Endneolithikum: 2.800 bis 2.200 v.Chr.

Leben im Endneolithikum

Das Endneolithikum stellt an sich einen Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit dar, in dem fast überall in Europa mit Kupfer experimentiert wird und Kupferartefakte stets häufiger werden. Dieser Übergang verlief keineswegs rasch, sondern vielmehr langsam. Er ist von überregionalen Trends in der Gefäßherstellung geprägt. Koch- und Vorratstöpfe verlieren allmählich ihr S-förmiges Profil, werden auffällig schlichter, gröber und schlechter gebrannt.

Im endneolithischen Europa treten die so genannten Becherkulturen in Erscheinung. Hierbei handelt es sich um die Schnurkeramik und die Glockenbecherkultur. Beiden Kulturen ist gemeinsam, dass sie fast ausschließlich durch Grabfunde belegt sind und nur wenige Siedlungsbefunde vorliegen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie ihre Siedlungen auf Geländen mit einer starken Erosion errichteten. Die  Totenbehandlung erfolgte überregional einheitlich und war sogar stark geschlechterdifferenzierend. Darüber hinaus gewinnt das Pferd zunehmend an Bedeutung, dessen wahrscheinlich in mehreren Regionen zeitgleich geschah. Archäozoologische Untersuchungen konnten aufzeigen, dass Pferde sowohl als Zugtiere als auch zum Reiten eingesetzt wurden

Grafik © Jan Ahlrichs 2009.

Schnurkeramik

Die Schnurkeramik entwickelte sich am Beginn des Endneolithikums in nicht zusammenhängenden regionalen Siedlungskammern über Mittel- und Osteuropa bis nach Zentralrussland heraus. Sie setzt zusammengefasst um ca. 2800 v. Chr. ein. Natürlich gibt es zwischen den Regionalgruppen unterschiedliche Anfänge der Laufzeiten. Furholt konnte 2003 anhand gebietsübergreifender C14-Untersuchungen 2003 herausarbeiten, dass es bei der Ausbreitung der Schnurkeramik ein zeitliches Gefälle gibt. Die frühesten Vorkommen wurden in Kleinpolen und Kujawien nachgewiesen. Daran anschließend bildeten sich die Gruppen im Mittelelbe-Saale-Gebiet, in Süddeutschland und der Schweiz heraus. Die Laufzeiten dagegen gestalten sich sehr variabel. Während zum Beispiel die mitteldeutsche Schnurkeramik bis 2200/2100 v. Chr. läuft, enden die Seeufersiedlungen in der Schweiz relativ früh schon gegen 2550/2460 v. Chr.

 

Die Kultur definiert sich durch die eponyme Keramik im speziellen durch Becher und Amphoren, welche zum häufigsten Fundgut gehören. Die meist darauf vorhandenen Verzierungen wurden durch während der Produktion aufgebrachte Schnurabdrücke erstellt. Vor allem umlaufende Linien und Dreiecke sind charakteristisch. Im Mittelelbe-Saale-Gebiet tritt ab ca. 2500 v. Chr. der besonders prächtige sogenannte Mansfelder Stil auf. Die Gefäße sind hierbei teilweise fast vollständig mit schnurschraffierten Dreiecken dekoriert. Festzustellen ist, dass jede Siedlungskammer zwar die schnurkeramische Verzierung gemein hat, es aber zu mannigfaltigen regionalen Ausformungen kommt. Beispielhaft sei hier die Keramikentwicklung in Mitteldeutschland aufgeführt:

Fischer geht in den 50er Jahren von einer keramiklosen Vorstufe, der sogenannten Kalbsrieth-Gruppe, aus. Dabei handelt es sich um Hockergräber, welche wenn überhaupt nur Werkzeug- und Waffenbeigaben aufweisen. Jedoch sind beigabenlose Hockergräber schon seit Baalberger Zeit bekannt. Diese Stufe ist und wird auch in Zukunft umstritten und diskutabel bleiben. Von 2750-2500 v. Chr. zeigt sich die frühe Schnurkeramik anhand von Strichbündelamphoren, die in schlichter, gefiederter oder abweichender Dekoration ausgeführt sind. Weiterhin sind auf Amphoren und Bechern Tannenzweig- oder Fischgrätenmuster zu finden. Die späte Schnurkeramik ab 2500 v. Chr. bis 2200/2100 v. Chr. zeichnet sich durch den schon erwähnten reichen Mansfelder Stil aus. Strichbündelamphoren sind weiterhin zu finden, jedoch nun mit Erweiterungen durch Mansfelder Elemente. Becher nehmen ein mehr S-förmiges Profil an und besitzen Henkel oder Ösen. Die hier vorhandenen Verzierungen reichen zudem über Hals und Umbruch hinaus.

