Urgeschichtlicher Hausbau in Mitteleuropa

Autor: Helmut Luley

Kategorie: Monographien

Verlag: Rudolf Habelt

Zusatz: Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie Bd. 7

Schwierigkeitsgrad: Fortgeschrittene

Webseite: www.habelt.de

Erster Eindruck

Archäologisch begründete Vorgaben als Irrweg in der Forschung zum urgeschichtlichen Hausbau.

 

Beschreibung

Diese 1992 vorgelegte Dissertation über den urgeschichtlichen Hausbau in Mitteleuropa gilt als Standardwerk in der rekonstruktiven Archäologie. Das Arbeitsgebiet des Autors umfasst die Zeit vom Neolithikum über die Bronzezeit bis zur vorrömischen Eisenzeit (Abschnitt 3.1).
Mit der Abgabe dieser Arbeit hat der Autor erstmals den Stand der Wissenschaft wie er bis 1992 bekannt und publiziert wurde, in einer dreigliedrigen Zusammenfassung dargestellt. Dies ermöglichte es erstmals Befunde im urgeschichtlichen Hausbau im Zusammenhang zu beurteilen.
Aus heutiger Sicht betrachtet, sollte man in der Forschung neueren Überlegungen Raum geben. Immerhin sind Luleys Schlussfolgerungen inzwischen 20 Jahre alt.

Begründet durch den Zwang, sich bei neueren wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf eine bereits bestehende, sachbezogene Literatur zu berufen, hat sich eine Aneinanderreihung von „archäologisch begründeten Aussagen“ ergeben, die dem heutigen Wissensstand nicht mehr entsprechen (Abschnitt 3.2). So ist eine Differenzierung und Abgrenzung der einzelnen Bauperioden vorzunehmen, die den konstruktiven Wandel innerhalb der verschiedenen Kulturperioden berücksichtigt.

Durch die vom Autor vorgenommene räumliche Eingrenzung des Arbeitsgebietes auf Mitteleuropa, wird der Eindruck erweckt, dass erst ab der frühen Phase der Bandkeramik der Hausbau als technische Errungenschaft quasi aus dem Nichts heraus erfunden worden ist. Die Systemgleichheit im Aufbau der Häuser ist aber schon seit dem akeramischen Neolithikum aus dem Vorderen Orient bekannt (PPNA). Für das Paläolithikum sind temporäre Konstruktionen (Zelte) belegt. Die ältesten Konstruktionen im deutschsprachigen Raum stammen aus Bilzingsleben – sie wurden vom europäischen Homo erectus bzw. Homo heidelbergensis errichtet.

Zurück zu Luley. Bei der Konstruktion der frühesten Häuser aus Mitteleuropa bezieht er sich auf die Einteilung, wie sie Pieter Jan Remees Modderman für die Bandkeramik 1970 formuliert hat (Abschnitt 4).
Diese Einteilung bezieht sich allerdings auf die Bewertung zweidimensionaler Grundrisse im bezüglich auf deren innere Strukturen. Damit sind Änderungen gemeint, die durch die bauliche Nutzung der Bewohner vorgenommen worden sind. Diese Veränderungen sind nur im Bezug zur Gebäudegröße, den wandseitigen Aufbau und der inneren Einteilung zu betrachten, haben aber auf die grundsätzliche Konstruktionsart zunächst keinen Einfluss.
Letztere Aussage bezieht sich speziell auf die von ihm so bezeichnete „Y-Pfostenstellung“, die aus den Befunden von Häusern der frühen Phase der Bandkeramik abgeleitet werden kann. Eine Pfostenkonfiguration, die die Phantasie der Archäologen bis heute beflügelt (W.M. Christian, „Die Y-Pfostenstellung in der frühen Bandkeramik“).
Als konstruktives Merkmal ist sie nur in der Weise von Bedeutung, dass durch den frei bestimmten Einbau von Kopfpfosten zum Tragen einer Gaubenkonstruktion, in etwa der Gebäudemitte, Rechnung getragen wurde. Alleine dadurch ist wegen dem Abweichen der Pfostenstellung aus der sonst üblichen Maßstruktur der "optische Eindruck einer Y-Konfiguration" entstanden. Diese ist allerdings nicht im Zusammenhang mit der eigentlichen Grundkonstruktion zu betrachten.

