II. Kartierung und Kommentar

Im Rahmen dieser Arbeit konnte keine Simulation der Neolithisierung erfolgen, wie sie etwa von Ammermann/Cavalli-Sforza 1984, Pinhasi 2005, Davison u. a. 2009, Lemmen u. a. 2011, Lemmen/Wirtz 2012, Bocquet-Appel u. a. 2012 und vielen anderen Autoren auf Basis klimatischer, geographischer, genetischer oder chronologischer Daten unter Verwendung unterschiedlicher mathematischer Modelle durchgeführt wurden. Stattdessen soll durch die Darstellung der 14C-Daten in Form einer Chronokartierung der Prozesscharakter der Neolithisierung visualisiert werden. Es handelt es sich methodisch um keinen gänzlich neuen Ansatz (vgl. Gkiasta u. a. 2003, Bocquet-Appel 2009 oder Brami 2014) – nichtsdestoweniger ist das Vorgehen nach wie vor besser geeignet, beispielsweise die Rolle einer einzelnen Fundstelle zu visualisieren, als das mit den stark vereinfachten Überblickskartierungen des Gesamtprozesses Neolithische Expansion z. B. nach Lüning (2007: 182) oder Gronenborn (2009: 98) möglich wäre, deren Stärke demgegenüber in einer Verarbeitung umfassender, archäologischer Kenntnisse liegt. 

Eine zentrale Frage bei der Auswertung der 14C-Kartierung ist die vergleichende Betrachtung der räumlichen und zeitlichen Entwicklung von Kulturkomplexen in den Untersuchungsräumen, wie sie beispielsweise für das Frühneolithikum Anatoliens im 2007 erschienenen Katalog zur Ausstellung „Vor 12000 Jahren in Anatolien – Die ältesten Monumente der Menschheit“ des Badischen Landesmuseums oder – wiederum beispielsweise – für den Zeitraum 6200-5500calBC in Südosteuropa durch Raiko Krauß 2010 geleistet wurde.

Die wichtigsten frühneolithischen Fundplätze Südosteuropas im Zeitraum von etwa 6200-5500calBC. Markiert sind die angenommenen Ausbreitungsareale der entscheidenden Kulturkomplexe um 5600calBC nach Krauß 2010, 43. © RAIKO KRAUSS 2010

Projiziert man die durch den oben beschriebenen Auswahlprozess erfassten Datensätze zunächst nach ihrer räumlichen Lage auf eine Karte Südosteuropas bzw. des östlichen Mittelmehrraumes, erhält man einen Eindruck davon, welche Distanzen die archäologisch fassbaren Elemente der neolithischen Lebensweise binnen weniger Jahrtausende zurückgelegt haben. Deutlich wird auch, wie unterschiedlich die in der Datenbank enthaltenen 14C-Daten über den Raum verteilt sind, was zumindest einen Hinweis auf die Forschungssituation in den jeweiligen Ländern geben kann: Während die Dichte verfügbarer Daten im Osten Ungarns, in Bulgarien und in der Osttürkei ein Maximum erreicht, liegen aus anderen Arealen nur sehr wenige Daten vor. Bei allen folgenden Betrachtungen darf diese Verteilung der verarbeiteten Daten nicht außer Acht gelassen werden.

Kartierung der in die Arbeit eingegangenen Fundstellen. Legende: „Hauptdatensatz-Tabelle“. © CLEMENS SCHMID 2014
a – Dichtekartierung (Heatmap) der räumlich Verteilung aller aufgenommenen Fundstellen. Die Fundstellensymbole sind farbliche nach Staatenzugehörigkeit differenziert. b – Histogramm der Fundstellenverteilung nach Staatenzugehörigkeit. © CLEMENS SCHMID 2014

Die Ausbreitung der Neolithisierung ist ein Prozess exponentiell steigender Dynamik: Geht man davon aus, dass die ausgewählten Daten jeweils den Zeitpunkt der Neugründung einer neolithischen Siedlung abbilden, so nimmt die Menge an neu etablierten Siedlungen pro 200 Jahre im Betrachtungszeitfenster zwischen 11800 und 5000calBC stetig zu und erreicht im 6. Jahrtausend ein Maximum. Die stete Zunahme ist unterbrochen von einzelnen Einbrüchen, so etwa zwischen 6200 und 6400calBC, die möglicherweise besondere kulturelle Kontextentwicklungen andeuten und durch klimatische Ereignisse oder technologische bzw. soziale Innovation katalysiert wurden (s. u.). Die Bucova Pusta IV passt sich mit einem Belegungszeitraum von 5700calBC bis 5570calBC sehr gut in dieses Muster ein. Sie ist einem Zeitraum zuzuordnen in dem verhältnismäßig viele neue Siedlungsräume erschlossen werden.

