Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie

Herausgeberinnen: Doreen Mölders, Sabine Wolfram

Kategorie: Handbuch/Einführung

Verlag: Waxmann

Schwierigkeitsgrad: Studienbeginner_Innen

erster Eindruck

Sehr lesenswerte handbuchartige Einführung in die Prähistorische Archäologie

Beschreibung

In der Retrospektive kann die deutschsprachige Prähistorische Archäologie als eine Wissenschaft bezeichnet werden, die sich bis zur Wiedervereinigung nur vereinzelt und zögerlich mit ihren theoretischen Grundlagen auseinandergesetzt hat. Seit den 1990er Jahren hat das Fach in dieser Hinsicht allerdings einen beachtlichen Wandel erlebt. Als dessen wichtigste Kennzeichnen sind die Öffnung der Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie nach außen und die Rezeption theoretischer Konzepte und Diskurse aus dem angelsächsischen Raum zu nennen. Zu den wegweisenden Veröffentlichungen dieses Wendepunkts gehören die „Theorien in der Archäologie“ von Reinhard Bernbeck (1997) wie auch die Tübinger Archäologischen Taschenbücher (TAT). Diese von Manfred K. H. Eggert und Ulrich Veit herausgegebene Reihe hat sich um die archäologische Theoriediskussion in Deutschland in herausragender Weise verdient gemacht. Die seit 1998 veröffentlichten Bände befassen sich explizit mit Theorien in der Archäologie und sind nicht nur an studierte Prähistoriker_Innen gerichtet, sondern auch an Studierende. Darüber hinaus werden seit der Jahrtausendwende theoretische Diskussionen zunehmend häufiger in Einführungen zur Prähistorischen Archäologie thematisiert (Eggert 2001 [2005, 2008, 2012]; Eggert/Samida 2009 [2013]).

 

Nachdem 2013 das zehnte Tübinger Archäologische Taschenbuch der jüngeren Theoriediskussionen in Deutschland gewidmet war (Eggert/Veit 2013), ist zum Ende des vergangenen Jahres der nunmehr elfte Band erschienen. In Anlehnung an den von Colin Renfrew und Paul Bahn herausgegebenen Sammelband „Archaeology – The Key Concepts“ (Renfrew/Bahn 2005) wählten die Herausgeberinnen Doreen Mölders und Sabine Wolfram den Titel „Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie“. Während die von Renfrew und Bahn versammelten Autor_Innen knapp 60 zentrale Konzepte aus der Perspektive der anglo-amerikanischen Archäologie präsentieren, sollen die Schlüsselbegriffe hierzu ein Pendant bilden und den „kontinentalen Blickwinkel“ vertreten (Vorwort der Herausgeberinnen). Wie ambitioniert dieses Vorhaben letztlich gewesen ist, verdeutlicht ein kurzer Blick in die vergleichsweise lange Entstehungsgeschichte des Buches. Schon seit dem Jahr 2007 arbeiteten die Herausgeberinnen an dessen Umsetzung, für die sie letztlich 45 Wissenschaftler_Innen gewinnen konnten (Vorwort der Herausgeberinnen). Laut Umschlag des Buches sollen es sogar 46 sein.

Letztendlich wurden aus ursprünglich 50 geplanten Schlagworten sogar 57. Im Zuge des Entstehungsprozesses sind aber auch ursprünglich geplante Schlüsselbegriffe wieder entfallen. Weil die einzelnen Artikel zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten eingereicht wurden, weisen die Herausgeberinnen ausdrücklich darauf hin, dass sich die Mehrheit der Beiträge auf dem Forschungsstand des Jahres 2011 befindet. Dies sollte bei der Lektüre entsprechend berücksichtigt werden.

 

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die knapp 60 Schlüsselbegriffe inhaltlich zumindest teilweise mit der englischen Fassung von Renfrew und Bahn überschneiden, z. B. Findet man in beiden Büchern Einträge zur relativen und absoluten Chronologie, zur feministischen und experimentellen Archäologie wie auch zur Bedeutung von Stratigraphie, kulturellen Evolution, sozialen Strukturen, Umwelt, Wirtschaft etc. Letztendlich ist es den Herausgeberinnen gelungen, mit dem elften TAT-Band eigene (kontinentale) Schwerpunkte zu setzen, welche auf die deutschsprachige Prähistorische Archäologie zugeschnitten sind.

