Zur Entdeckung der Stratigrafie

Grabenprofil mit einem Pfostenloch aus dem Legionslager von Haltern. Quelle: Carl Schuchhardt, Aliso. Führer durch die Ausgrabungen bei Haltern (Haltern 1909) Abb. 7

Was ist Stratigraphie?

Der Begriff Stratigrafie/Stratigraphie steht einerseits für die bei Ausgrabungen in einem vertikalen Schichtprofil feststellbare Abfolge von Straten (siehe Bild oben), die durch natürliche und anthropogene Ablagerungen sowie Baumaßnahmen (Aufschüttung, Graben, Schacht, Brunnen, Pfostenlöcher, Planierungen, Verfüllungen etc.) entstanden ist.

Andererseits steht dieser Fachbegriff gleichermaßen für die Beschreibung und Analyse von geschichteten (anthropogenen) Ablagerungen und Befunden mit dem Ziel, ihre relative zeitliche Abfolge zu klären. Wie bereits genannt, kann eine Stratigrafie letztlich nur zu der Schlussfolgerung kommen, dass eine Schicht A folgende Beziehung zu einer Schicht B hat: 1. A ist jünger, 2. A ist älter, 3. A ist zeitgleich zu B.

Neben dieser vertikalen Stratigrafie gibt es allerdings auch eine horizontale Stratigrafie, welche in Verbindung mit der Seriation die Ausbreitung von Gräberfeldern untersucht.

Um Verwirrungen vorzubeugen, soll an dieser Stelle auf Begrifflichkeiten von besonderer Bedeutung aufmerksam gemacht werden. Die Begriffe Stratum (Plural: Straten), Schichten und stratigrafische Einheiten werden im Folgenden synonym für auf natürliche Weise entstandene Schichten verwendet. Sobald eine stratigrafische Einheit Artefakte oder andere durch anthropogene (menschliche) Einflüsse entstandene Hinterlassenschaften enthält, wird der terminus technicus "Kulturschichten" verwendet.

Entdeckung der Stratigrafie

Steno
Steno, Quelle: wikimedia.commons.
Haifischkopf
Von Steno untersuchter Hai, Quelle: wikimedia.commons.

Die Anwendungsmöglichkeit der Stratigrafie als Mittel zur Erstellung relativer Chronologien wurde zunächst von Geologen entdeckt. Erst im 19. Jahrhundert fand eine intensivierte Auseinandersetzung von Archäologen mit der Stratigrafie statt.

 

Der erste Mann, der sich mit der Stratigrafie befasste, sie beobachtete und daraus Schlüsse zog, war der dänische Arzt und Naturwissenschaftler Niels Stensen (1638-1686; auch "Steno" genannt). Er orientierte sich bei seinen Beobachtungen an Fossilien aus geologischen Schichten und entwickelte auf dieser Grundlage das stratigraphische Lagerungsgesetz. Dieses Gesetz besagt, dass die jeweils jüngere Schicht über der älteren ruht.

 

Auf diesen Gedanken war er gekommen, als er Fossilien als Überreste von ehemaligen Tieren erkannte. Er gilt damit als der Entdecker der Fundgattung der "Fossilien". Zu seiner Zeit sammelten Antiquare und Kuriositätenkabinette allerlei Dinge. Dazu gehörten auch die so genannten "Glossopetrae" (lat. für "Zungensteine"), also zungenförmige kleine Steine. Man hatte ihnen den lateinischen Namen "Glossopetrae" gegeben. Da Stensen als Naturwissenschaftler auch an Anatomie interessiert war, lies ihm eines Tages der Großherzog Ferdinando II. de' Medici von Florenz einen Haikopf zukommen. Dieser war erst kürzlich getötet worden und sollte dem gerade 28 Jahre alten Niels Stensen zu anatomischen Studien bereitgestellt werden.

