Ur- und frühgeschichtlicher Grabraub. Archäologische Interpretation und kulturanthropologische Erklärung

Autor: Christoph Kümmel

Kategorie: Monographien

Verlag: Waxmann

Zusatz: Tübinger Schriften zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie. Band 9

Schwierigkeitsgrad: Fortgeschrittene

Webseite: www.waxmann.com

Erster Eindruck

Harte, aber lohnenswerte Nuss - für den Gräberarchäologen ein Muss.

 

Beschreibung

Christoph Kümmels Dissertation „Ur- und frühgeschichtlicher Grabraub. Archäologische Interpretation und kulturanthropologische Erklärung“, erschienen in den Tübinger Schriften zur Ur- und frühgeschichtlichen Archäologie, 2009 bei Waxmann, umfasst 363 Seiten in 7 Kapiteln und unzähligen Unterkapiteln.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil (Kapitel 2 – 4), stellt Kümmel die archäologische Interpretation dar, im zweiten (Kapitel 5) geht er auf den Kulturvergleich – auf die kulturanthropologische Erklärung –  ein und der dritte Teil stellt die Synthese und Schlussbewertung dar (Kapitel 6 und 7).  

Vorneweg ist zu sagen, dass es sich bei C. Kümmels Werk nicht um ein Einführungsliteratur handelt. Zwar liest sich das Buch meines Erachtens gut und flüssig und man bekommt sozusagen „nebenbei“ verschiedene Erklärungsmethodiken und -modelle erklärt, doch werden eine Menge Gräber(-felder) durch verschiedene Zeiten hinweg als Beispiele angeführt und um diese richtig einordnen zu können, sind zumindest einige Kenntnisse der Epoche vonnöten. Außerdem gibt die Untersuchung keinen gleichmäßigen Überblick über Grabsitten in der Vergangenheit, sondern konzentriert sich auf die dem Thema relevanten Bereiche. Somit eignet sie sich nicht für das Lernen für ein Klausur oder ähnliches.  

Im ersten Kapitel umreißt Kümmel die Thematik, die Problematik und seinen Lösungsansatz: Es ist sein Ziel, eine differenziertere Betrachtung der Grabmanipulationen, die bisher noch nicht gezielt als kulturelle Äußerung einer Gesellschaft untersucht wurde, darzulegen. Er verteidigt dabei den kulturanthropologischen Ansatz, der versucht Erklärungen durch Analogien und Vergleiche mit ethnographisch oder ethnohistorisch beschriebenen, „rezenten“ Völkern zu finden. Dabei legt er die Vorgehensweise des „Indizienbeweises“ seiner Studie zugrunde. Diese ist aufgrund des Umfangs eine Literaturstudie und beschränkt sich auf Grabstörungen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas, bei der Artefakte oder Menschenknochen entnommen oder zerstört wurden, und versucht  Befunde, die recht eindeutig als mehrstufige Bestattungen anzusprechen sind, von vornherein auszuklammern. Auch versucht Kümmel eine zeitliche Abgrenzung zu machen und nur Gräber zu untersuchen, die in einem Zeitraum von etwa 100 Jahren nach der Beisetzung gestört wurden.   

Den ersten Teil, die archäologische Interpretation, beginnt Kümmel  mit einem forschungsgeschichtlichen Überblick über verschiedene Interpretationsansätze zu Grabmanipulationen. Dabei fällt vor allem der Begriff „Grabraub“ ins Gewicht, dessen häufig unreflektierte und undefinierte Nutzung Kümmel kritisiert. Etwas differenziertere, aber noch immer selten explizit durch Analogieschlüsse o.ä. fundierte Interpretationsansätze umfassen ökonomisch motivierte Graböffnungen, rituelle / religiöse oder profane Gründe. Nach einem Exkurs zur schriftlichen Parallelüberlieferung (v.a. aus der Merowingerzeit und altnordischen Sagas) zieht Kümmel Bilanz, dass man der jüngeren Forschung nicht unsorgfältige Befundbeobachtung unterstellen könne, doch gäbe es bisher keine ausreichend definierten Ansprachekriterien und Fachbegriffe. Daraus ergäbe sich auch die fehlende Systematik bei der Auswertung von Manipulationsbefunden.  