 

Die 57 Schlüsselbegriffe decken ein weites Themenspektrum ab, welches sich grob in mehrere Gruppen gliedern lässt. Eine Charakterisierung des Faches ermöglichen die Beiträge Archäologie/n, Archäologie als Kulturwissenschaft, Bodendenkmalpflege, Konservierung und Restaurierung, kulturelle Evolution, kulturelles Gedächtnis, Kulturwandel, Urgeschichte – Vorgeschichte, Materielle Kultur, Sammlungen und Museen sowie Quellen. Den Methoden und Arbeitsweisen sind die Schlüsselbegriffe Absolute Chronologie, Analogie, Archäometrie, Ausgrabung, Klassifikation, Kulturbegriff, Quellenkritik, quantitative Methoden, relative Chronologie, Stratigraphie, Taphonomie, Typologie und Zeit in der Archäologie gewidmet. Aspekte der gesellschaftlichen Verortung von Archäologie beleuchten die Einträge Archäologie und Kunst, Archäologie und Medien, Archäologie und Öffentlichkeit sowie derjenige zu Archäologie und Politik. Ethnoarchäologie, Experimentelle Archäologie, Feministische Archäologie, Landschaftsarchäologie, Siedlungsarchäologie und Wirtschaftsarchäologie setzen sich mit besonderen Forschungsrichtungen innerhalb der Prähistorischen Archäologie auseinander. Ferner gibt es eine Artikel, die sich mit Themen wie Ernährung, Ethnos, Gräberanalyse, Geschlechterforschung, Kult, Lebensbilder, Metallurgie, Mobilität, Neolithisierung, Prestigegüter, Raumkonstruktionen, Sozialstrukturen, Umwelt und Zentralorten befassen. Die Geschichte der Prähistorischen Archäologie bzw. charakteristische Denkrichtungen aus der Forschungsgeschichte werden in den Schlüsselbegriffen Forschungsgeschichte, Historismus, Materialismus, New Archaeology, postprozessuale Archäologie, Strukturalismus, Weltsystem, Wissenschaftstheorie und postkoloniale Archäologie diskutiert.

 

Die Beiträge sind insoweit einheitlich strukturiert, als dass sie alle einen Textteil umfassen, der nicht länger als vier Seiten ist und dem einige Leseempfehlungen folgen, die Studierenden die Möglichkeit zur Vertiefung des Gelesenen bieten. Auf die einleitende kurze Erläuterung des jeweiligen Schlüsselbegriffes folgt zumeist ein forschungsgeschichtlicher Abriss, in dem anhand ausgewählter Arbeiten die wichtigsten Thesen unterschiedlicher Persönlichkeiten dargestellt werden. Abschließend werden aktuelle Forschungen zum jeweiligen Schlüsselbegriff diskutiert, wobei die Autor_Innen auf Desiderate für zukünftige Untersuchungen aufmerksam machen. So wird beispielsweise in den Artikeln zur Forschungsgeschichte und Materialismus darauf hingewiesen, dass die Entwicklungen der Prähistorischen Archäologie für das Gebiet der DDR bislang nur annäherungsweise aufgearbeitet sind, während dies für den westdeutschen Raum in größerem Umfange geschehen sei (S. 107f., 176).

Die Artikel sind allesamt in verständlicher Form geschrieben und durchgehend gegendered; der Umschlag des Buches allerdings nicht. In wenigen Ausnahmen wird allein die männliche Form verwendet (S. 197). Gelegentlich stößt man auf bissige bzw. humorvolle Anmerkungen. So merkt Martin Schmidt im Fazit zu seinem sehr lesenswerten Eintrags über Experimentelle Archäologie mitunter folgendes an: „Immerhin wissen wir nach 70 Jahren Experimenteller Archäologie, dass man auf Steinen Getreide mahlen kann“ (S. 97). Auch wenn es nicht zwingend erforderlich ist und vorausgesetzt werden kann, wäre gerade für Studienbeginner_Innen bei manchen Begrifflichkeiten eine kurze Erläuterung hilfreich gewesen, z. B. für Thanatoarchäologie (S. 117) oder Oryktozönose (S. 240).

