Spätneolithikum: 3.300 bis 2.800 v. Chr.

Horgen-Cham-Wartberg

Wenn man sich die dunkle tonnenartige und weniger ansehnlich gebrannte Keramik der Horgener Kultur ansieht, könnte man denken, dass das Spätneolithikum bloß ein weiterer Zeitabschnitt ohne Besonderheiten  war. Damit würde man aber falsch liegen. Die Horgener Kultur stellt hinsichtlich ihrer keramischen Erzeugnisse vielleicht keinen Höhepunkt dar, aber da ist noch etwas Anderes, das die Träger dieser Kultur sehr bedeutend und interessant macht. Bei Seekirch-Stockwiesen entdeckte man Überreste von hölzernen Rädern. Die Räder besaßen viereckige Naben. Daraus lässt sich schließen, dass die Radachse während der Fahrt rotierte. Diese Funde tragen dazu bei, die Frage nach dem ersten Auftreten des Rades in Mitteleuropa zu beantworten. Dank der guten Erhaltung der Räder können deren Herstellungsweise erforscht werden. Über einen längeren Zeitraum wird beispielsweise erkennbar, wie die Räder optimiert wurden. Funde von Kämmen, Tierzahnanhängern und Mamorflügelperlen weisen auf einen Personenkreis in der Horgener Kultur hin, der auf sein Äußeres Wert legte. 

 

Im Gegensatz zu den Kulturen von Cham und Wartberg gibt es bei der Horgener Kultur keine Erd- oder Grabenwerke. Die Menschen der Wartberg-Gruppe zeichneten sich dadurch aus, dass sie einen Hang dazu hatten, auf einem höher gelegenen Terrain zu siedeln. Daher ist diese Kultur in erster Linie in Höhensiedlungen beheimatet gewesen. Unter anderem konnten den Anhängern dieser Kultur Trommeln nachgewiesen werden. Nebst diesen musikalischen Eigenheiten wurden Tote in Hügelgräbern beigesetzt und erhielten teilweise Kupferbeigaben. 

 

In der Chamer Kultur begnügte man sich dagegen mit weniger spektakulären Dingen wie etwa monochromer Keramik, die sich durch ihre plastischen Kanneluren von anderen Gruppen abgrenzte.

Kugelamphorenkultur

Kugelamphore
Schematische Zeichnung einer Kugelamphore, © Ahlrichs 2012.

Nach Prof. Ina Wunn errichteten die Träger der Kugelamphorenkultur ihre Siedlungen stets in Gewässernähe auf sandigen Anhöhen oder Dünen. Höhensiedlungen gibt keine, die dieser Kultur zuzuordnen sind. Es wurden bisher keinen Siedlungen gefunden, die über 200 Meter über NN liegen.

 

Hausrinder und Schweine hatten eine zentrale Rolle innerhalb dieses Kulturkreises. Sie sind  in den Grabinventaren sehr häufig gefunden worden. Als Grabbeigaben für die Nachwelt wurden sie zerstückelt oder teils in einem Stück mit den Verschiedenen bestattet! Es sind aber auch Rinderbestattungen ohne Menschen nachgewiesen. Wie bisherige Grabungen zeigen konnten, hatten überwiegend Männer den Luxus, mit mehreren Rindern bestattet zu werden. Daraus ist zu schließen, dass diese Tiere für die Gemeinschaft eine elementare Funktion besessen haben müssen und zudem ein Ausdruck von Prestige und Luxus waren. Es jedoch wurde nicht jeder männliche Tote mit einem kompletten Rind für das Jenseits ausgestattet, dafür andere wiederum gleich mit mehreren.

 

Es ist davon auszugehen, dass diese Personen zu einem elitären Kreis gehörten, der es sich leisten konnte, die kostbaren Tiere als Grabbeigaben zu verwenden und anlässlich einer Beerdigung zu töten. Ina Wunn geht davon, dass diese wertvollen Geschenke an die Verstorbenen eine Art Bitte gewesen sind. Der Geist des mächtigen verstorbenen Ahnen würde sich durch die Annahme der Geschenke dazu verpflichten, eine Art „Gegengeschenk“ seinen Gönnern entgegenzubringen. Der Wert dieses Gegengeschenkes müsste dabei mindestens genau so hoch sein wie der seiner Grabbeigaben. Die Aufgabe des Verstorbenen könnte darin bestanden haben, für das weitere Gedeihen des Viehs zu sorgen und damit den Wohlstand seiner verbliebenen Familie zu vermehren.

