Altsteinzeit von A bis Z

Autor: Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried Rosendahl (Hrsg.) 

Kategorie: Lexika 

Verlag: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 

Schwierigkeitsgrad: Studienbeginner und Fortgeschrittene

erster Eindruck

Umfangreiches Lexikon zur Archäologie des Paläolithikums.

 

Beschreibung

Bei der Erforschung der Evolution des Menschen sowie altsteinzeitlicher Kulturen und Lebensweisen arbeiten ArchäologInnen regelmäßig in internationalen und interdisziplinären Arbeitsgruppen mit NaturwissenschaftlerInnen zusammen. Infolge dieser Kooperationen werden in Publikationen Fachtermini benutzt, deren Bedeutung sich nicht ohne Hilfe erschließen lässt. In dem Nachschlagewerk „Altsteinzeit von A bis Z“ haben Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl und Wilfried Rosendahl viele dieser Begriffe aus der urgeschichtlichen Archäologie und den Naturwissenschaften sowie der Kulturanthropologie zusammengetragen. Das Lexikon möchte damit Studierenden und Fachleuten die Möglichkeit bieten, zuverlässige Erklärungen für Bezeichnungen zu finden. Das 2011 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) veröffentlichte Stichwörterverzeichnis soll überdies eine vertrauenswürdige Alternative zu Enzyklopädien und Lexika aus dem Internet sein.

 

Der Umfang der Beiträge variiert zwischen einem bzw. wenigen Worten (Bsp.  Abrasion, In-Situ-Fund, Stratigraphie) bis zu mehr als zwei Seiten (Bsp. Altpaläolithikum, Mesolithikum, Wanderung). Das Stichwortverzeichnis konzentriert sich nicht allein auf Europa. Zu finden sind außerdem Artefakttypen, Fundplätze, archäologische Kulturen sowie Technokomplexe aus Amerika, Afrika und Westasien. Auch wenn es keinen Eintrag zu „Datierung“ gibt, sind grundlegende Datierungsmethoden wie die Radiokarbondatierung, Elektronen-Spin-Resonanz-Datierung (ESR), Optisch-Stimulierte-Lumineszenz (OSL), Thermolumineszenzdatierung oder die Sauerstoffisotopenanalyse im Lexikon vorhanden. Die Verfahren werden unterschiedlich detailliert beschrieben. Während die AutorInnen bei den erstgenannten Datierungsmethoden eine Erläuterung des Begriffes und des grundsätzlichen Verfahren bieten, wird bei der OSL-Datierung lediglich die Abkürzung aufgelöst, ohne dabei auf das Verfahren an sich und dessen Anwendungsmöglichkeiten einzugehen.

 

Ähnlich verhält es sich bei der Beschreibung von Vor- und Urmenschen. Hier wäre es sinnvoll gewesen, bei jedem genannten Vertreter des Australopithecus’ bzw. der Gattung Homo das Jahr und den/die AutorIn der Erstbeschreibung, den zugehörigen Fundplatz sowie grundlegende morphologische Charakteristika (Körperhöhe, Gehirnvolumen etc.) und ggf. synonyme Bezeichnungen zu nennen, d.h. auf einer einheitlich ausgearbeiteten Grundlage einen Überblick zu bieten. Zudem verzichten die AutorInnen auf die grafische Darstellung eines menschlichen Stammbaumes.

Dem Eintrag zum Homo steinheimensis kann nicht entnommen werden, dass dieser Fund heute dem Homo heidelbergensis zugeordnet wird. Dass der Homo cepranensis dem Homo erectus sensu lato zugeschrieben wird, kann nur über das Stichwort Ceprano in Erfahrung gebracht werden. Positiv zu sehen ist, dass veraltete  Bezeichnungen wie Pithecanthropus, Archanthropus oder Sinanthropus pekinensis angeführt und als solche identifiziert werden. Insgesamt werden aber nicht alle synonymen Bezeichnungen aufgeführt, z.B. fehlen u.a.  Homo helmei, Homo calpicus und Homo capensis. Dem „Piltdown-Menschen“ hätte ein Beitrag gewidmet werden können (Weiner et al. 1953 & 1955). Im Verzeichnis gibt es allgemein keinen Eintrag zu Fälschungen.

 

Die Stichwörter zur Chronologie der Altsteinzeit sind sehr umfangreich. Fast jedem denkbaren chronologischen Begriff ist ein Eintrag gewidmet, sei es eine Epoche (Paläo-, Meso- oder Neolithikum), eine Periode (Alt-, Mittel- oder Jungpaläolithikum) oder eine Stufe (Acheuléen, Moustérien, Aurignacien, etc.). Die meisten Einträge und Abbildungen widmen sich der Beschreibung von paläolithischen Artefakten. Auch zu diversen Fundplätzen sind Einträge zu finden (u.a. Bilzingsleben, Howiesons Poort, Olduvai). Weil das Manuskript bereits im Frühjahr 2010 eingereicht wurde, ist es verständlich, dass die Bestattung von Combe Capelle fälschlicherweise in das Jungpaläolithikum und nicht in das Mesolithikum datiert wird (Hoffmann et al. 2011).

