Archäologie im 21. Jahrhundert

Autor: Matthias Knaut und Roland Schwab (Hrsg.)

Kategorie: Sammelwerke

Verlag: Theiss

Schwierigkeitsgrad: Anfänger

Webseite: www.theiss.de

Erster Eindruck

Fachkundig, verständlich, Theiss.

 

Beschreibung

Im Theiss Verlag wurde kürzlich „Archäologie im 21. Jahrhundert. Innovative Methoden – bahnbrechende Ergebnisse“ veröffentlicht. Herausgegeben wurde dieses Buch von Matthias Knaut (HTW Berlin) und Roland Schwab (Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim). Die Veröffentlichung umfasst 112 Seiten sowie ca. 100 meist farbige Abbildungen auf 21 x 28 cm.

Archäologie ist mehr als Datierung und Typologisierung von Funden. Mit „Archäologie im 21. Jahrhundert“ stellen die Herausgeber einem breit gefächerten Publikum junge Methoden vor, die weit über Fragen des Alters bzw. der Formenkunde hinausgehen. Archäometrie kann man als eine Schnittstelle begreifen, an der Naturwissenschaftler mit Archäologen zusammenarbeiten. Es ist somit ein interdisziplinäres Feld, auf dem sich Forscher aus den unterschiedlichsten Wissenschaften begegnen. Die Wurzeln gehen bis in das ausgehende 18. und 19. Jahrhundert zurück.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte man mit DNA- und Isotopenanalysen große Fortschritte in der Archäometrie. Durch diese übergreifende Zusammenarbeit können archäologische Fragen mit den Techniken und Methoden anderer Disziplinen beantwortet werden. Das ist eine Kernaussage dieses Bandes, die mit zahlreichen Beispielen aus der Forschung ausreichend belegt wird.

Das Buch ist in neun Abschnitte gegliedert. Da sie nicht durchnumeriert sind, können wir nicht von Kapiteln 1 bis 9 sprechen. Jeder Abschnitt widmet sich einem bestimmten archäometrischen Verfahren. Zur Veranschaulichung wird dieses an einem konkreten Fallbeispiel erörtert. Geographisch kommen die meisten Fallbeispiele aus Europa - eines kommt aus Peru. Die dabei betrachteten Epochen reichen vom Paläolithikum bis in das Mittelalter. Die einzelnen Bereiche des Buches wurden von Wissenschaftlern verfasst, welche sich näher mit der jeweiligen Fundstelle bzw. der vorgestellten Methode beschäftigt haben. Die Informationen kommen also aus erster Hand.

Im Abschnitt „Familiengeschichten aus der Steinzeit“ von Christina Jacob, Hans-Christoph Strien und Joachim Wahl werden Methoden vorgestellt, mit denen diverse Informationen wie Körpergröße, Geschlecht, Sterbealter und Verwandtschaftsverhältnisse über Menschen gewonnen werden können. Dazu gehören metrische und morphologische Untersuchungen sowie DNA-Analysen. Als Fallbeispiel wird der außergewöhnliche bandkeramische Befund aus dem schwäbischen Talheim herangezogen. Die Ergebnisse werden wir hier natürlich nicht vorstellen: sie sind allerdings hoch interessant.

Der darauf folgende Bericht beschäftigt sich ebenfalls mit Verwandtschaftsanalysen. Das prähistorische Beispiel stammt dieses Mal aus der Bronzezeit. „Die Menschen aus der Lichtensteinhöhle“ wurde von Stefan Flindt verfasst. Auch hierbei handelt es sich um einen wahrlich singulären Befund, der 1980 in Osterode am Harz (Niedersachsen) gemacht wurde. In Höhle wurden 70 menschliche Skelette gefunden, an denen DNA-Analysen erstaunliche Ergebnisse zutage brachten. Der Text zu diesem Befund ist nahezu vollständig als Leseprobe im Internet auffindbar unter: epoc.de/artikel/1039641 .

Der daran anschließende Bericht von Petra Held, Stephan Maus, Carmen Löw, Olaf Kürbis, Mathias Schreckenberger und Kurt W. Alt befasst sich mit „Schwangerschaft im archäologischen Befund“. An den mittelalterlichen Friedhöfen von Völklingen und Hettstedt wird beispielhaft vorgeführt, wie Östrogen in der Knochenmatrix nachgewiesen werden kann. Dadurch ist eine Aussage darüber möglich, ob eine Frau während bzw. sehr kurz nach dem Ende ihrer Schwangerschaft gestorben ist. Diese Methode kann sehr hilfreich sein, zumal sich die kleinen Knochen von Föten schlecht erhalten. Durch eine Nachfrage beim Ausgräber (Dr. O. Rück) des Friedhofs von Hettstedt hat sich ergeben, dass die Zuordnung der Befunde 41 und 3 auf der Abbildung von Seite 36 nicht korrekt ist.

In „Ins Gesicht geblickt“ von Karin Franz, Hilja Hoevenberg und Regina Smolnik werden Gesichter aus drei unterschiedlichen Epochen rekonstruiert. Im Vordergrund steht dabei die Methode als solche mit ihren Vorteilen und Problemen in der Weichteilrekonstruktion. Dieses Verfahren aus der Forensik macht sich die Archäologie zu nutzen, um beispielsweise Museumsbesuchern ein lebendiges Bild vom Menschen aus der Vergangenheit zu vermitteln. Als Beispiel dienen ein männlicher Schädel von Milow aus der neolithischen Bernburger Gruppe, ein weiblicher Turmschädel aus der Römischen Kaiserzeit aus Ketzin und ein mittelalterlicher Männerschädel aus Diepensee. Die Originale sind in der Dauerausstellung des Brandenburgischen Archäologischen Landesmuseums zu sehen. Leider ist dort das Mitführen von Kameras in der Ausstellung nicht erlaubt. Forschungsgeschichtliche Hintergründe zur Anwendung dieser Methode werden ebenfalls gegeben.

