Die Kleine Feldhofer Grotte im Neandertal

Die Kleine Feldhofer Grotte mit der Schädelkalotte des Neandertalers (Fuhlrott 1865: Tafel 1-2).
Neandertal
Das Neandertal um 1832 (Hauser 1928).

Der Fund des 42.000 Jahre alten Neandertalers bei Mettmann in der Feldhofer Grotte gehört zu den bedeutendsten fossilen Menschenfunden Europas. Seine Entdeckung bestätigte, was man bis dahin nur vermutet hatte: das menschliche Geschlecht musste viel älter sein als bisher gedacht. Vertreter der Kirche schätzten das Alter des Menschen auf 4.000 Jahre. Die anthropologischen Untersuchungen am Skelettmaterial zeigten, dass sich der Mensch entwickelt haben musste - wie jedes andere Tier. Die Knochen aus dem Neandertal waren zwar menschlich, hatten aber doch einen „urtypischen Charakter“ wie es Johann Carl Fuhlrott formulierte. Seit der Entdeckung des Fundes setzte er sich deswegen für die Anerkennung dessen eiszeitlichen Alters ein. Er war sich in der Annahme sicher, dass der Fund älter war als 4.000 Jahre.

Der englische Forscher William King gab dem Skelettfund in den 1860er Jahren seinen Namen Homo neanderthalensis king: der Mensch aus dem Neandertal. Aus heutiger Sicht war der Homo neanderthalensis ein Europäer. Vor ungefähr 300.000 Jahren entwickelte sich aus dem Homo heidelbergensis der so genannte Ante-Neandertaler. Dessen anatomische Merkmale veränderten sich mit der Zeit, so dass man ab 130.000 vor heute von dem „klassischen Neandertaler“ spricht.

Die Entdeckung der Knochen

Feldhofer Grotte
Die Kleine Feldhofer Grotte (Fuhlrott 1865: Tafel 1).

In der kleinen Feldhofer Grotte wurden im August 1856 bei Steinbrucharbeiten mehrere Knochen entdeckt als man im Zuge der Arbeiten auf eine kleine Höhle stieß. Diese war 3m breit, 5m lang und 3m hoch. Die Arbeiter räumten die Grotte frei und beachteten die Knochenfunde zunächst nur beiläufig, weil Knochen ausgestorbener Tiere hier sehr häufig gefunden wurden. Unter Kennern war das Neandertal für seine reichen diluvialen Ablagerungen bekannt. Den Arbeitern sahen die Knochen denen von Höhlenbären ähnlich und deshalb warfen sie sie weg.

 

Zufällig fielen die fossilen Funde dem Mitbesitzer des Neandertaler Steinbruchs Wilhelm Beckershoff auf, der gerade vor Ort war. Er wies diese an, vorsichtiger zu arbeiten und alle Knochen aufzusammeln. Letztlich fanden sie viele der größeren Knochen wieder, die sie zuvor weggeworfen hatten. Geht man jedoch davon aus, dass dort ein vollständiges Skelett gelegen hat, so fehlen ca. 197 Knochen. Ein erwachsener Mensch hat in sich 213 Knochen. Sehr aufmerksam waren die Arbeiter also nicht. Gefunden wurden: eine Schädeldecke, eine linke Schläfenschuppe, beide Oberschenkelknochen, der rechte Humerus sowie die rechte Speiche, der unvollständige linke Oberarm, die linke Elle, Teile des rechten Schulterblattes sowie das rechte Schlüsselbein, letztlich fünf Rippenfragmente und die linke Hälfte der Hüfte. 


An den Knochen kann man deutlich die Beschädigungen erkennen, welche die Arbeiter mit Spitzhacken dem Neandertaler zugefügten. Dass die Knochen im anatomischen Verband gelegen haben, zeigen die gut erkennbaren Hackspuren. Beim Freilegen wurde nämlich die linke hälfte der Hüfte und der Gelenkkopf des Oberschenkels beschädigt. Die hinterbliebene Furche geht fließend von einem Knochen in den anderen über.

Erste anthropologische Untersuchungen

Hermann Schaaffhausen
Hermann Schaaffhausen (1816-1893). Quelle: Wikimedia.commons
Knochen aus der Feldhofer Grotte
Hüfte und Oberschenkel aus der Feldhofer Grotte (Schaaffhausen 1888).
Schädelkalotte aus der Feldhofer Grotte
Armknochen, Rippen, Gehirnabguß & Schlüsselbein aus der Feldhofer Grotte (Schaaffhausen 1888).
Rudolf Virchow
Die Schädelkalotte aus der Feldhofer Grotte (Schaaffhausen 1888).
Huxley - Neandertaler
Rudolf Virchow (1821-1902). Quelle: Wikimedia.commons
Huxleys Vergleich der Kalotte des Neandertalers mit dem Schädel eines Australiers (Huxley 1863: Abb. 31).