Erst ab der Spätphase der Bandkeramik treten konstruktive Veränderungen auf, die durch die Einteilung – wie sie von Modderman vorgenommen wurde – nicht erfasst werden.
Daraus abgeleitet wird vom Autor eine mathematische und bautechnische Untersuchung, die nicht begründbaren Annahmen beruht (Abschnitt 9). Gerade hier zeigen sich die verhängnisvollen Auswirkungen von „archäologisch begründeten Vorgaben“, die angeblich den Aufbau der Häuser bestimmt haben sollen. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Beschreibung Luleys über die von ihm vorgestellten theoretischen und praktisch ausgeführten Hausrekonstruktionen in Abschnitt 9 (Seite 65-83).
Die eigentlichen Fragen, die im experimentellen Aufbau untersucht werden sollten, werden durch die von Luley vorgestellte Methode nicht beantwortet. Es ist nicht von Bedeutung, wie durch ausmessen von Befundspuren und bautechnisch nicht nachvollziehbaren Vorgaben, ein Haus oberhalb des Befundhorizontes ausgesehen haben " könnte", sondern es ist generell die Frage zu beantworten: "Wie aus einer nachvollziehbaren konstruktiven Maßfestlegung, beginnend beim Holzeinschlag, über den konstruktiven Aufbau, die überall wo diesbezügliche Ausgrabungen vorgenommen wurden, die systemgleichen aber nicht "maßgleichen" Befunde entstehen konnten."

Alle Häuser sind innerhalb des Neolithikums, auf eine gleiche durch Tradition zu begründenden Maßfestlegung errichtet worden. Sie sind allerdings wegen Veränderungen in der Konstruktion sowie dem äußeren Erscheinungsbild (Architektur) verschiedenen Kulturphasen zuzuordnen.

Die abweichenden Grundstrukturen der Befunde (Pfostenlöcher), sind nach konstruktiven und nicht nach maßlichen Abweichungen zu beurteilen. So geben die kulturspezifischen Charakteristika im Befund Hinweise auf die Veränderungen in der Hauskonstruktion.

Zu unterscheiden sind:

1. Die frühe bis mittlere Phase der Bandkeramik mit seiner klassischen Grundform, in der alle tragenden Pfosten parallel verlaufen.
2. Häuser der späten Bandkeramik, mit einer nur im Mittelteil ausgeführten parallelen Pfostenanordnung. Wegen der trapezförmigen bis rundlichem wegstreben der Außenwände aus der Mittelflucht entstehen bei Einhaltung einer gleichen Dachneigung, steigende und fallende Traufhöhen.
3. Der mittelneolithische Hausbau: "Hier wird komplett von einer zuvor ausgeführten Pfettendachkonstruktion abgewichen. Stattdessen baute man schon zu dieser Zeit Häuser mit einer Sparrendachkonstruktion." Bei dieser Konstruktionsart gibt es keine Mittelpfetten. Die Traufhöhen an der Außenwand werden durch den Abstand der Innenkonstruktion zu den aus der Mittelflucht abweichenden Außenwänden bestimmt. Sie entsprechen im Höhenverlauf den Außenwänden, wie sie im spät bandkeramischen Hausbau auch ausgeführt wurden. Bei beiden Dachformen gibt es im Gegensatz zur Aussage von Luley wegen steigender und fallender Traufhöhen keinen außenlastigen Wandaufbau
4. Der spätneolithische Hausbau der Trichterbecherkultur zeichnet sich durch die so genannte „Katzenbuckelbauweise“ aus. Damit ist eine rundliche Verbreiterung der Grundfläche durch Auflegen von Zangen, und aufbringen zusätzlicher Pfetten (Bindehölzer) auf dem Mittelgerüst gemeint. So kann eine Verbindung des tragenden Innengerüstes mit den weit aus der Mittelflucht wegstrebenden Wandpfosten hergestellt werden. (Abb. S. 214,54 Hiehenheim)