Das Dreiperiodensystem und Christian Jürgensen Thomsen wird man vergeblich suchen. Das ist erstaunlich, zumal Thomsen an der Entstehung der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie maßgeblich beteiligt war (Hansen 2001). Es ist auffällig, dass bei der Beschreibung von unterschiedlichen Epochen und Perioden wie auch bei den Vor- und Urmenschen nur vereinzelt Angaben zur Forschungsgeschichte gemacht werden. Während Sir John Lubbock beim Eintrag zum Paläolithikum unerwähnt bleibt, fällt beim Stichwort Mittelpaläolithikum der Name Gabriel de Mortillet.

Auch wenn es der Titel des Lexikons nicht verrät, sind im Verzeichnis jüngere Zeitabschnitte wie das Mesolithikum und Neolithikum durch mehrere Einträge vorhanden (u.a. Ackerbau, Bandkeramik, Çatalhöyük). Den durch einen Verzicht auf neolithische Stichwörter frei gewordenen Platz hätten die AutorInnen dazu nutzen können, um forschungsgeschichtliche sowie theoretische Aspekte bzw. Beiträge wie Stratigraphie zu vertiefen oder auf den vermeintlichen Höhlenbärenkult einzugehen.

 

Neben rein archäologischen Begriffen findet man auch Stichwörter aus der Archäozoologie. Dazu gehören neben den Einträgen zu Jagd und Ernährung die lateinischen Bezeichnungen von Tieren. Die AutorInnen haben sich hierbei auf eine engere Auswahl konzentrieren müssen. Für Studienbeginner und Laien ist dies sehr hilfreich, schließlich werden in wissenschaftlichen Publikationen überwiegend die lateinischen Namen genannt. Der Eintrag zur Ernährung gibt eine sehr grobe Übersicht zu ur- und frühgeschichtlichen Ernährungsgewohnheiten zu verschiedenen Zeitpunkten. Hier wäre es besser gewesen, zu zeigen, in welcher Weise Funde und Befunde Rückschlüsse auf die Ernährung zulassen.

Schlagwörter aus der Klimaforschung und der Bodenkunde sind ebenfalls vorhanden (z.B. Cromer-Komplex, Quartär, Podsol). Hinzu kommen übergreifende Themen wie Abstraktion, Bestattung, Idee, Kannibalismus, Kult, Kultur, Kunst, Religion, Schamanismus, Schmuck oder Symbol.

 

Theoretische Aspekte der Archäologie des Paläolithikums werden indirekt angesprochen. So gibt es keine Einträge zum human revolution model, multiple species model oder dem Begriff modern behavior. Gerade bei diesen Stichwörtern wäre ein Eintrag sinnvoll gewesen, weil sie  in der Forschung bis in die jüngste Zeit hinein heftig diskutiert werden (Shea et al. 2011). Die Haltung der AutorInnen zu diesen Themen lässt sich aus den Stichwörtern Jungpaläolithikum, moderner Mensch, Religion, Schmuck und Châtelperronien erschließen.

 

Die Stichwörter werden durch insgesamt 401 s/w Zeichnungen illustriert. Diese sind nicht durchgehend nummeriert, sondern durch einen Namen gekennzeichnet (z.B. Clactonian). Die Masse der Abbildungen sind Zeichnungen von Steinartefakten. Hier wurde auf eine möglichst plastische Wirkung sowie auf herstellungstechnische und materialbezogene Informationen geachtet. Im Anhang gibt es eine Erläuterung zur Darstellungsweise der Artefakte. Die Abbildungen wurden von den AutorInnen selbst gezeichnet oder aus anderen Publikationen übernommen. Letztere werden im Abbildungsnachweis aufgelistet. Neben Darstellungen von Stein- und Knochenartefakten sowie ausgewählten Befunden gibt es Zeichnungen von diversen Hominidenschädeln. Diese werden einheitlich in der Frankfurter Horizontale abgebildet. Auch Keramikzeichnungen sind vorhanden. Außerdem enthält das Lexikon einige Lebensbilder zur Illustration urgeschichtlicher Lebensweisen. Abgesehen von den Lebensbildern hat jede Abbildung einen deutlich erkennbaren Maßstab.

 

Im Anhang befindet sich eine Zeittafel zur groben Orientierung. Verbreitungskarten zu archäologischen Kulturen gibt es nicht. Damit wäre der Rahmen des Lexikons gesprengt worden. Dafür aber ein Verzeichnis mit Museen, inklusive der Angabe ihrer Webseiten. Direkte Literaturverweise gibt es bei den Stichwörtern nicht. Die weiterführende Literatur beschränkt sich im Anhang auf drei Seiten, auf denen insgesamt 92 Literaturzitate in deutscher, englischer und französischer Sprache zu finden sind. Auf der dritten Seite werden nur vier Titel genannt. Der freie Platz hätte für weitere Literaturangaben genutzt werden können, etwa für einen Verweis auf aktuelle Übersichtswerke wie den Atlas der Vorgeschichte (Schnurbein 2009), den Atlas zur Prähistorischen Archäologie Europas (Buchvaldek 2007), das Handbuch der Höhlenmalerei (Lorblanchet 2000) oder den Human fossil record (Schwartz/Tattersall 2002-2003). Hinweise auf die Einführung in die Artefaktmorphologie von Joachim Hahn, The human career von Richard Klein oder aktuelle Forschungen zum Neandertaler wären hier für Studierende und Laien ebenfalls sehr interessant gewesen (Hahn 1993; Harvati/Harrison 2009; Klein 2009).