Anzahl an 14C-Alter pro 200-Jahre-Fenster in der erstellten Datenauswahl. © CLEMENS SCHMID 2014
Chronologische Abfolge aller aufgenommenen 14C-Daten bzw. der jeweiligen Fundstellen. © CLEMENS SCHMID 2014

Besonders deutlich wird das in der Chronokartierung, die aus den erfassten Daten für den Untersuchungsraum angefertigt wurde. Wie die vorangegangenen Kartierungen wurde auch diese Karte mit Version 2.2 des Open-Source-GIS-Programms Q-Gis angefertigt. Darüber hinaus wurde mit dem kostenpflichtigen Softwarepaket ArcGIS von Esri ein TIN (Triangulated Irregular Network - ein unregelmäßiges Dreiecksnetz), also ein Oberflächenmodell, aus den 14C-Daten erstellt, um die chronologische Anordnung der Daten im Raum zu visualisieren. Als Höhen- oder Z-Werte werden die ältesten kalibrierten Alter eines jeden Fundplatzes genutzt, wobei die fehlenden Werte für die Zwischenräume extrapoliert werden. Das so erzeugte Modell kann zu einer Rastergraphik umgewandelt, wieder in Q-Gis eingespeist und mit Isochronlinien versehen werden. Darüber hinaus wurde eine Visualisierung der „Hangneigung“ des Chronogeländemodells hinzugefügt.

a – Chronokartierung des Hauptdatensatzes. Die Fundstellensymbole sind farblich nach dem Alter der jeweiligen 14 C-Daten markiert. Das Chronogeländemodell ist mit einem Farbschema versehen – älter als 7000calBC = braun, 5000calBC = weiß. Isochronlinien deuten die Struktur des Modells an. b – Visualisierung der „Hangneigung“ im Chronogeländemodell. Starke Gefälle (schnelle Ausbreitung) = rot, schwache Gefälle (langsame Ausbreitung) = weiß-schwarz. © CLEMENS SCHMID 2014

Eine Betrachtung dieses Modells ist losgelöst von jedem archäologischen Vorwissen freilich nicht sinnvoll, obgleich einige Aussagen allgemeiner Natur schon auf dieser Grundlage getroffen werden können:


1. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Neolithisierung nach Nordwesten ist bis zum Beginn des 7. Jahrtausends relativ gering, nimmt dann aber an Geschwindigkeit zu und legt – gemessen am vorherigen Vorankommen – große Distanzen in kurzer Zeit zurück. Legt man diese Vorstellung zugrunde, so handelt es sich bei dem sehr alten Datum von Yarimburgaz (Ostthrakien/Marmararaum) möglicherweise um einen Ausreißer, der bei der Datenvorauswahl übersehen wurde und in der Kartierung eine chronologische Trennung der Türkei von der Balkan-Halbinsel suggeriert, die nicht der tatsächlichen Entwicklung entspricht.


2. Die Daten aus dem Gebiet des heutigen Serbien fallen in Relation zu den Daten aus der Umgebung sehr jung aus.

 

3. Mehrere Areale, namentlich Südbulgarien, Mazedonien, Ostungarn und Zentralanatolien weisen eine lange neolithische Nutzung auf, wobei jeweils zwei oder mehr Neugründungsphasen unterscheidbar sind. Andere Areale wie der Ostadriaraum scheinen nur eine einzige neolithische Siedlungswelle erlebt zu haben.

Weitere Beiträge zum Thema:

TArchIT und praehistorische-archaeologie.de

TArchIT ist eine studentische Arbeitsgruppe an der Universität (Tübingen). Sie stellt eine Austauschplattform für sämtliche Technikanwendungen in der Archäologie dar.

Die Arbeitsgruppe ist ein eigenständiger Teil von praehistorische-archaeologie.de und auch im Forum anzutreffen.

Europe.xls

Dieser Beitrag ist ein Exzerpt aus meiner Bachelor-Arbeit, die ich im Sommersemester 2014 unter Betreuung von Dr. Raiko Krauß (Universität Tübingen) erstellt habe. 

Die zugrundeliegende Datenbank Europe.xls – CalPal-Format 14 C-Database von Dr. Bernhard Weninger wurde mir dankenswerterweise schon vor ihrer Online-Veröffentlichung im Mai 2014 zur Verfügung gestellt.

Download

Hauptdatensatz-Tabelle.zip

Datensatz, der als Ergebnis aus der Vorauswahl hervorgegangen ist

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
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