Was ist ein Artefakt?

"Lochstab" aus dem Magdalénien, Gabriel & Adrien de Mortillet, Musée Préhistorique (Paris 1881).

Objekte, die vom Menschen zur Durchführung eines spezifischen Zwecks genutzt, modifiziert oder extra hergestellt wurden, werden als Artefakte bezeichnet. Sie können aus verschiedenen Materialien sein: Zum Beispiel Silex, Felsgestein, Knochen, Zähnen, Holz, Keramik, Jadeit, Glas, Kupfer, Bronze oder Eisen. Das Erkennen und Bestimmen von Artefakten ist nicht immer einfach. Das kann daran liegen, dass sie uns nicht immer vollständig erhalten bleiben und dass es eine große Bandbreite an Artefakten gibt. Das ist insbesondere bei Steinartefakten und Keramik der Fall. 

Chronologische Rolle

Acheuléen
Faustkeil aus dem Acheuléen, zwischen 500.000 und 300.000 Jahre alt. Muséum de Toulouse, Accession number: MHNT.PRE.

Für Archäologen stellen Artefakte eine umfangreiche Quellenbasis dar, um die Vergangenheit zu erforschen. Die Chronologie der Ur- und Frühgeschichte beruht zum größten Teil auf der materiellen Kultur unserer Vorfahren.

 

Als sich Thomsen mit dem Dreiperiodensystem befasste, griff er darauf zurück, dass sich Artefaktformen über die Zeit hindurch verändert haben und dass es zeitspezifische Ensemble gibt. Im weiteren Verlauf des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemühten sich kulturgeschichtlich ausgerichtete Archäologen intensiv darum, Artefakte chronologisch und räumlich zu ordnen, indem sie auf stratigraphische Beobachtungen und die räumliche Verbreitung von Artefakt- sowie Verzierungsformen achteten. Oscar Montelius versuchte mit einem typologischen ansatz, Artefakte chronologisch zu ordnen. Sir William Matthew Flinders Petrie entwickelte das Seriationsverfahren, mit dem er über die wechselnde Vergesellschaftung von verschiedenen Artefakten aus geschlossenen Funden zu einer chronologischen Abfolge zu gelangen versuchte.

Technologische Funktion

Fehlgüsse aus Bronze
Fehlgüsse aus Bronze.

Wer nun denkt, dass Artefakte nur eine chronologische Relevanz besitzen, der irrt sich. Artefakte haben stets eine Funktion erfüllt. Sie wurden für etwas verwendet und dieses etwas können wir uns in günstigen Fällen schon durch die Form erschließen wie z.B. bei Speeren oder Äxten. Wenn wir dem Artefakt seinen Zweck nicht ansehen können, können wir uns durch makro- oder mikroskopische Beobachtungen auf der Oberfläche der Funktion annähern. Im Falle von  keramischen Gefäßen geben Kratzspuren im Inneren oder Rückstände von Ruß am Gefäßboden Hinweise auf die Verwendung. Im Labor können chemische Rückstandsanalysen  durchgeführt werden, natürlich nicht nur an Keramik. Mit solchen Methoden gewinnen wir beispielsweise Einblicke in prähistorische Ernährungsgewohnheiten. 

 

Artefakte sind das Ergebnis von Anpassungsstrategien an eine Umwelt. Damit verrät uns ihre Funktion einiges über die Flora und Fauna zum Zeitpunkt ihrer Benutzung. So können wir aus dem Vorhandensein von Angelhaken davon ausgehen, dass Fisch geangelt und auch gegessen wurde. Beile, Äxte und Sägen sind Werkzeuge, mit denen Holz verarbeitet wurde. Auch wenn wir keine direkten Holzfunde haben, können wir darauf schließen, dass Holz in der näheren Umgebung verarbeitet wurde und dass es auch Holzartefakte gegeben haben muss, die uns leider nicht erhalten geblieben sind. 

 

Ausgrabungen fördern neben fertigen Artefakten auch sogenannte Halbfabrikate zutage, also Gegenstände, die noch nicht fertig gestellt wurden. Diese Halbfabrikate bieten die Möglichkeit, den prähistorischen Handwerkern auf die Finger zu schauen und Arbeitsprozesse zu erkennen. Damit werden die Arbeitsdauer und der Aufwand, er hinter einem Objekt steckt, sichtbar. Funde von Gegenständen, deren Herstellung missglückt ist, sind umso interessanter. Bronzene Fehlgüsse wurden oftmals wieder eingeschmolzen und erneut verwendet. Funde dieser Sorte sind dementsprechend rar. Noch seltener sind Halbfabrikate von Fibeln aus der Eisenzeit. Davon kennen wir bestenfalls eine handvoll.