Beckershoff verstaute alle 16 Knochenfunde, die er und seine Arbeiter in der Kleinen Feldhofer Grotte gemacht hatten, in einer Kiste. Sein Geschäftspartner Friedrich Wilhelm Pieper übergab sie dem örtlich bekannten Naturforscher Dr. Johann Carl Fuhlrott. Unter den Anwohnern war der Gymnasiallehrer für sein Interesse an fossilen Knochen bekannt. Pieper wollte ihm mit den vermeintlichen Bärenknochen einen freundschaftlichen Gefallen erweisen. Fuhlrott sah sich die Stücke an und bemerkte jedoch schnell, dass dieses Skelett einem diluvialen Vor- bzw. Urmenschen zugehörig sein musste. 

Zu dieser Einsicht kam er, weil die Gebeine aus der Grotte hinsichtlich ihres osteologischen Charakters sehr eigentümlich seien und weil „die lokalen Bedingungen ihres Vorkommens“ darauf hinwiesen, dass das betreffende „urtypische Individuum unseres Geschlechts“ sehr alt sein müsste. Immerhin befanden sie sich in einer 150-180cm dicken Lehmschicht. Das hatte eine spätere Befragung der Arbeiter ergeben. Aus solchen Schichten hatte man bisher nur Funde von fossilen Tieren wie z.B. Höhlenbären oder Hyänen gemacht. Allein deswegen hatten weder die Arbeiter noch Pieper mit dem Gedanken gespielt, dass es Menschenknochen waren.

 

Ein Mensch aus diluvialen Schichten war etwas Neues und entsprach nicht der bisher gängigen Lehrmeinung. Fuhlrott bedauerte sehr, dass der Fund nicht sorgsamer ausgegraben und besser dokumentiert worden war. Dann wäre es sicher einfacher gewesen, andere Naturforscher davon zu überzeugen, dass dies ein fossiler Mensch ist. Fuhlrott war nun auf die Unterstützung eines aufgeklärten Anthropologen angewiesen, mit dem er den Fund in der Fachwelt präsentieren konnte. In den folgenden Tagen berichteten zahlreiche Lokalblätter aus der Umgebund von dem Fund. So kam es, dass der Bonner Anatom Franz Josef Mayer und der Anthropologe Prof. Hermann Schaaffhausen auf den Fund aufmerksam wurden. Sie meldeten sich bei Fuhlrott und fragten ihn, ob er ihnen die Funde zur Besichtigung vorbeibringen würde. Es dauerte einige Zeit, bis er auf die Bitten der beiden einging. Schließlich besuchte Fuhlrott die zwei interessierten. Da Mayer krank war, übergab er die Fundstücke an Schaaffhausen. Der Deutung eines urtümlichen Menschenfundes stimmte auch dieser zu, nachdem er die Knochen untersucht hatte. Ein eiszeitliches alter wollte er dem Fund zunächst aber nicht attestieren.

 


Damit Johann Fuhlrotts These glaubwürdig werden konnte, musste sie von dem Anthropologen Rudolf Virchow belegt werden. Doch dieser sah die Sache anders. Er hatte sich der jungen Evolutionstheorie im Bezug auf die Entwicklung des Menschen noch nicht angeschlossen und konnte sich erst 16 Jahre nach der Entdeckung der Knochen diese ansehen – das auch nur mit einiger List.

 
Die Knochen aus der kleinen Feldhofer Grotte sahen denen von Menschen durchaus ähnlich. Allerdings waren sie und besonders die Schädelkalotte nicht identisch, das sah auch Virchow. Er wollte diese Beobachtung aber pathologisch erklären. Der Neandertaler sei ein anatomisch moderner Mensch gewesen, der einige pathologische „Rückstände“ aufwies und erst vor kurzer Zeit gestorben sei. Deswegen nannte er ihn weniger euphorisch einen „geplagter Dulder“. Die Form der Knochen begründete er mit Rachitis. Hierbei handelt es sich um Störungen des Kalzium- und Phosphatstoffwechsels, welche eine mangelhafte Mineralisierung des Knochengewebes zur Folge haben. Ein Mangel an Vitamin D kann hierfür die Ursache sein. Rachitische Knochen sehen denen von Neandertalern durchaus ähnlichund von dieser Seite her kann man Virchows Ansicht nachvollziehen. Rudolf Virchow war eine Instanz seiner Zeit und wurde für sein vielseitiges Engagement geschätzt. 

 

Sein Zweifel an der These von Fuhlrott und Schaaffhausen hatte zur Folge, dass der Fund nicht als Urmensch, sondern Jahrzehnte als kränklicher Zeitgenosse angesehen wurde.


