieb aktuell, bis 1895 Ausgrabungen in Mas d’Azil durchgeführt wurden, die einen kontinuierlichen Übergang vom Paläo- zum Neolithikum belegten. Zu diesem Zeitpunkt war Westropp bereits in Vergessenheit geraten. Archäologen prägten in den 1890er Jahren den Begriff Mesolithikum neu, ohne dabei zu wissen, dass er bereits seit 1866 existierte.

 

Durch die Arbeiten von Sir John Grahame Douglas Clark (1907-1995) wurde die Mittelsteinzeit schließlich vollständig in die Forschung eingegliedert.

Relative Chronologie und Kulturen des Mesolithikums

Johanna_Mestorf
Johanna Mestorf (1828-1909). Quelle: Wikimedia.commons

Der französische Altertumsforscher E. Vielle machte 1879 darauf aufmerksam, dass es noch eine steinzeitliche Epoche zwischen dem Paläo- und dem Neolithikum geben müsste. Der Grund hierfür waren markante Silexfunde, die er während seiner Ausgrabungen bei La Fère-en-Tardenois (Département Aisne) gemacht hatte. Dort hatte er nämlich einfache Spitzen mit einer Basisretusche („Tardenois-Spitzen“) und geometrische Mikrolithen gefunden. Ähnliche Artefakte hatte man zuvor nicht gekannt und so drängte sich der Gedanke auf, hier eine neue Kulturstufe gefunden zu haben.

 

Gabriel de Mortillet begutachtete die Funde von Vielle und bezeichnete diesen neuen Zeitabschnitt 1883 als „Tardenoisien“. Georg F. L. Sarauw (1862-1928) ordnete dem Mesolithikum die erste Kulturgruppe für das nordeuropäische Tiefland zu. Der Name der Maglemose Kultur geht auf die Ausgrabung von 1900 am gleichnamigen Ort in Dänemark zurück. Johanna Mestorf (1828-1909) stellte 1904 ihre Funde von Ellerbeck und damit eine weitere mesolithische Kulturgruppe vor.

Die Anerkennung der Mittelsteinzeit

Im 20. Jahrhundert war die Mittelsteinzeit von zahlreichen Prähistorikern negativ konnotiert. Im Vergleich zu den vorhergegangenen jungpaläolithischen Epochen wie etwa dem Magdalénien und Solutréen hatte es nicht mal annähernd so viele künstlerische Hinterlassenschaften vorzuweisen. Die Zeit der großen imposanten Höhlenmalereien und Felsgravuren schien vorbei zu sein. Die bekannten Statuetten wurden angesichts der jungpaläolithischen Kunst abgewertet. Hinsichtlich der Feuersteinartefakte gab es keine fein gearbeiteten größeren Blattspitzen mehr wie man sie aus dem Solutréen kannte und bewundert hatte. Von einer kulturellen Degeneration im Mesolithikum war schließlich die Rede. 

Wie konnte es aber dazu kommen? Als Auslöser für den vermeintlich raschen kulturellen und technologischen Wandel in der Mittelsteinzeit identifizierte man das sich verändernde Klima. Heute wissen wir, dass das Mesolithikum nicht binnen kürzester Zeit entstanden ist, sondern seine Wurzeln im Jungpaläolithikum hat. Im frühen Jungpaläolithikum lässt sich bereits eine Tendenz zu kleineren Flintartefakten beobachten. In der Mittelsteinzeit wird der vorhandene Feuerstein nur noch effektiver verarbeitet. Diese Steigerung in der Effizienz der Silexverarbeitung geht sehr wahrscheinlich auf einen eingeschränkten Zugang zum Rohmaterial zurück. 

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Czarnik The Theory of the Mesolithic in European Archaeology, Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 120, No. 1, 1976 59-66
Nicholson Hodder Westrop: nineteenth-century archaeologist. Antiquity 57, 1983 205-211
Price The Mesolithic of Northern Europe, Annual Review of Anthropology, Vol. 20, 1991 211-233
Wilkins The mesolithic. Antiquity 33, 1959 130f.
Westropp Pre-historic Phases (London 1872) 65
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