Erfreulich ist, dass der Band mitunter Schlüsselbegriffe zu Forschungsparadigmen wie etwa der „postkolonialen Archäologie“ von Reinhard Bernbeck und Susan Pollock enthält, die erst in jüngerer Zeit ihren Weg in die deutschsprachigen Forschung gefunden haben und für zukünftige Generationen eine zentrale Rolle spielen werden. Damit ist der elfte TAT-Band keineswegs retrospektiv, sondern vielmehr richtungsweisend.

Einige der Beiträge sind mit schematischen Grafiken illustriert worden. Bedauerlicherweise sind diese mehrheitlich sehr klein geraten. Zum Teil können die enthaltenen Texte nur mühsam gelesen werden, z. B. bei den Abbildungen auf den Seiten 146 und 335. Hinsichtlich der abschließenden Leseempfehlungen wäre ein fest gesetztes Minimum von zehn oder fünfzehn Zitaten sinnvoll gewesen. Die Beiträge sind in dieser Hinsicht ausgesprochen heterogen. Die angegebenen Empfehlungen variieren zwischen 14 (S. 265f., 325) und einer einzigen Literaturangabe (S. 295). Wenn man den Anspruch hinter den Einträgen bedenkt, nämlich dass es sich um nicht weniger als Schlüsselbegriffe aus der Prähistorischen Archäologie handeln soll und dass zu deren Erläuterung Persönlichkeiten mit einer vorzüglichen Expertise versammelt wurden, erwartet man mehr als eine oder zwei Leseempfehlungen.

Zum Abschluss bietet der Band allerdings seinen Leser_Innen ergänzend zu diesen Empfehlungen ein sehr umfangreiches 64 seitiges Literaturverzeichnis, in dem alle übrigen zitierten Werke aufgelistet sind. Insofern sind die teils überschaubaren Leseempfehlungen nicht weiter tragisch.

 

Positiv hervorzuheben ist weiterhin die Tatsache, dass die Leser_Innen durch Querverweise auf andere Schlüsselbegriffe aufmerksam gemacht und so zum Weiterlesen angeregt werden. Auf den Seiten 157 und 198 wird auf den Schlüsselbegriff „Evolution“ hingewiesen, der als solcher allerdings gar nicht enthalten ist. Gemeint ist wahrscheinlich der Eintrag unter zur „kulturellen Evolution“ von Ulf Ickerodt. In der Regel sind die Querverweise durch einen Pfeil markiert, in einem Fall auch mit einem „®“ (S. 95). 

Fazit

Die „Schlüsselbegriffe“ bieten Studierenden nicht nur einen ausgezeichneten Einblick in zentrale Konzepte und Theorien der Prähistorischen Archäologie, sie sind Handbuch und Einführung zugleich. Die versammelten Autor_Innen decken ein weites Spektrum an Themen ab und vertreten jeweils unterschiedliche Generationen bzw. Schulen. Dadurch wird der elfte Tat-Band zu einem ebenso abwechslungsreichen wie auch inspirierenden Leseerlebnis. Aufgrund der verständlichen Form, der Infografiken und Leseempfehlungen können die Schlüsselbegriffe als eine willkommene Ergänzung zu den etablierten Einführungen in die Prähistorische Archäologie gelesen werden.

Details

Umfang: 4025 Seiten, mehrere s/w Grafiken

ISBN: 978-3-8309-8176-3

Preis: 29,90 €

Buch Kauflink: Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie:

Datum der Rezension: 08.03.2015

Rezensent: Jan

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
R. Bernbeck Theorien in der Archäologie (Uni-Taschenbücher S) -
M. K. H. Eggert Prähistorische Archäologie: Konzepte und Methoden -
M. K. H. Eggert - S. Samida Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie -
C. Renfrew - P. Bahn (eds.) Archaeology: The Key Concepts. Routledge. 2004. -
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