Einleitung zum Mittelpaläolithikum

Was ist das Mittelpaläolithikum?

Als Mittelpaläolithikum bezeichnen wir denjenigen Abschnitt der Altsteinzeit, der zwischen 300.000 und 40.000 Jahre vor heute datiert. Der Begriff wurde insbesondere durch die Arbeiten von François Bordes (1919-1981) zu Beginn der 1950er Jahre geprägt. Untrennbar mit dem Mittelpaläolithikum verbunden, ist der Neandertaler.

Das Moustérien

Homo neanderthalensis von Spy
Eine Levalloisspitze, Zeichnung © Jan Ahlrichs 2009.

Im Mittelpaläolithikum fassen wir zwei große archäologische Werkzeugkulturen, die sich zeitlich, und auch je nach der Region, örtlich überschneiden. Die erste Kultur bezeichnen wir als Moustérien. Der Begriff leitet sich von der Fundstelle Le Moustiér aus der Dordogne ab und wurde bereits 1872 von Gabriel de Mortillet in die Literatur eingeführt. Chronologisch überlappt sich das Moustérien fast vollständig mit dem gesamten Mittelpaläolithikum. Daher werden die Begriffe auch oft synonym benutzt. Absolutchronologisch datiert es in die Zeit von 300.000 bis ca. 30.000 BP. Da es sich im Verlaufe dieses Zeitraumes verändert hat, gibt es mehrere Abschnitte im Moustérien. Zum Beispiel gibt es ein spätes Moustérien, dessen Geräte in der Tradition des Acheuléen stehen.

Kantenretuschierte Werkzeuge sind für das Moustérien sehr typisch, insbesondere Schaber und Spitzen. Eine weitere Leitform des Moustérien ist die sogenannte Levalloistechnik. Es handelt sich hierbei um eine spezielle Technik, mit der Artefakte hergestellt werden. Bei der Levalloistechnik wird ein Kern durch gezielte Präparationsabschläge dahingehend bearbeitet, dass letztlich mit einem Schlag ein gezieltes Abschlagwerkzeug aus ihm herausgeschlagen werden kann (Schaubild).

 

Hinzu kommt das Herstellen von Kompositgeräten, also Artefakten, die aus mehreren "Bauteilen" bestehen. Kompositgeräte zählen deshalb zu denjenigen Funden, die Einblicke in die menschliche Kognition und Planungsfähigkeit geben. Um Artefakte wie diese herzustellen, müssen zunächst mehrere Zwischenziele umgesetzt werden wie etwa das Besorgen und Verarbeiten der verschiedenen Rohmateriale. Frühe Nachweise für diese Technik stammen von südafrikanischen Fundstelle Kathu Pan 1 und sind ca. 500.000 Jahre alt. Von den Fundplätzen wie Inden-Altdorf, Königsaue und Campitello wissen wir, dass Neandertaler Birkenpech zur Herstellung von Kompositgeräten verwendeten.

Das Micoquien

Eponyme Fundorte für paläolithische Werkzeug-Kulturen, Grafik © Jan Ahlrichs 2012.

Im späten Mittelpaläolithikum tritt eine neue Kultur in Erscheinung: das Micoquien. Sie wurde nach dem eponymen Fundplatz La Micoque bei Les Eyzies-de-Tayac in der Dordogne benannt. Ihr Entdecker und Namensgeber war Otto Hauser. Im deutschsprachigen Raum wird synonym zum Micoquien auch der Begriff Keilmessergruppe verwendet. Weitere Synonyme sind Pradnikien und Micoquo-Pradnikien. Diese Namen gehen auf den polnischen Fundort bei Pradnik zurück. Relativchronologisch datiert das Micoquien in West- und Mitteleuropa in das spätere Mittelpaläolithikum. In absoluten Zahlen haben datiert das Micoquien nach Jürgen Richter in den Zeitraum zwischen 60.000 und 40.000 BP zu tun. Über die genaue Definition dieser Kultur herrscht leider noch Uneinigkeit. Jürgen Richter spricht sogar von einem „terminologischen Chaos“. Deshalb findet man je nach Definition andere absolutchronologische Angaben, zum Beispiel für die Zeit zwischen 130.000 und 40.000 BP.

 

Zu den Leitformen dieser Kultur gehören mitunter Keilmesser, Blattspitzen, Halbkeile, Fäustel und schmale wie auch dreieckige Faustkeilblätter. Neben der Levallois-Technik sind für das Micoquien zwei weitere Schlagtechniken bekannt: die als Pradnik-Technik und das Quina-Konzept. Die Pradnik-Technik wurde als besondere Form der Schärfung von Keilmessern verwendet. In der Literatur werden die sogenannten Micoque-Keile häufig als Leitformen dieser Kultur angesprochen. Nach Jürgen Richter trifft dies aber nicht zu, weil die Micoque-Keile im gesamten Mittelpaläolithikum zu finden seien.

Levalloistechnik

Levallois-Technik
Grafik zur Levalloistechnik. Urheber: José-Manuel Benito Álvarez.
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