Bei allen zuvor genannten Bautypen ist die Einhaltung von baulichen Gesetzmäßigkeiten sowie eine nachvollziehbare Reihenfolge in der Bauabwicklung für die Beurteilung einer Konstruktion von entscheidender Bedeutung. Der Autor schreibt sinngemäß dazu: „Um Transportgewicht zu sparen, sind die notwendigen Pfosten bzw. Bauteile schon im Wald auf ihre endgültige Länge gebracht worden.“ (S. 60)
Diese Einschätzung ist richtig. Sie beschreibt aber nicht, wie die neolithischen Bauleute, der Autor spricht in diesem Zusammenhang von einer „Bauplanung“ und „Spezialisten“, die unterschiedlichsten Pfostenhöhen maßlich bestimmt haben (S.60 & 93). Außerdem haben die neolithischen Bauleute keine Pfostenlöcher vorgefunden, anhand derer sie sich maßtechnisch orientieren konnten. Es lässt sich aus den gezeigten konstruktiven Vorgaben deshalb nicht nachzuvollziehen, wie die „Bauspezialisten“ die Pfostenlängen bei steigender Einbauhöhe der Mittelpfetten sowie gleichzeitig steigender Firsthöhe, dies im Bezug auf einen vorgegebenen Dachneigungswinkel (45°) schon beim Holzeinschlag im Wald, festlegen konnten (S.60, 65)

 

Fazit

Es fällt in der forschenden Archäologie sicher schwer, sich von gewohnten „archäologisch begründeten“ Aussagen zu verabschieden. Ein Befund, und andere messtechnischen Kriterien entstehen nicht durch irgendwie benannte Maßkenntnisse im Sinne von Meter und Zentimeter, die den neolithischen Bauleuten bekannt gewesen sein mussten, sondern entstehen durch die traditionelle Art in der konstruktiven Vorgehensweise beim Aufbau der Häuser, unter Anwendung einer , in allen Dimensionen angewendete, frei bestimmten Grundmaßlänge von selbst. Es entsteht dadurch eine auf das Quadrat bezogene Konstruktivstruktur, die keinerlei Maßfestlegung im Sinne einer wie auch immer bezeichneten Maßeinheit bedarf.

Zusammenfassend ist zu bemerken, dass die von Luley aufgezeigten Schritte zum rekonstruktiven Aufbau neolithischer Häuser als Ergebnis keine Antwort darauf geben, wie sich die konstruktive Entwicklung im Aufbau der Häuser darstellt, wie sie durch Veränderungen im Befund innerhalb verschiedener Kulturepochen zu erkennen sind. Die Ausführungen von Luley zum Nachbau neolithischer Häuser, speziell seine Ausführungen zu dem von ihm vorgestellten Nachbau eines Hauses der Rössener Kultur sind in keiner Weise geeignet im Experiment diese Häuser nachzubauen.

Der Verfasser hat in mehreren Aufsätzen und im Experiment, Möglichkeiten aufgezeigt, wie unter Anwendung einer überlieferten Methodik, die Entstehung der verschiedenen Befundstrukturen im laufe des kulturellen Wandels erklärt werden können.

Details

Umfang: 298 Seiten

ISBN: 3774925453

Preis: ca. 99 Euro

Buch Kauflink: Urgeschichtlicher Hausbau in Mitteleuropa

Datum der Rezension: 13.12.2010

Rezensent: Sepp Albrecht

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