 

Eine Besonderheit sind die schnurkeramischen Facettenäxte. Deren Kanten sind durch mehr oder weniger gut geschliffene Facetten abgerundet. Der Nutzen dieser vermutlich eher als Verzierung, denn als technisches Merkmal dienenden Form liegt im Dunkeln. Die Facettenzier findet sich auch auf Steinbeilen. Im mitteldeutschen Raum bestehen sie zu 90 % aus Felsgestein, wohingegen die Beile in Kleinpolen zu 90 % aus Silex gefertigt wurden. Die regionalen Unterschiede sind bisher rätselhaft und stehen zur Diskussion.

 

Die bisher fast ausschließlich über Gräber fassbare Schnurkeramik praktizierte zum überwiegenden Teil die Sitte der Einzelbestattung. Damit gehört sie zum weiten Feld der immer häufiger werdenden Tendenz der Einzelgrabkultur. Die Bestattungen sind sowohl als Flach- als auch als Hügelgräber bekannt. Hein ist 1987 allerdings der Auffassung, dass es weitaus mehr Hügelgräber als Flachgräber gab, diese jedoch der Erosion und Landwirtschaft zum Opfer fielen. Ein Beleg sieht er darin, dass alle bisherigen Hügelgräber aus Wäldern bekannt sind. Die Totenbeisetzung erfolgte überproportional nach Geschlechtern orientiert, wobei Männer mit Streitäxten als rechte Hocker mit Ost-West-Orientierung und Frauen mit Spondylusmuschelschmuck, Tierzähnen und Knochengeräten als linke Hocker mit West-Ost-Orientierung bestattet wurden. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Als Beispiel sei das Gräberfeld von Schafstedt angeführt, in dem Hummel 2000 zeigte, dass das Geschlecht nicht ausschlaggebend für die Orientierung des Toten war. Zudem ist es auch ersichtlich, dass einige Gräber, welche aufgrund von Waffen-/Beilbeigabe als Männergräber deklariert sind, nicht der üblichen Rechten-Hocker-Tradition folgen. Sie sind als linke Hocker bestattet und wären theoretisch als Frauengräber zu werten. Anthropologische Untersuchungen erfolgten nicht und stehen weiter aus, um Antworten zu finden.

 

In der Forschung war die Siedlungsweise der Schnurkeramiker bis vor kurzem ein sehr umstrittenes Feld. Da so gut wie keine Siedlungsfunde bekannt waren, nahm man lange an, dass eine nomadisierende Lebensweise vorherrschte. Neuere Erkenntnisse widerlegen diese Behauptung. Müller und Seregély schreiben 2008, dass der Großteil der schnurkeramischen Siedlungen aus Weilern und Einzelgehöften besteht. Siedlungen mit nachgewiesenen Hausgrundrissen sind in Mitteleuropa sehr selten. Die Weiler bestanden demnach aus bis zu 5 Häusern. Nur aus wenigen Siedlungen sind mehr als 5 gleichzeitig existierende Häuser bekannt. Es dominieren die sogenannten Sunken Floors, bei denen davon auszugehen ist, dass die Hauskonstruktion aus Schwellbalken- oder Blockbauweise bestand. Auch sind einfach Grubenhäuser möglich. Pfostenbauten sind vor allem aus den nördlichen Gebieten wie Dänemark oder Schweden und den südlichen Gebieten, wie aus den Schweizer Seeufersiedlungen bekannt. Die Schnurkeramiker bauten Emmer, Einkorn und Gerste bevorzugt an, zudem betrieben sie Hudewirtschaft im näheren Umfeld der Siedlung, wobei sie Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine züchteten. Der Anteil von Haustieren gegenüber Wildtieren liegt bei 75 zu 25 %. Der Großteil der Rohstoffe kam aus der näheren Umwelt und wurde in der Siedlung für den eigenen Bedarf verarbeitet.

