Der Mensch: (K)eine Schöpfung Gottes

Georges Cuvier
Georges Cuvier. Quelle: Wikimedia.commons

Boucher de Perthes

Boucher de Perthes
Boucher de Perthes. Quelle: Wikimedia.commons
Biface Acheuléen
Ein Faustkeil aus dem Acheuléen. Er stammt aus dem Besitz von Boucher de Perthes. Später gelangte er in die Sammlung von Édouard Armand Lartet. Foto: Didier Descouens, Muséum de Toulouse, MHNT.PRE.2010.0.99.1

Zur Entwicklung der Stratigrafie als Methode zur relativen Altersbestimmung - mehr dazu im Kapitel "Stratigrafie".

 

Der französische Zollbeamte Boucher de Perthes (1788-1868) war ein leidenschaftlicher "Hobby-Archäologe". Er sammelte alle möglichen Artefakte, die er finden konnte. Dazu gehörten auch Steinartefakte aus dem Neolithikum oder der Bronzezeit. Sein Haus glich schon zu seinen Lebzeiten einem großen Museum, welches vom Erdgeschoss bis zum Dachstuhl mit allerlei Dingen gefüllt war. Er selbst machte sich auch Gedanken über das Alter und den Zweck seiner Funde. So kam es, dass er bereits 1847 in seiner Publikation von "Antiquit´es celtiques et ant´ ediluviennes" die Meinung vertrat, es würde eine ältere Steinzeit geben. Allerdings fand diese These zunächst unter den Gelehrten keinerlei Beachtung. Es gab zwar eine handvoll Befürworter in Frankreich. diese aber machten sich nicht die Mühe, die Kollegen in England von der Richtigkeit der Entdeckungen zu überzeugen. Boucher de Perthes wurde größtenteils ignoriert und teilweise sogar verspottet. Warum sollte man ihm glauben?  

 

Er fand in den großen Kiesgruben im Tal der Somme Faustkeile, welche mit diluvialen (= vorsintflutlichen) Tieren vergesellschaftet waren. Dieser Fund stand in einem Kontrast zu den zeitgenössischen Theorien. So sprach seine Erkenntnis beispielsweise gegen William Bucklands anerkannte Sintfluttheorie. Dieser Theorie zufolge hatte es im Diluvium noch keine Menschen gegeben. Der Mensch sei erst nach der Sintflut entstanden (also im "Alluvium" = nachsintflutlich). Dieser Gedanke lies sich mit der Ansicht von de Perthes nicht in Einklang bringen. 

Auch die von Georges Cuvier (1769-1832) vertretende These, nach jeder geologischen Epoche komme eine große Katastrophe, die alles Leben auslösche und zum Beginn jeder Epoche die Lebewelt komplett neu entstehe, war das genaue Gegenteil zu de Perthes Beobachtungen. Die Bibel berichtet nämlich vom Beginn bzw. der Entstehung der Menschheit seit der letzten Katastrophe, welche die Sintflut gewesen sei. Der Mensch sei daher erst nach diesem Ereignis entstanden. Boucher de Perthes bewies jedoch, dass der Mensch schon vor der Sintflut existiert hatte. Ihm allein glaubte man aber nicht. Er brauchte die Unterstützung anderer erfahrener Geologen, die seine Beobachtungen nachvollziehen konnten und denen man Vertrauen schenkte. 

Sir Joseph Prestwich

Der englische Geologe Sir Joseph Prestwich (1812-1896) interessierte sich für die Theorie des Mannes, über den man sich lustig machte. Prestwich war hinsichtlich einer „älteren Steinzeit“ dennoch vorsichtig, weil er selbst noch keinen Beweis dafür mit den eigenen Augen gesehen hatte. Er besuchte Fundplätze, wenn man ihm noch rechtzeitig vor deren „Zerstörung“ bescheid gab, um dort die Theorie von de Perthes zu prüfen. Es gab aber immer wieder stratigraphische Ungenauigkeiten, die eine andere Deutung ermöglichten. Prestwich wollte aber zu 100% sicher sein. Die Existenz einer älteren Steinzeit deutete sich an diversen Fundplätzen an, die er besuchte aber die stratigraphischen Verhältnisse waren nicht über jeden Zweifel erhaben. Schließlich stellte er eine Liste mit vier Punkten auf. Wenn diese erfüllt würden, dann sei eine ältere Steinzeit wirklich wissenschaftlichen bewiesen.