Soziale Funktion

Bernstein
Bernsteinperlen aus der Bronzezeit.

Artefakte sind mehr als eine Anpassung an die Gegebenheiten der Umwelt. Über sie wurden soziale Verhältnisse ausgedrückt, je nach archäologischer Kultur ist dies mehr oder weniger deutlich im Beigabenritus bei Bestattungen ausgeprägt. Tot sind nicht alle gleich gewesen, man differenzierte beispielsweise nach Geschlechts und Altersgruppe. Während die einen verbrannt und in einem neuen keramischen Gefäß beigesetzt wurden, bestattete man andere Mitglieder der Gesellschaft in gebrauchten Gefäßen. Ob dieser Unterschied damals eine Rolle spielte, muss natürlich für jede Kultur im Detail geklärt werden. 

Der Löwenmensch oder die Venusfigurinen zeigen uns, dass spätestens im Jungpaläolithikum Artefakte zu Symbolen wurden und damit zu Vermittlern von religiösen bzw. gesellschaftlichen Ideen. In diesem Sinne wird die materielle Kultur vom Menschen geschaffen und gleichzeitig wird der Mensch von ihr geprägt.

Kognition des Menschen

Venus vom Galgenberg
Venus vom Galgenberg, © Jan Ahlrichs 2011.

Schon die Idee, dass man einen Gegenstand zu Verrichtung einer Tätigkeit heranziehen kann, setzt ein Denken voraus. Wenn ein Objekt dazu verwendet wird, um ein Artefakt herzustellen, befindet sich der Hersteller wieder auf einer anderen Ebene des Denkens. Wir stellen also fest, dass es verschiedene Typen von Artefakten gibt und jeder davon eine Aussage über die kognitiven Fähigkeiten seines Herstellers und Anwenders macht. Jeder Typ setzt unterschiedliche eine Form von Planung voraus, die schließlich zur Fertigung des Objektes notwendig ist. Wir können Primär-, Sekundär und Tertiärartefakte voneinander unterscheiden. 

 

Primärartefakte sind natürliche Gegenstände, die für einen Zweck herangezogen werden. Sie werden für diesen Zweck nicht modifiziert. Es bekannt, dass Menschenaffen Steine aufsammeln, um damit Nüsse zu knacken. Sie besitzen die Erfahrung, dass Steine härter sind als Nüsse und dass sie deswegen zum Knacken von Nüssen herangezogen werden können. 

 

Sekundärartefakte liegen vor, wenn man beispielsweise mit einem Schlagstein auf eine Knolle schlägt, um anderen Kanten abzuschlagen, d.h. eine gezielte Modifikation durchführt. Aus der Bearbeitung eines Primärartefaktes mit einem anderen Primärartefakt entsteht ein Sekundärartefakt.

 

Ein Tertiärartefakt kann nur mit einem oder mehren Sekundärartefakten hergestellt werden. D.h. man stellt sich Werkzeuge her, um mit diesen ein Artefakt herstellen zu können. Ein Speer ist ein gutes Beispiel hierfür. Man braucht nicht nur eine Kenntnis darüber, welche Holzart hierfür geeignet ist und wo man sie finden kann, man ist außerdem auf Werkzeuge angewiesen, mit denen man aus dem Holz einen Speer herstellen kann. Die ältesten Nachweise für Speere kommen aus Schöningen und sind ungefähr 300.000 Jahre alt. Sie stammen vom Homo heidelbergensis, dem Vorfahren des Homo neanderthalensis. Im Zusammenhang mit Tertiärartefakten wird auch Sprachfähigkeit diskutiert. Die Frage ist, ob erst durch die Verwendung von Sprache die Herstellung solcher Artefakte möglich wird oder nicht.

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Dokumentation von Keramik und Steinartefakten

Thema Link
(SDS) Systematische und digitale Erfassung von Steinartefakten jungsteinsite.uni-kiel.de
(Nonek) Nordmitteleuropäische Neolithische Keramik nonek.uni-kiel.de
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