Die Prähistorische Archäologie

Bandkeramische Verzierung.
Ein kupferzeitliches Wagenmodell aus der Badener Kultur. gefunden in Grab 177 auf dem Gräberfeld von Budakalász, ca. 3200 v. Chr. Zeichnung © Jan Ahlrichs 2014.

Prähistorische Archäologie ist eine von mehreren verschiedenen archäologischen Disziplinen. Sie zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie einen Zeitraum von ca. 2.600.000 Jahren abdeckt und über keine schriftlichen Quellen verfügt. Alle Informationen über die Menschen dieser Zeit gewinnen wir aus materiellen Hinterlassenschaften und Strukturen, die durch Eingriffe in den Boden erzeugt wurden. Prähistoriker arbeiten überall auf der Welt, da das Fach grundsätzlich an keinen Ort gebunden ist.

An den Universitäten findet man das Fach im Bereich der Geistes-, Geschichts- oder Kulturwissenschaften bzw. der Philosophie. Gegenwärtig kann man es in Deutschland an ca. 25 Universitäten studieren, sodass nicht mehr von einem „kleinen Fach“ die Rede sein kann. Mit ihrem umfangreichen Studienangebot und international vernetztem Instituten gehört die Bundesrepublik durchaus zu den lukrativen Studiensandorten. An den Universitäten ist unser Fach allerdings nicht einheitlich unter demselben Namen zu finden. So kann es sein, dass man in Berlin auf das Institut für Prähistorische Archäologie, in Kiel auf das Institut für Ur- und Frühgeschichte und in München auf das Institut für Vor- und Frühgeschichte trifft. 

 

Übersetzt man den Namen "Prähistorische" Archäologie, so lautet er am ehesten "vorgeschichtliche Archäologie". Eine selten gebrauchte Alternative hierzu ist "protogeschichtlich". Mit dem Begriff der Vorgeschichte ist der Zeitabschnitt vor der Einführung der Schrift und damit auch vor dem Einsetzen der Geschichtsschreibung gemeint. Der Ausdruck wird Fachintern diskutiert, weil er eine Geschichte vor der Geschichte impliziert – zumindest kann der Begriff so verstanden werden. So etwas gibt es aber nicht und deshalb wählen Archäologen die Synonyme Urgeschichtliche, Prähistorie oder Paläohistorie. Der letztere Begriff geht auf den Tübinger Professor Manfred K. H. Eggert zurück. Alternativ zur Prähistorischen Archäologie wurde von ihm die Bezeichnung Paläohistorische Archäologie vorgeschlagen.

Fragestellungen und Inhalte

Schaber
Ein Schaber, Zeichnung © Jan Ahlrichs 2011.
Mšecké Žehrovice
Spätlatènezeitliche steinerne Büste von Mšecké Žehrovice, Tschechische Republik. Sie wurde 1943 gefunden und zeigt einen keltischen Mann mit Bart und Halsring, Zeichnung © Jan Ahlrichs 2012.
Homo erectus
Der Oberschenkel eines Homo erectus mit einem Tumor, Zeichnung © Jan Ahlrichs 2011.

Allgemein befassen sich Archäologen und Archäologinnen mit diesen Fragen:

  1. Was ist erhalten geblieben? In Kooperationen mit anderen Wissenschaften warden für die Archäologie Methoden erarbeitet, mit denen in/direkte Quellen zur Erkenntnisgewinnung über die Vergangenheit überhaupt erkannt warden können. Erst wenn wir wissen, durch welche Prozesse bestimmte Strukturen und Objekte entstehen, können wir in Erfahrung, was durch Menschenhand entstanden ist und was nicht. Ein Beispiel hierfür sind Steinartefakte.

  2. Wo finden wir archäologisch relevante Fundplätze? Ausgrabungen sind kostspielige Unternehmungen und müssen sorgfältig geplant warden. Bevor sie durchgeführt werden können, müssen durch Prospektionsmethoden archäologische Fundplätze ausfindig gemacht werden.

  3. In welcher Beziehung stehen die archäologischen Quellen zeitlich zueinander? Wenn wir die absolute und relative Datierung unserer Befunde und Funde nicht ermitteln, können wir nur in einem begrenzten Rahmen Interpretationen durchgeführen. Auf vielen Fundplätzen befinden sich Hinterlassenschaften aus mehreren Jahrhunderten oder Jahrtausenden direkt nebeneinander. Wenn man die Geschichte eines solchen Fundplatzes verstehen will, muss man zunächst in Erfahrung bringen, welche Struktur oder welches Artefakt in dieselbe Zeit datieren und welche nicht. Nur selten finden wir sogenannte "Zeitfenster" wie Pompeji, Herculaneum oder Stabiae, d.h. Fundpätze, auf denen das Leben ihrer Einwohner durch ein bestimmtes Ereignis plötzlich zum vollständigen Stillstand kam. 

  4. Wie waren prähistorische Gesellschaften organisiert? Gräber- und Hausinventare, Siedlungsstrukturen,  Darstellungen sowie Schriftquellen und Ethnologien können uns Aufschlüsse darüber geben, wie hierarchisch Gemeinschaften aufgebaut waren.  

  5. In welcher Landschaft lebten Menschen in prähistorischer Zeit und wie haben diese wahrgenommen, genutzt bzw. strukturiert?

  6. Was stand auf dem Speiseplan und wie wurde es gejagd, angebaut und gekocht? Untersuchungen von Speiseresten wie Knochen,  Getreidekörnern oder Rückständen an Gefäßen und Isotopen geben uns Einblicke in prähistorische Ernährungsgewohnheiten.

