Jagd- und Fruchtbarkeitszauber

Sind dies Abbilder paläolithischer Schamanen?

Taylor und die Idee des Animismus

Sir Edward Burnett Tylor
Sir Edward Burnett Tylor (1832-1917). Popular Science Monthly 26 (1885).
Abbé Henri Breuil
Abbé Henri Breuil (1877-1961). Quelle: Wikimedia.commons

Edward Burnett Tylor entwickelte im 19. Jahrhundert eine evolutionistische Theorie zur Entstehung und Entwicklung von Religion. Seine Theorie hatte nicht nur einen maßgeblichen Einfluss darauf wie rezente Jäger und Sammler wahrgenommen wurden, sondern auch Menschen in der Steinzeit. Durch seine Ausführungen sah man in den jungpaläolithischen Gesellschaften schließlich keine religionslosen und von Hunger getriebenen Menschengruppen mehr wie es Gabriel de Mortillet postuliert hatte.

 

Tylor hatte erstmals geäußert, dass selbst die primitivsten Jäger und Sammler ein Minimum an Religiosität besitzen. Die erste Form des religiösen Denkens sei sehr grob gewesen. Sie habe darin bestanden, dass man in allen Lebewesen eine Seele (lat. Animus) vermutete. Diese „primitivste“ Religionsform wird deswegen als Animismus bezeichnet. Die Seele besitze die Handlungsmöglichkeit, sich vom Körper zu trennen und in eine „Überwirklichkeit“ zu reisen. Diese Trennung von Körper und Seele könne Krankheit oder Tod verursachen. Jäger und Sammler mit einer animistischen Religion seien davon ausgegangen, dass sie auf die Seelen anderer Lebewesen Einfluss nehmen können. In Tylor’schen Sinne kehrten die Menschen ihr Abhängigkeitsverhältnis zur Natur um, in dem sie durch religiöse Praktiken einen Einfluss auf sie ausübten. Dadurch war man nicht mehr den Naturgewalten ausgeliefert, man kontrollierte sie.

Ein Wandel im Kunstverständnis

Die Religionstheorien von Tylor und anderen Ethnologen änderten zunächst nichts an der Vorstellung, dass jungpaläolithische Kunst ihrer Ästhetik wegen produziert worden sei.

In den 1890er Jahren wandelte sich dieses Kunstverständnis. Das Kunstkonzept an sich wurde im Zuge der Art Nouveau bzw. des Jugendstils, auf einer theoretischen Ebene von Kunstwissenschaftlern wie John Ruskin und William Morris erweitert. Gleichzeitig trugen anthropologische sowie ethnologische Studien dazu bei, Kunst soziale Funktionen zuzugestehen. Beobachtungen bei rezenten Jägern und Sammlern sowie die durch Ausgrabungen zutage geförderten Kunstzeugnisse führten dazu, die Wahrnehmung von Ästhetik zu überdenken. Der schaffende Mensch rückte in das Zentrum der wissenschaftlichen Diskussionen. Damit war Kunst kein Selbstzweck mehr, sondern Medium zur Vermittlung von zeitgenössischen Vorstellungen. Künstler würden vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrung und auf der Grundlage zeitgenössischer Ideen ihrer Gesellschaft arbeiten. In jedem Kunstobjekt gebe es einen individuellen Anteil und einen von der Gruppe vorgegebenen Erwartungshorizont. Rein auf Ästhetik beruhende Untersuchungen seien unangemessen, weil sie die soziale Komponente des künstlerischen Schaffens nicht berücksichtigen. Neben den sozialen Aspekten sollten auch religiöse in die Deutung  einbezogen werden. Mit dieser Herangehensweise näherte man sich schließlich den jungpaläolithischen Darstellungen in der mobilen Kleinkunst und der Felsbildkunst.

Jagdmagische Rituale im Paläolithikum?

Vor diesem Hintergrund konnten unter anderem Jagd- und Fruchtbarkeitszauber als Deutungsmöglichkeiten für paläolithische Kunst in Betracht gezogen werden. Salomon Reinach und Henri Breuil bezogen ihre Ideen zur jagdmagischen Interpretation der Höhlenmalerei die Arbeiten von Tylor, Frazer und McLennan ein.