Die anfängliche Fehldeutung des Fundes geht einerseits darauf zurück, dass es sich um den ersten wissenschaftlich diskutierbaren fossilen Menschenfund handelte, der leider von Amateuren freigelegt wurde. Außerdem steckte die Anthropologie gewissermaßen selbst noch in den Kinderschuhen. Die für das 19. Jahrhundert typische Schädelforschung zur Differenzierung von Menschetypen und Rassen rückte zum Zeitpunkt der Entdeckung in das Zentrum der anthropologischen Forschung. Man hatte sich noch nicht auf einheitliche Untersuchungsmethoden geeignigt wie etwa die Frankfurter Horizontale. Dies führte dazu, dass verschiedene Maße vom Neandertalerschädel genommen wurden. Auf dieses Problem wies schon Schaafhausen hin als er 1888 alle bisherigen Forschungen an den Neanderthaler Knochen zusammenfasste. So kam es, dass die Kalotte mit den Schädeln von "Negern", Mongolen, Menschen jüdischen Glaubens, "Zigeunern", Kelten, Idioten, Tataren, Australiern, Eskimos, Gorillas, Chimpanzen, kaukasischen Bergmenschen, Slovaken aus dem Gebirge und schließlich mit dem von Paracelsus und dem von Kay Lykke verglichen wurde. Einen interessanten Beitrag leistete Thomas Henry Huxley. Er nahm 1863 an, dass der Neandertaler ein primitiver Mensch gewesen sei, dessen Schädelmaße eine übertriebene Modifikation der Aborigines darstelle und der aufgrund seiner gedrungenen Knochen an Kälte angepasst gewesen sei. Diese These hatte bisher Bestand, wird aber seit einigen Jahren mehr und mehr angezweifelt. 

Homo neanderthalensis king

Schädelkalotte aus der Feldhofer Grotte
Schädelkalotte aus der Kleinen Feldhofer Grotte (Fuhlrott 1865: Tafel 2).

Alle diese Vergleiche blieben ergebnislos. Warum? Weil sich aus der Form eines Schädels keine Aussagen über das Denkvermögen eines Menschen ablesen lassen und weil es keine "Menschenrassen" gibt. Das wusste man im 19. Jahrhundert aber nicht. Forscher setzten sich innig mit der "Entstehung der Arten" auseinander und gliederten die Tierwelt in sämtliche Rassen, Gattungen etc. Mit der Entdeckung rezenter Jäger und Sammler in Amerika, Afrika und Australien kam der Gedanke auf, dass auch der Mensch einer "Rasse" mit einem spezifischen Entwicklungsstand zugeordnet werden könnte. Europäer waren unter all diesen "Rassen" die Krone der Schöpfung, zumindest empfanden sie sich so. Man beurteilte andere Menschen anhand ihres Aussehens. Dasselbe wurde mit dem Schädel und den Knochen aus dem Neandertal versucht.

 

William King kam 1864 zu dem Schluss, dass man es hier mit den Knochen eines „generisch“ vollkommen anderen Menschen zu tun habe. Der "Homo neanderthalensis king" „stehe dem Chimpansen näher als dem Menschen, Gedanken und Gefühle, die in diesem Schädel wohnten, waren nicht besser als die eines Thieres. Er bezweifelte, dass dieses "Wesen" schon habe sprechen können. Spätestens die ersten mtDNA-Forschungen aus den 1990er Jahren - die auch an eben diesem Skelett durchgeführt wurden - und die Entdeckung des Zungenbeins in der Höhle von Kebara (Israel) bestätigten die Korrektheit von Williams Kings Aussagen. Wir stammen sehr wahrscheinlich nicht vom Neandertaler ab. Im Bezug auf Sprache lag King mit seiner Einschätzung nicht richtig. Der Neandertaler konnte sprechen aber nicht so wie moderne Menschen es tun. Trotz seines anatomisch modernen Zungenbeins und des nachgewiesenen "Sprachgens" FOXP2 (Forkhead-Bos-Protein P2) ist er nicht dazu in der Lage gewesen, Laute zu produzieren wie wir es heute machen. Das mag an der höheren Positionierung des Kehlkopfes liegen. Bei modernen Menschen sitzt dieser tiefer als bei Neandertalern.

Jahre, nachdem William King den Neandertaler als eigene Menschenform vorgeschlagen hatte, änderte er seine Meinung wieder. Er war sich nicht mehr sicher, ob die Knochen wirklich einem Menschen gehört hatten. Sein Zweifel scheint nicht groß gewesen zu sein, sonst hätte er ihn nicht in einer kleinen Fußnote niedergeschrieben. Dieser Gesinnungswechsel hatte keinen Einfluß auf die übrigen Anthropologen und Archäologen. Mit der Entdeckung weiter Neandertaler in Frankreich (1869 Les Rochers de Villeneuve, 1870 Abri Suard 'La Chaise-de-Vouthon', 1872 La Quina Amont) und Belgien (1870er in Spy) wurden die Kritiker davon überzeugt, dass der Fund aus dem Neandertal kein krankhafter Zeitgenosse war, sondern ein eiszeitlicher Mensch.