  1. Man muss Flintartefakte finden, die eindeutig von menschen hergestellt wurden.
  2. Diese müssen aus ungestörten stratigraphischen Schichten stammen.
  3. Sie müssen mit Knochen von ausgestorbenen Tieren vergesellschaftet sein.
  4. Sie müssen aus einer geologisch sehr alten Schicht stammen. D.h. aus einer Schicht, die möglichst tief unter der Erde liegt.

 

Im April 1859 reiste Prestwich nach Frankreich, um dort geologische Ablagerungen zu studieren und Boucher de Perthes zu treffen. Er wollte sich von diesem die Kiesgruben im Sommetal zeigen lassen und dort nach Anhaltspunkten für die ältere Steinzeit suchen. Eigentlich sollten noch weitere englische Geologen mitkommen, allerdings waren diese überwiegend verhindert und konnten nicht an den Begehungen teilnehmen. Schließlich kam der Archäologe John Evans (1829-1908) einen Tag nach Prestwichs Ankunft noch hinzu. Sie trafen sich mit einem französischen Archäologen namens Charles Pinsard vor Ort. Dieser kannte ebenfalls Boucher de Perthes und wollte sie während ihres Aufenthaltes begleiten. Als sie sich mit Boucher de Perthes trafen und die Kiesgruben von St. Acheul (Dép. Somme) besuchten, wurden sie die Zeugen einer der bedeutensten wissenschaftlichen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts. Da Charles Pinsard ein genaues Tagebuch über den englischen Besuch führte, wissen wir heute auf einige Stunden genau, wann dies alles passierte. 

Ein Stein zerstört das Weltbild der Kirche

Am 27. April 1859, es war ein Mittwoch, waren Evans und Prestwich bereits um 7 Uhr morgens aufgestanden, um mit Boucher de Perthes die Kiesgruben von Saint Acheul zu besuchen. Später am Tag erhielt Charles Pinsard von einem Arbeiter die Nachricht, dass man ein Flintartefakt gefunden hatte. Pinsard leitete diese Information umgehend an Prestwich und Evans weiter. Am späten Nachmittag fuhren die beiden mit dem Zug dorthin. Im Gefolge befanden sich Pinsard, der Präsident der Societe des Antiquaires de Picardie namens Dufour und der Sekretär Garnier. Diese fünf Männer wurden schließlich die Zeugen dieser Entdeckung. Neben einigen Arbeitern war auch ein Fotograf vor Ort, der den Fund dokumentieren sollte, um dessen Echtheit zu beweisen. D.h. der Fund, der die Existenz des Paläolithikums bewies und die theologischen Geschichtsvorstellungen über den Haufen warf, wurde bildlich festgehalten. Der Fund erfüllte auch alle Kriterien, die Prestwich zuvor aufgestellt hatte. Was war das für ein Tag!

 

Prestwichselbst notierte hierzu: "It was lying flat in the gravel at a depth of seventeen feet from the original surface, and six and a half from the chalk. One side slightly projected. The gravel around was undisturbed, and presented its usual perpendicular face. I carefully examined the specimen, and saw no reason to doubt that it was in its natural position, for the gravel is generally so loose, that a blow with a pick disturbs and brings it down for some way around; and the matrix is too little adhesive to admit of its being built up again as before with the same materials I found also afterwards, on taking out the flint, that it was the thinnest side which projected, the other side being less finished and much thicker" (zitiert in Lubbock 1865: 277).

 

Nachdem Evans und Prestwich nach England zurückgereist waren, zeigten sie ihren Kollegen auf Vorträgen über den Beweis einer älteren Steinzeit dieses Bild. Später ist es aber in Vergessenheit geraten. Man wusste über die Notizen von Prestwich und Evans darüber Bescheid, dass man damals ein Foto gemacht hatte aber über Kopien desselben verfügte man nicht. Es verschwand bald und wurde erst 1978 in Museum von Boucher de Perthes in Abbeville von Mme Micheline Agache-Lecat wiedergefunden. Heute befindet es sich in der Bibliothèque Municipale in Amiens.  

Die Höhle von Massat

Mit dem Fund von Saint Acheul konnten viele Kritiker davon überzeugt werden, dass der Mensch zeitgleich mit heute ausgestorbenen Tieren gelebt haben musste. Die Existenz einer älteren Steinzeit war somit bewiesen worden. Forscher wie der Zoologe Isodore Geoffrey St Hilaire (1805–1861) und Édouard Armand Lartet (1801–1871) blieben zunächst noch skeptisch. Spätestens mit der Entdeckung eines menschlichen Zahns in Vergesellschaftung mit einem Höhlenbären und einer Hyäne in der Höhle von Massat wurden sie überzeugt. Lartet publizierte 1860 die Funde aus der Höhle. Er konnte an einigen der dort gefunden Knochen sogar Schnittspuren nachweisen. Diese konnten nur von den Werkzeugen herrühren, die zeitgleich existierende Menschen hergestellt hatten.

