Geografie und Archäologie

Für die Prähistorische Archäologie (und der Allgemeinbildung wegen) ist es besonders sinnvoll,  sämtliche Länder, deren Gebirge und Flüsse Europas zu kennen. Noch besser ist es, wenn man diese auch noch auf Karten wiedererkennen kann. Prähistorische Kulturen bzw. Verbreitungsgebiete haben häufig Grenzen, die sich in etwa an natürlichen Gegebenheiten, also Flüssen oder Gebirgen orientieren. Über dies hinaus, spielen Flüsse wie etwa die Donau in Theorien zur Verbreitung des Jungpaläolithikums, des Neolithikums eine Rolle - zum Beispiel bei dem australischen Archäologietheoretiker Vere Gorden Childe. Diffusionismus und Migration nahmen in seinen Theorien zur Herkunft von der sesshaften Lebensweise und des Ackersbaus eine zentrale Position ein. Auch beim Ursprung der Verarbeitung von Bronze griff er auf diese beiden Argumentationen zurück. Man geht davon aus, dass Wanderbewegungen nach Mitteleuropa hinein, wenn es sie gegeben haben sollte, entlang dieses Flusses stattgefunden haben. Wir haben Gorden Childe bereits einen eigenen Artikel gewidmet und seine Argumentationsstrukturen in unserem Kapitel zur Kulturgeschichtlichen Archäologie aufgegriffen. Auch wenn dieses Thema zunächst sehr trocken klingen mag: Ein Blick in die theoretischen Hintergründe der archäologischen Forschung lohnt sich immer.

GIS in der Archäologie

Der Bezug von archäologischen Kulturen zu räumlichen Gegebenheiten ist seit der Entstehung der Archäologie als Wissenschaft von besonderer Wichtigkeit für uns. Wenn wir von fossilen Menschenfunden, archäologischen Kulturen oder einzelnen Artefaktgattungen sprechen, interessieren wir uns immer für mindestens zwei Dinge: ihr Alter und ihren Fundort. Wer noch einen Schritt weitergeht, der fragt sich, warum wir überhaupt bestimmte Befunde oder Funde an den Orten finden, an denen wir sie finden. In welcher Beziehung steht der Raum zu unseren Funden? Untersuchungen von Fundplätzen und deren Verhältnis zu geographischen Gegebenheiten werden in der modernen Archäologie immer häufiger angewandt. Insbesondere Geographische Informationssysteme (GIS) werden bei raumbezogenen Fragestellungen angewandt. Mit ihrer Hilfe können neue Informationen über die Rolle des Raums in der Vergangenheit gewonnen werden, z. B. bezüglich der Raumnutzung und der Raumwahrnehmung.

Sichtfeld-Analysen

Sogenannte Sichtfeld- oder auch Viewshed-Analysen sind in den letzten Jahren in der Archäologie sehr häufig geworden. Sie bieten die Möglichkeit, die Sichtverhältnisse zweier Standpunkte zu einander zu ermitteln. Nehmen wir zum Beispiel einen Tempel, der sich abgelegen in einem Gebirge befindet und ein Dorf im nächsten Tal. Mit der Analyse könnte man beispielsweise herausfinden, ob die Dorfbewohner den Tempel sehen könnten oder wie weit man von dem Tempel aus ins Land blicken kann etc. Zur Durchführung solcher Analysen benötigen Archäologen die Längen-, Breiten- und Höhenkoordinaten ihrer Fundplätze und der Umgebung. Die Daten sollten so genau und hochauflösend sein wie nur möglich, um verlässliche Ergebnisse generieren zu können.

Weg-Analysen

Auch für die Least-cost-path-Analysen werden möglichst genaue Geländedaten benötigt. Wenn Archäologen zwei Fundplätze haben und sich fragen, wie die Menschen von dem einen zum anderen gewandert sein könnten und wie lange sie zu Fuß dafür gebraucht hätten, dann wenden sie nach Möglichkeit eine solche Analyse an. Allerdings benötigt man dafür möglichst hochauflösende Karten, die nicht nur Länge und Breite berücksichtigen, sondern auch die Höhenwerte, damit die nicht schnurstracks über die höchsten Punkte eines Gebirges gehen, sondern eben den "einfachsten" Weg. Der von GIS errechnete Weg muss allerdings nicht dem tatsächlichen Weg entsprechen, den die Menschen genommen haben. Wie bei den anderen Analyse-Tools sollte man nicht vergessen, dass auch die Least-cost-path-Analysen auf unterschiedlichen mathematischen Grundlagen basieren und deshalb auch voneinander variieren können. Man erhält demnach einen potentiellen Weg, über den es zu diskutieren gilt.

Cholera und der Ursprung von GIS

Dr. John Snow
Dr. John Snow (1813-1858). Quelle: Wikimedia.commons.
Cholera
Eine Variante der Cholera-Karte von Dr. John Snow aus dem Jahr 1854. Quelle: Wikimedia.commons.

Die Grundidee von GIS stammt bereits aus dem 19. Jahrhundert. Weil es zu dieser Zeit noch keine ausreichende Trennung zwischen Trink- und Abwasser gab, kam es häufig schweren Ausbrüchen von Cholera, bei denen binnen weniger Tage mehrere Hundert oder gar Tausend Menschen starben. Darüber hinaus herrschte in der Stadt ein schrecklicher Gestank. Obwohl immer wieder der Verdacht geäußert worden war, dass die Krankheit etwas mit der Verschmutzung des Trinkwassers durch Fäkalien zu tun haben könnte, gelang es zunächst niemanden, hierfür einen Beweis anzuführen. Die führende Ansicht war, dass Cholera durch giftige Ausdünstungen (sogenannte Miasmen) übertragen wurde.

 

Im Jahr 1854 brach erneut die Cholera aus: 14.000 Menschen starben. Der englische Arzt John Snow (1813-1858) kartierte sämtliche Krankheitsfälle auf einer Karte und verglich die Wohnanschriften der Patienten mit den Standorten der Wasserpumpen, über die man sich zu dieser Zeit das Wasser besorgte. Im Zuge dessen konnte er aufzeigen, dass das verschmutzte Wasser aus einer Pumpe in der Broad Street stammt (Stadtteil Soho). Die meisten Todesfälle wurden in der direkten Umgebung zu der Pumpe registriert. Als Snow daraufhin die Pumpe außer Kraft setzte, ging die Zahl der Todesfälle drastisch zurück. Kurz nach seinem Tod wurde 1858 in London ein Abwassersystem eingerichtet. Die Stadt wurde fortan nie wieder von derartig verheerenden Choleraausbrüchen heimgesucht.

Links

Titel Link
GIS-Programm "gvSIG" gvsig.org
GIS-Programm "Quantum GIS" qgis.org
GIS-Programm "GRASS GIS" grass.osgeo.org
Perry-Castañeda Library Map Collection Perry-Castañeda Library
Free GIS Datenbank FreeGIS.org
Freie GIS Datensets freegisdata.rtwilson.com
ArcGIS Tutorial, Harvard University hcl.harvard.edu
ArcGIS Tutorial, Leicester University Introduction to ArcGIS for Archaeologists
ArcGIS Tutorials digital-geography.com
GRASS GIS Tutorials Grass Gis Tutorials auf tumblr
Raster- und Vektordaten für GIS naturalearthdata.com
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