Das Problem der unzureichend differenzierteren Terminologie geht Kümmel im nächsten Kapitel (Kap. 3) an. Dabei definiert er Grundbegriffe wie zB Bestattung, Grab, Grabinventar u.a., entwickelt aber auch ein neues System an Idealtypen der Grabmanipulation. Die Idealtypen basieren auf den Kriterien zeitliche Nähe, gesellschaftliche Zugehörigkeit, Motivation und Legitimation der Manipulierer. Den Idealtypen ordnet er auch Siegel zu, so dass eine „zeitnahe intraethnische ökonomisch (oder neutral) motivierte legitime Grabmanipulation“ das Siegel Ia5 erhält. Die Tabelle der Idealtypen ist zur Übersicht noch einmal auf der letzten Seite des Buches abgedruckt, was sich als äußerst hilfreich erwiesen hat.  

Im 4. Kapitel gibt Kümmel eine Übersicht über den Forschungsstand zu Grabmanipulationen vom Neolithikum bis Merowingerzeit. Dabei stellt sich heraus, dass die Quellenlage äußerst unterschiedlich ist, für einige Regionen und Zeiten ist keine sichere Einschätzung der Gräber möglich, wobei für die Merowingerzeit und die Frühbronzezeit eine Häufung von Grabmanipulationen gesichert ist.   Mit dem folgenden 5. Kapitel beginnt der zweite Teil des Buches zur kulturanthropologischen Erklärung. Hier geht er erst auf die theoretischen Grundlagen eines Kultuvergleiches ein, um dann zuerst historische Quellen zur Grabmanipulation zu analysieren. Dabei beginnt er im pharaonischen Ägypten und endet mit dem frühen Mittelalter in Europa. Danach legt er das Verfahren des Probability Samples der Human Area Relation Files vor, bei dem er 60 über die ganze Welt verteile ethnische Gruppen nach den von ihm aufgestellten Idealtypen der Grabmanipulation untersucht. Am Ende vergleicht er, welche seiner Idealtypen häufiger ethnographisch zu beobachten sind und welche gar nicht, was er für die archäologische Deutung für relevant hält.   Das 6. Kapitel, die Synthese, untersucht nun, wie man von den Idealtypen und dem archäologischen Befund ausgehend zu einer schlüssigen Deutung kommt. Dabei stellt er einen „Ablaufplan“ auf, wie ein Interpretationsansatz aufgebaut sein sollte. Diesen testet er im Anschluss an drei Fallbeispielen, dem Bestattungsplatz von Le Mont Troté (späthallstatt-frühlatènezeitlich, Frankreich), dem Gräberfeld von Munzingen (jüngere Merowingerzeit) und dem Brandgräberfeld von Vollmarshausen (Urnenfelderzeit).   

Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass seine Methode in den ersten beiden Fällen gute Ergebnisse erzielt und so die bisherigen Interpretationen teilweise stützen, als auch teilweise widerlegen kann. Allerdings stellt er auch fest, dass bei dem Gräberfeld von Vollmarshausen aufgrund der Befundlage keine fundierten Erkentnisse erzielt werden konnten.  

Somit schließt er im 7. Kapitel mit der Bewertung, dass, auch wenn die Methode nicht immer zu neuen Ergebnissen führt, sie  vor allem eine fundierte Einschätzung liefert, die sich qualitativ von anderen Überlegungen unterscheidet. Auch wenn Kümmel den Begriff „Grabraub“ so schnell nicht aus der archäologischen Debatte um Grabmanipulationen verschwinden sieht, erhofft er sich eine Reflexion des Begriffes, die zu einem exakten Sprachgebrauch führt.

 

Fazit

Zusammenfassend gilt es festzuhalten, dass Christoph Kümmels Dissertation eine weitverbreitete Problematik anspricht, nämlich die der unexakten und mit der Alltagssprache vermischten Terminologie. Sein Werk zeigt, dass dem durch ein genaue und transdisziplinäre Studien abgeholfen werden kann. Insofern denke ich, dass das Buch vor allem für fortgeschrittene Studenten, die sich für die Gräberarchäologie interessieren, eine wertvolle Lektüre bietet. Neben dem Bewusstwerden des eigenen Sprachgebrauchs lernt man verschiedene Interpretationsansätze und -verfahren kennen, über die man sich allerdings anderweitig noch informieren muss, da Kümmels Studie das nicht zum eigentlichen Ziel hat.

Details

Umfang: 364 Seiten

ISBN: 978-3-8309-2205-6

Preis: 49,90 €

Buch Kauflink: Ur- und frühgeschichtlicher Grabraub

Datum der Rezension: 04.06.2010

Rezensent: Sophie

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