Der Neandertaler und Charles Darwin

Neandertaler
Zeichnung der Schädelfragmente des Neandertalers aus der Kleinen Feldhofer Grotte (King 1864: 97).
William King
William King (1768-1852). > Quelle: Wikimedia.commons

1856 wurden in der Kleinen Feldhofer Grotte bei Steinbrucharbeiten mehrere Knochen entdeckt, die von den Arbeitern zunächst wenig Beachtung erhielten und weggeworfen wurden. Als sie jedoch feststellten, dass vor ihnen zwischen den zahlreichen kleineren Knochenfragmenten auch größere Knochen waren, meldeten sie ihren Fund: damit war der Neandertaler gefunden. Wenn sie dies gewusst hätten, bzw. sich der Bedeutung dieses Fundes in seinem ganzen Ausmaß bewusst gewesen wären, wären sie mit den Überresten vielleicht etwas sorgsamer umgegangen.

Der in Kürze zu Rate gezogene Naturforscher Johann Carl Fuhlrott bemerkte sofort, dass dieses Skelett einem diluvialen Vormenschen zugehörig ist und wollte sich diese These von dem damals angesehensten Anthropologen Rudolf Virchow belegen lassen. Doch dieser sah die Sache etwas anders. Virchow hatte sich noch nicht der jungen Evolutionstheorie im Bezug auf die Entwicklung des Menschen angeschlossen. Die Knochen aus der kleinen Feldhofer Grotte sahen denen moderner Menschen durchaus ähnlich, allerdings waren sie nicht identisch. Virchow ging dieses Erklärungsproblem pathologisch an. Er glaubte in dem Neandertaler einen modernen Menschen erkennen zu können, der einige pathologische "Rückstände" aufwies. Deswegen nannte er ihn weniger euphorisch einen "geplagter Dulder". Rudolf Virchow war die Instanz seiner Zeit. Dass er die These Fuhlrotts bezweifelte, hatte zur Folge, dass der Fund noch lange Jahre nicht als Vormensch, sondern eher als kränklicher Zeitgenosse angesehen wurde. Damals zweifelte man Autoritäten wie Virchow nicht an.

 

Kurze Zeit nach der Entdeckung des Neandertalers veröffentlicht Charles Darwin (1809-1882) 1859 das Buch "The origin of species", in dem er die Evolutionstheorie vorstellte. 1864 erhielt der Neandertaler seinen Namen "Homo Neanderthalensis" von dem englischen Forscher William King. Dieser stand außerdem der jungen Evolutionstheorie aufgeschlossen gegenüber und sah in dem Neandertaler einen "missing link" zwischen dem Affen und dem modernen Menschen. 

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Badisches Landesmuseum Ur- und Frühgeschichte: Führer durch die archäologische Abteilung 46f.
Buckland Reliquiae Diluvinae (London 1823) -
Evans et al. Celebrating the annus mirabilis. ANTIQUITY 83 (2009) 458–501
Fuhlrott Menschliche ueberreste aus einer Felsengrotte des Düsselthals. Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preussischen Rheinlande und Westphalens 1859 131-153
Henke/Tattersall Handbook of Paleoanthropology: Handbook of Palaeoanthropology: Principles, Methods and Approaches. Primate Evolution and Human Origins. Phylogeny of Hominines: Principles, Methods and Approaches v. 1 14-20
Hoffmann Le Moustier und Combe Capelle 32-37
Menghin / Planck Menschen, Zeiten, Räume - Archäologie in Deutschland 150-155
Müller-Karpe Handbuch der Vorgeschichte Bd. I 1-7, 125
Müller-Karpe Handbuch der Vorgeschichte Bd. II/1 3, 199, 221, 403, 407, 563
Müller-Karpe Handbuch der Vorgeschichte Bd. III/1 230-233
Mortillet Classification Palethnologique -
O'Connor Finding Time for the Old Stone Age: A History of Palaeolithic Archaeology and Quaternary Geology in Britain, 1860-1960 -
Prestwich Life and letters of Sir Joseph Prestwich, formerly prof. of Geology in the Univ. of Oxford, Written and ed. by his wife (London 1899) -
Reid Moir Pre-palaeolithic man 9f.
Samuelson / Crookes The quarterly journal of science I, 1864 88-97
Schmitz Neanderthal 1856-2006 -
Trachsel Ur- und Frühgeschichte 21-24
Trigger A History of Archaeological Thought 147-156
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