Bekannte Siedlungen sind unter anderem Wattendorf-Motzenstein und die Seeufersiedlung Zürich-Mozartstraße. (H. Tiede)

Schönfelder Kultur

Die Schönfelder Kultur wurde nach dem eponymen Fundplatz Schönfeld im Landkreis Stendal benannt. Dort wurde 1910 von dem Gymnasiallehrer und Prähistoriker Paul Kupka (1866-1949) ein jungsteinzeitliches Gräberfeld ausgegraben. Ausgehend von der charakteristischen Keramik wurde in der Folgezeit insbesondere durch Max Ebert der Begriff der Schönfelder Kultur geprägt.

Ihr Hauptverbreitungsgebiet befindet sich vor allem im heutigen Sachsen-Anhalt. Es gliedert sich in einzelne Siedlungskammern nördlich des Harzes, welches zu einem zusammenhängenden Gebiet ab der Höhe Magdeburg bis in die östliche Altmark reicht. Es lassen sich zwei große Hauptgruppen herausstellen: Zum einen die Schönfelder Nordgruppe und zum anderen die Ammenslebener Gruppe. Zeitweise wurde noch von einer Schönfelder Südgruppe gesprochen, jedoch ist sie eher als Schnurkeramik mit Schönfelder Einflüssen zu sehen.

 

Die gesamte Kultur datiert in den Zeitraum der Schnurkeramik von circa 2700 bis 2200 v. Chr. Radiokarbondaten konnten nur in schnurkeramischen Kontexten ermittelt werden, welche aufgrund der Begleitkeramik Schönfelder Einflüsse aufweisen. Diesen Einfluss konnte Martin Furholt 2003 ab 2480 bis 2200 v. Chr. nachweisen.

 

Die Schönfelder Kultur stellt einen einzigartigen Sonderfall im Bestattungswesen des Endneolithikums dar. Sie ist die einzige Kulturgruppe die ihre Toten ausnahmslos verbrannte. Der Leichenbrand wurde zusammen mit den ebenfalls eingeäscherten Privatgegenständen in Keramikschalen niedergelegt und dieses Ensemble in einer flachen Grabgrube bestattet. Diese als Urnen verwendeten Schalen sind eine weitere Besonderheit der Schönfelder Kultur. Ihre Verzierung ist in Parabel- oder Strahlenform ausgeführt. Gerade erstere erinnert an eine aufgehende Sonne, weshalb vermutet wird, dass die Angehörigen der Schönfelder Kultur eine Art Sonnenkult praktizierten.

Weitere wichtige Keramikformen sind die wie in allen Becherkulturen vorkommenden Becher, hier in bauchiger Form und teilweise schon Glockenbecherförmig. Eine weitere Leitform der Schönfelder Kultur sind die sogenannten Ostharzamphoren, welche durch einen sehr kurzen Hals und ihre kugelbauchige Form definiert werden.

An Arbeitsgeräten lassen sich Trapez- und Rechteckbeile finden, welche aber zum überwiegenden Teil nur in zerstörter Form bekannt sind. Äxte sind stark unterrepräsentiert. Bekannt sind die als Querschneider ausgeführten Pfeilspitzen, welche als Indiz dafür gelten, dass die in den „Familiengräbern von Eulau“ gefundenen Angehörigen der Schnurkeramik durch Schönfelder Menschen getötet worden sein könnten.

Schmuck kann nur fragmentarisch erfasst werden. Die wenigen Zeugnisse zeigen, wie Behrens 1970 vermutet, in ihrer Ausführung als ringförmige Anhänger mit zungen- oder ankerförmigen Stiel vermutlich südöstliche Vorbilder haben und wahrscheinlich eine Nachahmungen von Metallschmuck der Bodrogkeresztur-Kultur sind.

 

Siedlungen sind nur wenige bekannt. Es zeigt sich, dass sie entweder auf sandigen Kuppen (Nordgruppe) oder auf Löß und Geschiebemergel (Ammensleben) siedelten. Regelhaft ist die Anlage an Hängen und in der Nähe von Gewässern. Die Häuser sind in Pfostenbauweise in verschiedenen Größen errichtet worden. In der Form handelt es sich allerdings generell um Langhäuser mit separierten Feuerstellen. Die Wirtschaftsweise fußte auf der Rinderwirtschaft. Circa die Hälfte der Haustiere bestand aus Rindern, ein Drittel aus Schafen/Ziegen. Vom Fundplatz Polkern ist bekannt, dass ganze 10 % der bekannten Tierknochenfunde auf Hunde abfielen. Wildtiere spielen so gut wie keine Rolle.

