Grundlagen der Seriation

Jens Jacob Asmussen Worsaae

Jens Jacob Asmussen Worsaae
Jens Jacob Asmussen Worsaae (1821-1885) auf einem Portrait von Bertel Ch. B. Müller (1837–1884). Quelle: Wikimedia.commons

Die Anfänge der Seriation reichen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Jens Jacob Asmussen Worsaae (1821-1885), ein Schüler von Christian Jürgensen Thomsen, formulierte noch vor Oscar Montelius (1843-1921) das Konzept des geschlossenen Fundes und wies auf dessen Bedeutung für relative Chronologien hin. John Howland Rowe hat Worsaae's Leistung 1962 eingehender gewürdigt und das Prinzip des geschlossenen Fundes als "Worsaaes' Law" bezeichnet. Worsaae’s Gesetz beruht auf den Annahmen, dass Grabbeigaben:

  1. bis zum Zeitpunkt ihrer Niederlegung gleichzeitig in Gebrauch waren.
  2. zeitgleich niedergelegt wurden und nicht in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen. D.h. dass das Grab nach der Zuschüttung nicht wieder geöffnet wurde.
  3. tatsächlich der verstorbenen Person gehörten und somit ein individuelles Ensemble repräsentieren.

Wollen wir Seriationen bzw. Korrespondenzanalysen durchführen, kommen wir am geschlossenen Fund nicht vorbei, insbesondere wenn wir Befunde und deren Inventare auswerten wollten. Ferner ist die Frage nach der Existenz einer materiell manifestierten sozialen Differenzierung einer Gesellschaft von Bedeutung. Schließlich gilt es dann zu klären, durch welche Artefakte sich ein sozialer Status ausdrückt und wie dieser sich mit der Zeit verändert.

Oscar Montelius

Oscar Montelius
Oscar Montelius (1843-1921). Quelle: Wikimedia.commons

Seine Erkenntnisse gerieten bis zur Jahrhundertwende in Vergessenheit und wurden schließlich durch die Arbeit von Gustaf Oscar Augustin Montelius in „Die Methode“ nochmals besprochen. Seine Methode fußte auf typologischen Serien, typologischen Rudimenten sowie geschlossenen Funden. Unter einer typologischen Serie verstand er die zeitliche Entwicklung eines Typenvertreters. Diese Entwicklung sei linear und würde von einfachen zum komplexen Typenvertretern verlaufen. „Eine einfache natürliche Form“ stehe immer am Anfang und würde sich durch ihre „Ursprünglichkeit“ als „Prototypus“ entlarven. Der jüngste Typenvertreter einer Serie sei dagegen ausgereift und wirke – wenn überhaupt – nur auf den ersten Blick einfach. Dieses Argument hat Eggert zu Recht als „pseudoempirisch“ bezeichnet. Zudem sollten die Typenvertreter typologische Rudimente aufweisen und sich in kurzer Zeit weiterentwickelt haben. Unter einem typologischen Rudiment verstand er diejenigen Merkmale eines Artefaktes, die ehemals eine Funktion hatten, nun aber nur noch eine materiell Umgesetzte Erinnerung daran waren. Es handelt sich also um Bestandteile, die keinen technischen Beitrag zum Funktionieren des Artefaktes leisten, sondern als Verzierungselemente optisch auf  Vorläufer verweisen. Wichtig war für Montelius, dass mindestens zwei Typenserien bekannt waren, die sich partiell zeitgleich überlappten. Um diese temporäre Gleichzeitigkeit sicher zu stellen, mussten die Typenvertreter beider Serien zusammen in geschlossenen, d.h. ungestörten Fundkontexten miteinander vergesellschaftet aufgefunden werden. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, können  die entsprechenden Befunde nicht in der Seriation berücksichtigt werden, weil sie eine potentielle Fehlerquelle darstellen.

 

Montelius zog die Gräberinventare erst zur Bestätigung seiner typologischen Hypothesen heran. Seine typologischen Serien entstanden weniger durch die tatsächlichen Verknüpfungen von Typenvertretern aus geschlossenen Funden, sondern vielmehr auf der Basis seiner evolutionistischen Deutung spezifischer Merkmale. Der typologischen Methode von Montelius liegt letztlich ein linearer Evolutionismus zu Grunde. Montelius selbst schreibt: „Die Entwicklung [von Typenserien] kann langsam oder schnell verlaufen, immer ist aber der Mensch bei seinem Schaffen von neuen Formen genötigt, demselben Gesetze der Entwicklung zu gehorchen, welches für die übrige Natur gilt“. Er benötigte den Evolutionismus prinzipiell von Anfang an nicht. Darauf hatten ihm bereits Zeitgenossen wie Sophus Müller hingewiesen. Die Typologien von Montelius beachten in keiner Weise das Wiederaufgreifen alter „archaischer“ Formen. Für ihn stirbt jeder Typ sofort aus, wenn es einen typologisch weiter-entwickelteren, also "besseren" gibt. Aus Grabinventaren wissen wir aber, dass genau dies nicht vorgesetzt werden darf. Typologisch alte Artefakte wurden und werden auch heute nicht sofort aussortiert. „Alte" Typen wurden weiterhin hergestellt und sind parallel mit neueren Typen in Verwendung gewesen, bis sie schließlich von diesen „abgelöst“ wurden. Er verweigerte sich damit dem Gedanken der Gleichzeitigkeit typologisch unterschiedlicher Formen. Typologien entwickelten sich aus seiner Sicht in jeder Region gleichzeitig auf dieselbe Weise.