 

Eine Auflistung von internationalen Fachzeitschriften wie Antiquity, Current Anthropology, Journal of Human Evolution, Journal of Anthropological Archaeology, Journal of Archaeological Science, Oxford Journal of Archaeology, Quartär, Radiocarbon oder dem Cambridge Archaeological Journal hätte das Literaturverzeichnis abgerundet und Studienbeginnern eine hilfreiche Orientierungsmöglichkeit zur Vertiefung geboten. Einen Hinweis auf Radiokarbondatenbanken zum Paläolithikum sowie auf OxCal gibt es nicht.

Fazit

Die Texte sind durchgehend in einer verständlichen Form geschrieben. Wenn man auf ein Fremdwort stößt, ist davon auszugehen, dass dieses ebenfalls einen Eintrag im Lexikon hat. Wenn es für einen Begriff mehrere Synonyme gibt, so sind diese auch im Verzeichnis auffindbar. Man kann somit über mehrere Wege zu einem Eintrag gelangen. Es gibt immer Hinweise auf weitere Stichwörter, die mit dem jeweiligen Thema verwandt sind. Für das bessere Verständnis von Einträgen zu Stein- und Knochenartefakten sind die Zeichnungen sehr von Vorteil.

Chronologisch und räumlich gibt es keine Beschränkung auf Europa. Diese Entscheidung ist zu begrüßen, schließlich spielte sich die Altsteinzeit nicht nur in Europa ab. Die AutorInnen bieten damit Möglichkeit, altsteinzeitliche Technokomplexe und Kulturen auf anderen Kontinenten kennenzulernen. Durch die integrierten Stichwörter aus der Kulturanthropologie bietet das Lexikon die Möglichkeit, über den archäologischen Tellerrand hinauszublicken.

 

Mit „Altsteinzeit von A bis Z“ besetzen die AutorInnen in der deutschsprachigen Literatur zum Paläolithikum eine bisher unbeachtete Nische. LiebhaberInnen der Altsteinzeit und Studierende der Ur- und Frühgeschichte werden an diesem Lexikon sicherlich ihren Gefallen finden.

Details

Umfang: 415 Seiten, 401 s/w Zeichnungen

ISBN: 978-3534230501

Preis: 79,90 €

Buch Kauflink: Altsteinzeit von A-Z

Datum der Rezension: 12.02.2012

Rezensent: Jan

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Miroslav Buchvaldek – Andreas Lippert – Lubomír Košnar Archaeological Atlas of Prehistoric Europe: Archeologicky Atlas Evropy -
Joachim Hahn Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie. ( = Archaeologica Venatoria, Bd. 10) (Archaeologica Venatoria) -
Svend Hansen Von den Anfängen der prähistorischen Archäologie: Christian Jürgensen Thomsen und das Dreiperiodensystem. Prähistorische Zeitschrift 76, 2001 10-23.
Katarina Harvati – Terri Harrison Neanderthals Revisited: New Approaches and Perspectives (Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology) -
Almut Hoffmann – Jean-Jacques Hublin – Matthias Hüls – Thomas Terberger The Homo aurignaciensis hauseri from Combe-Capelle - A Mesolithic burial. Journal of Human Evolution 61/2, 2011 211-214.
Richard G. Klein The Human Career: Human Biological and Cultural Origins -
Siegmar von Schnurbein (Hrsg.) Atlas der Vorgeschichte: Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt -
Jeffrey H. Schwartz – Ian Tattersall (eds.) The Human Fossil Record, Terminology and Craniodental Morphology of Genus I Homo/I (Europe): 1 -
Jeffrey H. Schwartz – Ian Tattersall (eds.) The Human Fossil Record, Craniodental Morphology of Genus Homo (Africa and Asia): 2 -
John J. Shea Homo sapiens Is as Homo sapiens Was. Behavioral Variability versus “Behavioral Modernity” in Paleolithic Archaeology. Current Anthropology 52/1, 2011 1-35.
Joseph Sidney Weiner – Kenneth Page Oakley – Wilfried Edward Le Gros Clark The solution of the Piltdown problem. Bulletin of the British Museum of Natural History, Geology 2/3, 1953 139–146.
Joseph Sidney Weiner – Kenneth Page Oakley – Wilfried Edward Le Gros Clark Further contributions to the solution of the Piltdown problem. Bulletin of the British Museum of Natural History, Geology 2/6, 1955 225–287.
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