  7. Welche technologischen Fähigkeiten liegen den erhaltenen Artefakten zugrunde? Eng verbunden hiermit sind Fragen nach der Klassifikation und Typologie von ur- und frühgeschichtlicher Artefakten. Wir müssen den archäologischen Fundstoff sinnvoll gliedern (z.B. nach der Form oder der Funktion) und einen Wortschatz entwickeln, mit dem Artefakte und Befunde angesprochen warden. Damit soll verhindert werden, dass wir alle aneinander vorbei reden.

  8. Welche interkulturellen Kontakte gab es? Durch die Verbreitung von spezifischen Artefakten und Rohstoffen können gegebenenfalls Handels- oder Tauschkontakte rekonstruiert werden. Untersuchungen von Isotopen können uns sogar über die Herkunft und Mobilität einzelner Individuen informieren.

  9. Was haben Menschen zu prähistorischer Zeit gedacht? Was für Vorstellungen liegen zum Beispiel den Höhlenmalereien oder den Venusstatuetten zugrunde?

  10. Wie haben Menschen in ur- und frühgeschichtlicher Zeit ausgesehen,  welche körperlichen Probleme hatten sie und wie sind sie damit umgegangen? Funde von Trachtbestandteilen, Kleidungsresten, Schmuckstücken, Rasuren, Frisuren, Toilettbesteck, direkten Darstellungen oder historische Berichte können uns einem prähistorischen Lebensbild näher bringen. In Zusammenarbeit mit AnthropologInnen können an Knochen und Zähnen Untersuchungen durchgeführt werden, die uns über Alter, Geschlecht, Körpergröße und Krankheiten einzelner Personen Auskunft geben. Bei entsprechend guter Knochenerhaltung können sogar Gesichtsrekonstruktionen vorgenommen werden.

  11. Wie kommen materielle und soziale Veränderungen zustande?

  12. In welchem Verhältnis stehen Archäologie, Öffentlichkeit und Politik zueinander, d.h. wie gehen wir mit Vergangenheit um?

Wie alt ist das Fach?

Christian Jürgensen Thomsen
Christian Jürgensen Thomsen gibt Interessierten im Nationalmuseum zu Kopenhagen eine Führung durch die Sammlung der Nordischen Altertümer. Er gilt als Vater des Dreiperiodensystems. Zeichnung von P. Marquardt (1848).

Diesen Fragen gehen die Prähistoriker in Deutschland erst seit 1902 an Hochschulen nach. Es ist trotz seiner langen Forschungsgeschichte ein verhältnismäßig junges Fach, indem es noch einiges zu erforschen und viele offene Fragen gibt!


Nachdem im 19. Jahrhundert von Privatmännern wesentliche Schritte gemacht wurden, erreichte die Prähistorische Archäologie Anfang des 20. Jahrhunderts den Status als eigenständige wissenschaftliche Disziplin. An der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität wurde der erste Lehrstuhl eingerichtet und ein archäologisches Studium angeboten. Heute gibt es ca. 25 Universitäten in fast allen Bundesländern mit entsprechenden Fakultäten, an denen Ur- und Frühgeschichte auf dem Lehrplan steht.

Übersicht

Du findest hier für die Prähistorische Archäologie wesentliches Wissen nach Themengebieten geordnet.

Um die Übersicht zu wahren, sind die Inhalte kompakt zusammengefasst, sollen aber zugleich umfassend Informieren.

Empfohlene Literatur

Autor Titel Thema
Eggers Einführung in die Vorgeschichte Einführung in die Prähist. Archäologie
Eggert Prähistorische Archäologie Einführung in die Prähist. Archäologie
Eggert / Samida Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. UTB basics Einführung in die Prähist. Archäologie
Trachsel Ur- und Frühgeschichte Einführung in die Prähist. Archäologie
Mölders / Wolfram Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie Nachschlagewerk zu zentralen Schlüsselbegriffen der arch. Forschung
Fiedler / Rosendahl / Rosendahl Altsteinzeit von A-Z Lexikon zur Altsteinzeit
Samida / Eggert / Hahn Handbuch Materielle Kultur: Bedeutungen - Konzepte - Disziplinen Über den Umgang und die Deutungsmöglichkeiten materieller Kultur
Schnurbein Atlas der Vorgeschichte Epochenüberblick
Cunliffe The Oxford Illustrated History of Prehistoric Europe (Oxford Illustrated Histories) Epochenüberblick
Vandkilde Culture and Change in Central European Prehistory: 6th to 1st Millennium BC Epochenüberblick
von Freeden Germanica - Unsere Vorfahren von der Steinzeit bis zum Mittelalter Epochenüberblick
Keefer Steinzeit Epochenüberblick
Gronenborn Die Neolithisierung Mitteleuropas: The Spread od the Meolithic to Central Europe Neolithikum
Harding/Fokkens The Oxford Handbook of the European Bronze Age (Oxford Handbooks) Bronzezeit
Collis The European Iron Age Eisenzeit
Müller-Beck Die Eiszeiten Eiszeiten
Schrenk Die Frühzeit des Menschen Evolution
Henke / Rothe Stammesgeschichte des Menschen: Eine Einführung Evolution
Henke / Tattersall Handbook of Paleoanthropology: Handbook of Palaeoanthropology: Principles, Methods and Approaches. Primate Evolution and Human Origins. Phylogeny of Hominines: Principles, Methods and Approaches v. 1 Evolution
Klein The Human Career: Human Biological and Cultural Origins Evolution
Trigger A History of Archaeological Thought Forschungsgeschichte
Schnapp Die Entdeckung der Vergangenheit: Ursprünge und Abenteuer der Archäologie Forschungsgeschichte
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