 

Bei seiner Untersuchung des Gebisses fiel ihm auf, dass dessen Zähne den Glossopetrae ähnlich waren. Daraus zog er schließlich die Konsequenz, dass es sich bei den Zungensteinen ebenfalls um Haifischzähne handeln musste. Diese waren aufgrund ihres hohen geologischen Alters bereits versteinert. Wie konnte es aber dazu kommen? Er stellte zunächst fest, dass sich die versteinerten Haifischzähne in ihrer äußeren Erscheinung glichen und noch als Zähne  identifizierbar waren. Die Fossilien wurden jedoch in tieferen steinernen geologischen Schichten gefunden, Bsp. in den Kreidefelsen vor Malta. Haie schwimmen allerdings nur durch Wasser und nicht durch festes Gestein bzw. Kreidefelsen. D.h. dass die Zähne an diesem Ort gefunden wurden, weil dort früher einmal Wasser gewesen sein muss. Dieses wiederum war von Haien bewohnt und als diese starben, sanken deren Körper (und Zähne) auf den schlammigen Meeresgrund. Dort wurden sie über die Zeit hinweg mit Schlamm und weiteren Sedimenten bedeckt. Diese Sedimente bildeten zunehmend dicker werdende Schichten, die wiederum von neuen Schichten überdeckt wurden.

 

Zähne von kürzlich verstorbenen Haien waren nicht versteinert und mussten aus geologischer Sicht relativ "jung" sein. Schichten mit versteinerten Zähnen dagegen waren sehr alt. Durch diese Beobachtungen konnte Steno schließlich das erste stratigraphische Gesetz formulieren: die jüngeren Schichten ruhen auf den älteren.

William Smith

Strata-Smith
Strata-Smith, Quelle: wikimedia.commons

Der englische Ingenieur und Geologe William Smith (1769-1839) machte bei Kanalbauarbeiten einige besondere Beobachtungen von Schichten derselben Zusammensetzung. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass jene Schichten, welche aus dieselben Fossilien enthielten, zeitgleich existiert haben müssten. Damit ist er der Begründer der so genannten Biostratigrafie.

 

Man konnte Schichten also aufgrund von Fossilien in geologische Zeitalter datieren. Hierzu war man nicht auf die Sedimente angewiesen, sondern auf deren Fossilien. Schichten mit Fossilien von gleicher Erhaltung und in einem proportional gleichen Erscheinungsverhältnis mussten aus derselben Zeit stammen. Mit diesem Wissen konnte man überall Ablagerungen datieren. Man benötigte nur einen repräsentativen Ausschnitt, um ausreichend Fossilien zur Untersuchung zu erhalten, und musste das Ergebnis mit anderen Schichten vergleichen. Für seine innigen Beschäftigungen mit Stratigraphien erhielt er den liebevollen Spitznamen "Strata-Smith".

Sir Charles Lyell

Sir Charles Lyell
Sir Charles Lyell, Quelle: wikimedia.commons

Charles Lyell (1797-1875) veröffentlichte ab 1830 ein dreibändiges Werk mit dem Titel Principles of Geology, in dem er das stratigrafische Lagerungsgesetz von Steno bestätigte. Er fügte außerdem noch hinzu, dass in den zunehmend tieferen Schichten proportional mehr Tiere enthalten sind, die es heute nicht mehr gibt und umgekehrt, dass in den jüngeren Schichten umso mehr Tiere enthalten sind, die heute noch leben. Außerdem führte er das Prinzip des Aktualismus ein, welches davon ausgeht, dass alle modernen geologisch zu beobachtenden Prozesse früher nach denselben Gesetzen abliefen.

Du befindest dich hier:

Begriffe zur Stratigrafie

Begriff Bedeutung
Positive features durch menschliche Einflüsse entstandene Schichten z.B. eine Mauer.
standing structures Synonym zu positive features
upstanding layers Synonym zu positive features
Negativ features Negativ einer ehemalig von Menschen geschaffenen Schicht (Gruben, Hohlformen ...)
Interface Grenzfläche zwischen zwei Schichten
Archäologische Stratifizierung Abfolge von Schichten (stratigraphischen Einheiten)
Archäologische Stratigraphie Studium/Beschreibung/Interpretation von archäologischen Stratifizierungen
praehistorische-archaeologie.de bietet dir frei zugängliche Inhalte. Mit einer Spende z.B. bei flattr kannst du uns unterstützen.

Hinweis

Wir geben uns große Mühe um die Korrektheit unserer Inhalte. Sollten es dennoch Fehler oder Ungereimtheiten geben, würden wir uns über einen Kommentar freuen!