Johanna Klügl stellt in „Unikat oder bisher nur nicht erkannt?“ einen besonderen Einzelfund aus der Latènezeit vor. Im Kontext der Untersuchung eines Gefäßes aus einem keltischen Grab in Bern, welches innerhalb eines ehemaligen Oppidums gefunden wurde, stellt sie Verfahren wie die FTIR-Untersuchung, die Röntgenfluoreszenzanalyse, die Aminosäurenanalyse, die Anfärbung mit Amidoschwarz, die rasterelektronenmikroskopische (REM) Untersuchung und die energiedispersive Röntgenspektroskopie (EDX) vor. Dies ist - nach meiner Meinung - der interessanteste Beitrag in diesem Buch.

Textilfasern und deren Informationsgehalt sowie deren Untersuchungsmöglichkeiten stehen im Beitrag „Reiterhelme mit feinstem Pferdehaar“ von Sylvia Mitschke und Roland Schwab im Zentrum. Für die Untersuchung eines römischen Reiterhelmes aus Nimwegen wurde unter anderem auch auf das Rasterelektronenmikroskop zurückgegriffen. Zum besseren Verständnis werden Grundvoraussetzungen zur Anwendung dieser Methode erklärt. Schließlich wird das Projekt DressID vorgestellt. Dabei handelt es sich um einen Katalog, in den sämtliche römerzeitlich verwendete Fasern aufgenommen werden sollen.

Sandra Schlosser widmet sich in „Fingerabdrücke in Gold“ der frühen Goldmetallurgie in Peru. Hier stellt sie am Beispiel der Kulturen Paracas und Nasca die „Spurenelementanalytik mit Laserablations-Massenspektronomie“ vor. Mit diesem Verfahren lassen sich Aussagen über die Zusammensetzung und Herkunft des erwähnten Goldes treffen. 

Mit einem weiteren herausragenden Fund aus Niedersachsen haben sich Elke Behrens, Christa S. Fuchs und Monika Lehmann in ihrem Artikel „Auf lange Sicht“ beschäftigt. Am Beispiel der paläolithischen Schöninger Speere stellen die Autoren visuelles Monitoring vor. Zentral sind hier Fragen der Fotodokumentation sowie der aufwendigen Konservierung von „Nassholzfunden“. Die Anwendungsmöglichkeiten von 3D-Computertomografie in der Archäologie werden ebenfalls am Beispiel der Schöninger Speere vorgestellt.

Der letzte Beitrag widmet sich sehr ausführlich der 3D-Computertomografie in der Archäologie. In „Mehr Durchblick in kürzester Zeit“ von Nicole Ebinger-Rist, Christina Peek und Jörg Stelzner werden Voraussetzungen und Verwendungsmöglichkeiten von Computertomografie präsentiert. Hier werden Fundstücke von mehren unterschiedlichen Fundplätzen beispielhaft herangezogen.

 

Fazit

Auf den ersten Blick wirkt das gerade mal 112 Seiten umfassende Buch für 24,90 € nicht billig aber dafür liegt es gebunden vor. Was jedoch mehr schmerzt, ist das „bahnbrechend“ im Untertitel. Man hätte hier eine Wortwahl treffen können. Schade ist außerdem, dass die einzelnen Beiträge nicht als durchnummerierte Kapitel wiedergegeben werden und auch die Abbildungen nicht mit fortlaufenden Nummern gekennzeichnet sind. Dadurch wird das Zitieren von Bildern aus diesem Buch erschwert. Wer nach den Urhebern der Bilder sucht, wird erst auf Seite 94 in einer Auflistung fündig. Man hätte die Namen auch direkt bei den Abbildungen angeben können. 

Diese Kleinigkeiten sollen aber nicht von der Qualität dieses Buches ablenken! Inhaltlich ist es nämlich sehr gut. Der frappante Vorteil dieses Buches liegt darin, dass die Methoden und Fundstücke von erfahrenen Wissenschaftlern präsentiert und erklärt werden. Dies geschieht auf eine zwanglose Art und Weise, die bei keinem Leser zu Kopfzerbrechen führen wird. Die komplexen Verfahren der Archäometrie sind gelungen aufgearbeitet. Der Text ist nachvollziehbar und wird durch die Abbildungen sowie kleine Erklärungskästchen wunderbar ergänzt. Auch für Studenten wird dieser Band interessant sein, weil er mit ausgewählten Fallbeispielen arbeitet und eine Literaturliste zur Vertiefung  im Anhang bereit hält. Zum leichten Einstieg in die Archäometrie ist dies ein wirklich empfehlenswertes Buch. Es vermittelt die Grundlagen,  Anwendungsmöglichkeiten und Probleme einzelner naturwissenschaftlicher Anwendungen in der Archäologie auf eine beachtlich lockere aber kompetente Art. 

Man wird den Kauf dieses spannenden Bandes nicht bereuen.

Details

Umfang: 112 Seiten mit ca. 100 meist farbigen Abbildungen

ISBN: 978-3-8062-2188-6

Preis: 24,90 €

Buch Kauflink: Archäologie im 21. Jahrhundert

Datum der Rezension: 31.08.2010

Rezensent: Jan

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