Nach Reinach und Breuil sei Kunst funktionalisiert worden, um die eigene Existenz zu sichern. Sie vermuteten, dass die Stammesgruppen um den zum Überleben notwendigen Wildbestand besorgt waren. Durch den Jagd- und Fruchtbarkeitszauber sollte die Fruchtbarkeit der Tiere gesichert werden. Beim Zeichnen eines Tieres glaubte man, dessen Seele kontrollieren und den Fortbestand seiner Art sichern zu können. Es sei nicht relevant gewesen, wo man die Abbildungen der Tiere anbrachte, weil es allein auf das Zeichnen selbst ankam. Nach der Vollendung der Darstellung hatte man keinen Einfluss mehr auf das Tier. Für die Durchführung dieses Fruchtbarkeitszaubers könnten Stammeszauberer zuständig gewesen sein, die in den Höhlen „magisch-kultische Zeremonien“ leiteten. Die Anhänger dieser Theorie gingen auch davon aus, dass die Bilderhöhlen den Schamanen allein zugänglich gewesen seien.

Grenzen der jagdmagischen Interpretation

Aufgrund der evolutionistischen Komponente steht die jagdmagische Deutung unter Kritik. Die von Reinach und Breuil entwickelte Theorie eines animistischen Jagdzaubers konnte erklären, weshalb ein Großteil der Höhlenmalereien nicht szenisch war. Als Analogie bezog man sich auf australische Ureinwohner. Zudem berücksichtigt sie erstmals den Umstand, dass die Darstellungen in Höhlen gefunden wurden. Ein Kernpunkt des Fruchtbarkeitszaubers ist der Prozess des Zeichnens bzw. Gravierens der Darstellungen. Demzufolge ging es Urhebern nicht um das Ansehen eines gezeichneten Tieres. Dafür sprechen die vielfach palimpsestartig überlagerten Darstellungen.

 

Die Jagd- und Fruchtbarkeitszauberdeutung kann allerdings nicht erklären, warum es szenische Darstellungen gibt und weshalb einige Abbildungen Tiere bei der Paarung oder Jagdszenen zeigen. Hinsichtlich der angewendeten Techniken zur Herstellung der Wandkunst stößt die Theorie ebenfalls an Grenzen. Es ist unwahrscheinlich, dass die mühsam in den Fels gearbeiteten und bemalten Flachreliefs nach ihrer Fertigstellung keine Bedeutung mehr hatten.

Ferner zeigt das Knochenmaterial aus den Höhlenfundplätzen, dass viele abgebildete Tiere allenfalls gelegentlich verzehrt wurden. Damit gerät der Gedanke ins Wanken, dass durch das Zeichnen eines Tieres dessen Fortbestand gesichert werden sollte. Abbildungen von geometrischen Mustern, Händen und Füßen sowie von Pflanzen, Insekten, Menschen und Mischwesen kann die Theorie auch nicht erklären. Darstellungen von Tieren, die sich dem Relief der Höhlenwände anpassen, beweisen eindeutig, dass es ihren Urhebern doch um das spätere Betrachten und nicht nur um den Herstellungsprozess ging. Einige Höhlenmalereien wurden bewusst an einem ausgewählten Wandstück angebracht, weil ihnen durch dessen Oberfläche eine Plastizität verliehen werden konnte.

Jagdmagie Höhlenmalerei
Schematische Grafik zur jagdmagischen Deutung von Höhlenmalerei im Jungpaläolithikum © Jan Ahlrichs 2012.

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Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Jean Clottes – David Lewis-Williams Palaeolithic art and religion. In: John R. Hinnells (Hrsg.),A Handbook of Ancient Religions 1-45.
David Lewis-Williams The Mind in the Cave: Consciousness and the Origins of Art -
Michel Lorblanchet Höhlenmalerei: Ein Handbuch 75-93
Ernest A. Parkyn An introduction to the study of prehistoric art (New York 1915)  
Eduardo Palacio-Pérez Cave art and the theory of art. Oxford journal of archaeology 29, 2010 1-14
Eduardo Palacio-Pérez Salomon Reinach and the religious interpretation of Palaeolithic art. Antiquity 84, 2010 853–863
Edward Burnett Tylor Primitive culture Bd. 1 (London 1920) -
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