 

Kontakte zu anderen Kulturen sind durch Kontaktfunde belegt. Unter anderem sind Schönfelder Schalen aus schnurkeramischen und einzelgrabzeitlichen Gräbern bekannt. Die Verbreitung reicht dabei vom Böhmischen Raum im Südwesten bis in den Hamburger Raum im Norden (H. Tiede).

Glockenbecherkultur

Ab ca. 2.500 v. Chr. wird die sogenannte Glockenbecherkultur in Europa fassbar. Die Bezeichnung geht auf den Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958), der 1900 erstmals von „Glockenbechern“ sprach. Die keramischen Gefäße zeichnen sich durch einen flachen Standboden, ein S-förmiges Profil und eine flächendeckende Verzierung aus. Diese sehen allerdings nur wie Glocken aus, wenn man sie auf den Kopf stellt. Zu den weiteren Leitformen dieser Kultur gehören gestielte Pfeilspitzen, Kupferdolche, Ohrringe, vierbeinige Gefäße (Füßchenschalen) und rechteckige Armschutzplatten und natürlich letztlich durch die eponymen Gefäße, die so genannte Glockenbecher. Die Armschutzplatten wurden für Bogenschützen hergestellt und unterhalb des Handgelenkes angebracht, um unangenehmen Verletzungen beim Bogenschießen vorzubeugen. Wie auch in der schnurkeramischen Kultur lässt sich für die Glockenbecher-Kultur eine bipolare geschlechtsdifferenzierte Bestattungsweise nachweisen: Männer werden als linke Hocker mit Süd-Nord-Orientierung und Frauen als rechte Hocker mit Nord-Süd-Orientierung bestattet. Die Bestattungen erfolgten überwiegend in Flachgräbern und nicht in Hügelgräbern.

Materielle Hinterlassenschaften der Glockenbecherkultur sind sowohl in West-, Süd-, Mittel- und Osteuropa zu finden. Allerdings ist die chronologische Gliederung der Glockenbecherkultur nicht überall gleich. Es gibt vielmehr zahlreiche regionale Chronologien, anhand derer die Entwicklung dieser Kultur beschrieben werden kann.   

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Budziszewski/Włodarczak Die schnurkeramischen Beile aus kleinpolnischen Gräbern. In: H.-J. Beier et al., Varia neolithica VII. Dechsel, Axt, Beil & Co – Werkzeug, Waffe, Kultgegenstand? Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 63 (Langenweissbach 2011) 55-64.
Schnurbein Atlas der Vorgeschichte 60.
Fansa Wohin die Toten gehen 13-36.
Fischer Die Gräber der Steinzeit im Saalegebiet (Berlin 1956) -
Fischer Mitteldeutschland und die Schnurkeramik. Jahresschrift zur Mitteldeutschen Vorgeschichte 41/42, 1958 254-298.
Fischer Die Keramik der Mansfelder Gruppe. Jahresschrift zur Mitteldeutschen Vorgeschichte 43, 1959 136-189.
Fischer Strichbündelamphoren in der Saaleschnurkeramik. In: H. Behrens/F.Schlette (Hrsg.), Die neolithischen Becherkulturen im Gebiet der DDR und ihre europäischen Beziehungen (Berlin 1969) 39-69.
Furholt Die absolutchronologische Datierung der Schnurkeramik in Mitteleuropa und Südskandinavien. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 101 (Bonn 2003) -
Hein Untersuchungen zur Kultur der Schnurkeramik in Mitteldeutschland (Bonn 1987) -
Hummel Das schnurkeramische Gräberfeld von Schafstädt, Ldkr. Merseburg-Querfurt: ein Beitrag zur sozialen Interpretation der Bestattungsweise. Jahresschrift zur Mitteldeutschen Vorgeschichte 83, 2000 25-51.
Müller Zur absoluten Chronologie der mitteldeutschen Schnurkeramik. Erste Ergebnisse eines Datierungsprojektes. Archäologisches Nachrichtenblatt 4, 1999 77-88.
Trachsel Ur- und Frühgeschichte 55-65.
Badisches Landesmuseum Ur- und Frühgeschichte: Führer durch die archäologische Abteilung 28-60
Müller-Karpe Grundzüge früher Menschheitsgeschichte, 5 Bde. , Band I 305
Wunn Götter, Mütter, Ahnenkult 263-266
Schoknecht Typentafeln zur Ur- und Frühgeschichte N9
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