 

Die typischen Gräber der Kugelamphorenkultur sind in Ost-West-Ausrichtung angelegt worden: es sind auch Gräber mit anderen Ausrichtungen gefunden worden. Die Verstorbenen wurden mit unterschiedlichsten Beigaben ausgestattet. Dazu gehören Feuersteinbeile, Steinmesser, Schuhleistenkeile, Köcher mit Pfeilen und Streitäxte.  

 

Die Form der Gräber ist sehr variierend: von Einzelgräbern mit/ohne Steinschutz, über Plattengräber, Mauergräber und Steinpackungen, Gräber unter Steinblöcken bis hin zu einfachen Erdgräbern.

 

Man geht davon aus, dass die Träger dieser Kultur durch den Austausch von Bernstein und Produkten des Feuersteinbergbaus zu Wohlstand gelangten. In zahlreichen Fundstellen in Polen wurden Gräber (vermutlich) hochgestellter Männer gefunden, die sich durch Bernsteinbeigaben von den übrigen Bestattungen abgrenzen. Es handelt sich hierbei um goldgelbe Bernsteinscheiben mit Stern- oder Kreuzmustern. Diese Männer sollen ebenso einflussreich gewesen sein wie diejenigen, die mit Rindern beigesetzt wurden und aufwändigen Grabarchitekturen wie Steinkisten bevorzugt wurden. Mit diesem Wissen über die unterschiedlichen Grabinventare kann man zu der Überzeugung gelangen, dass diese Gesellschaft stratifiziert war. 

Havelländische Kultur

Bei der Havelländischen Kultur handelt es sich um einen kleinen Kulturkreis, der der Kugelamphorenkultur in einigen Punkten ähnlich war. Die Gruppe hatte ihr Hauptverbreitungsgebiet im brandenburgischen Havelland und in der Uckermark. Sie zeichnet sich durch Flachgräberfelder und zudem durch die Opferung von Rindern aus. Dadurch wird eine Beziehung zu der Kugelamphorenkultur hergestellt, die darauf hinweist, dass die Vorstellungen über den Tod und gesellschaftliche Strukturen sowie die Stellung des Rindes ähnlich gewesen sein müssen.

 

Besonders ist hier allerdings, dass die Verstorbenen zum Teil auch verbrannt wurden und in so genannten Brandgräbern beigesetzt wurden. Das Verbrennen von Toten ist eigentlich ein Charakteristikum der späten Bronzezeit (Urnenfelderzeit) und stellt somit im Spätneolithikum eine Besonderheit dar. Auch Totenhütten sind der Havelländischen Kultur zuzuschreiben. In einer Totenhütte wurden über einen längeren Zeitraum Verstorbene nacheinander beigesetzt, es handelt sich demnach um ein Kollektivgrab.

 

Neben den Rinderopfern gab es in der Havelländischen Kultur sogar Einzel- und Doppelbestattungen von Rindern, die zu allem Überfluss zusätzlich mit wertvollen Bernsteinperlen geschmückt wurden. Mit diesem Bernsteinschmuck ist eine weitere Beziehung zu der Kugelamphorenkultur herstellbar und ein weiterer Beweis dafür gegeben, dass man diesen Tieren große Ehrerbietung entgegen brachte.

 

Nach Ina Wunn sind die meisten Gräber in Nordost-Südwest-Richtung angelegt. Zu den Beigaben zählten hier weniger ganze Tiere, sondern mehr alltägliche Dinge wie Tassen, Amphoren und Schüsseln. Bislang konnte übrigens noch keine Siedlung der Havelländischen Kultur gefunden werden!

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Schnurbein Atlas der Vorgeschichte 60
Fansa Wohin die Toten gehen 13-36
Trachsel Ur- und Frühgeschichte 55-65
Badisches Landesmuseum Ur- und Frühgeschichte: Führer durch die archäologische Abteilung 28-60
Müller-Karpe Grundzüge früher Menschheitsgeschichte, 5 Bde. , Band I 305
Wunn Götter, Mütter, Ahnenkult 263-266
Schoknecht Typentafeln zur Ur- und Frühgeschichte N9
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