Sir William Matthew Flinders Petrie

Sir William Matthew Flinders Petrie
Chronologische Stufen und deren keramische Leitformen Abb. 1 aus Flinders Petrie (1899).

Der Ägyptologe setzte das Seriationsverfahren erstmals zur Klärung archäologischer Fragestellungen ein. Er suchte nach einer Möglichkeit, mit der materielle Leitformen in eine chronologische Abfolge gebracht werden konnten. Er selbst sprach nicht von Leitformen, sondern von sogenannten sequence dates. Hierzu benutzte er keramische Gefäße aus den Nekropolen von Naqada, Hu, Abadiyeh und Ballas, die zwischen 1884 und 1899 ausgegraben wurden. Er war davon ausgegangen, dass die Formen und Verzierungen von den Gefäßen eine chronologische Relevanz besitzen und diese durch eine Untersuchung der Verknüpfung von Grabinventaren erkannt werden kann. Im Gegensatz zu Artefakten aus wertvollen Rohstoffen sei Keramik ein Alltagsprodukt gewesen, welches nicht über Generationen vererbt wurde und dessen Stil von Form und Verzierung stets verändert wurde. Er seriierte insgesamt 900 Gräber und 804 Typen dynastischer Keramik mit der Streifenmethode, um eine relative Chronologie für die Entwicklung von keramischen Gefäßen zu entwickeln. In die Abfolge sollten später neue Funde eingehängt werden können. Ihm schwebte ebenfalls vor, die relativen Chronologien einzelner Regionen später miteinander zu korrelieren. Zur Durchführung und chronologischen Ordnung der Seriation definierte er fünf Kriterien, aus deren Erklärung deutlich hervortritt, dass auch er evolutionistischen Argumenten Bedeutung zumaß. Zu diesen gehörten:

 

 

  1. Stratigraphische Überlagerungen von Gräbern.
  2. Beobachten von Entwicklungs- und Degradationsserien von Formen. Dies sei sehr wertvoll, weil die Argumente hierfür stichhaltig seien.
  3. Statistisches Gruppieren anhand der Gefäßproportionen als Grundlage zur Klassifikation von Gruppen.  
  4. Gruppierung ähnlicher Typen und Bewertung von deren Stil.
  5. Minimale Verteilung jedes Typs über die gesamte Seriation.

 

 

Seine Diagonalisierung der vergesellschafteten Gefäße erfolgte nach dem Konzentrationsprinzip, d.h. ähnliche Typen wurden möglichst nah aneinander gerückt. Schließlich fasste er seine Ergebnisse in sieben Entwicklungsstufen zusammen, in denen er neben Leitformen auch die Durchläufer aus dem vorherigen Stufen aufzeigte. Die Definition solcher Stufen erfolgte nach subjektivem Befinden und war nicht frei von dem Evolutionismus, den auch Montelius seiner Arbeit zugrunde gelegt hatte. Die chronologische Orientierung gelang ihm über ein typologisches Rudiment. Ab Stufe drei traten Gefäße mit Wellenhenkeln auf, die später durch eine wellenförmige Verzierung ersetzt worden seien. Seine Chronologie wurde erst in der zweiten hälfte des 20. Jahrhunderts einer Kritik unterzogen und durch eine Alternative ersetzt.

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
Hans Jürgen Eggers Einführung in die Vorgeschichte (Berlin 2006) 88-105.
Manfred Karl Hermann Eggert Prähistorische Archäologie: Konzepte und Methoden (Tübingen 2008) 181-219.
Manfred Karl Hermann Eggert – Siegfried Kurz – Hans-Peter Wotzka Historische Realität und archäologische Datierung: Zur Aussagekraft der Kombinationsstatistik. Prähistorische Zeitschrift 55, 1980 110-145.
Sir William Matthew Flinders Petrie Sequences in Prehistoric Remains. The Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland 29, 3/4, 1899 295-301.
Sir William Matthew Flinders Petrie Methods & Aims in Archaeology (London 1904) -
Johannes Müller - Andreas Zimmermann (Hrsg.) Archäologie und Korrespondenzanalyse: Beispiele, Fragen, Perspektiven -
Leif Hansen Hochdorf IX: Die Goldfunde und Trachtbeigaben des späthallstattzeitlichen Fürstengrabes von Eberdingen-Hochdorf (Kr. Ludwigsburg) (Kiel 2008) -
Werner Kaiser Stand und Probleme der ägyptischen Vorgeschichtsforschung. Zeitschrift für ägyptische Sprache 81, 1956 87- 109.
D G. Kendall Seriation from abundance matrices. In: Frank Roy Hodson (Hrsg.), Mathematics in the Archaeological and Historical Sciences (Edinburg 1971) 215-252.
D G. Kendall A statistical approach to Flinders Petries sequence dating. Bulletin of the International Statistical Institute 40, 1964 657-681.
Martin Menninger Die schnurkeramischen Bestattungen von Lauda-Königshofen Steinzeitliche Hirtennomaden im Taubertal? (Tübingen 2008) -
Oscar Montelius Die älteren Kulturperioden im Orient und in Europa. I. Die Methode (Stockholm 1903) -
John Howland Rowe Worsaee's Law and the use of grave lotsfor archaeological dating. American Antiquity 28/2, 1962 129-137.
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