Betrachtung der Knochenfunde

Die Schädelkalotte
Der Neandertaler hatte eine äußerst markante körperliche Erscheinung: eine flache und eher längliche Schädelkalotte, große Augenhöhlen und darüber einen sehr dick ausgeprägten Torus supraorbitalis. Die Form des Schädeldaches beschrieb man damals als „Flachkopf“. Manche Anthropologen gingen davon aus, dass dies ein typisches Merkmal für eine Rasse der so genannten „Flachköpfe“ sei, die man in Amerika heimisch wähnte. Diese Überaugenwulst war allerdings nicht bei Kindern von Neandertalern vorhanden, sondern bei Ausgewachsenen.
Fuhlrott hatte erkannt, dass die rechte Überaugenwulst eine verheilte Wunde aufweist. Die Wunde geht vermutlich auf einen harten Schlag mit einer scharfen Steinkante zurück. Dabei ist ein Knochenstück von der Überaugenwulst abgesplittert. Zurückgeblieben ist eine vernarbte Vertiefung über dem rechten Auge des Neandertalers. Bei erneuten Untersuchungen in den 1990er Jahren wurden auf der Schädelkalotte Schnittspuren entdeckt. Dies könnte ein Hinweis für eine Entfleischung vor der potentiell denkbaren Bestattung sein.

 

Die Elle
Die linke Elle hatte bereits in der Kindheit bzw. im jugendlichen Alter einen Bruch erlitten, bei dem das proximale Ende der Elle mit dem Ellenbogen abgesplittert ist. Der gebrochene Knochen verheilte mit der Zeit sehr gut. Allerdings kam es im Heilungsprozess zu einer Knochenneubildung am Ellenbogen und am Kronenfortsatz. Die Neubildungen gehen auf eine Arthrose zurück. Eine Fehlstellung des Knochens nach dessen Ausheilung wird die Ursache für die Arthrose gewesen sein. Dies führte zu einer lebenslangen Schwächung und Bewegungseinschränkung des linken Armes. Der Neandertaler konnte seinen Arm nicht mehr vollständig beugen. Mehr als ca. 90° konnte er das Gelenk nicht mehr einknicken.

 

Die Oberschenkelknochen
Die unteren Extremitäten zeichneten sich durch robuste und gebogene Langknochen aus. Bären haben ebenfalls leicht gebogene Langknochen, die Menschenknochen ähnlich sind. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Funde aus der Feldhofer Grotte zunächst mit Bärenknochen verwechselt und in diesem Sinne an Fuhlrott übergeben wurden. Moderne Menschen haben das nicht. Die robusten und dicken Knochen weisen darauf hin, dass der Neandertaler extrem stark gewesen sein muss - obgleich er dennoch eine recht geringe Körpergröße von 1,6m besaß. Sein kleiner Wärme speichernder Körperbau weist zudem eine Anpassung an das eiszeitliche Klima auf.

Nachgrabungen 1997 und 2000

Zwischen 1997 und 2000 wurden im Neandertal von Ralf Schmitz und Jürgen Thissen Nachgrabungen durchgeführt, bei denen 62 weitere Knochenfragmente gefunden wurden. Darunter befanden sich sechs Neandertalerzähne, die zum Fund von 1856 gehören könnten. Einige Knochenfragmente passten direkt an das Skelett von 1856 an. Seit der Nachgrabung liegen so viele Knochen vor, dass von mindestens einem weiteren adulten und einem subadulten Neandertaler ausgegangen wird. Darauf wird deshalb geschlossen, weil es einen weiteren rechten Humerus und einen Milchzahn gibt.

 


Zweiter rechter Humerus
Dieser ist nicht vollständig erhalten geblieben und ließ sich aus vier Bruchstücken zusammensetzen. Aus den Maßen des Fundstücks konnte eine leicht geringere Körpergröße für Individuum 2 ermittelt werden.

 


Zähne
Es wurden sechs Zähne gefunden, einschließlich eines einzigen permanenten Mandibular-Elements. Schmitz bezieht sich hier auf den ersten Schneidezahn. Vier der Zähne stammen aus dem Oberkiefer. Der rechten Seite konnten P4 und der zweite Molar zugewiesen werden, der linken Seite der erste oder zweite und der dritte Molar. Schließlich wurde ein Milchzahn gefunden. Dabei handelt es sich um den zweiten Molar auf der rechten Seite. Der rechte Molar 2 weist eine 6,8mm lange interproximale „Zahnstocher-Rille“ auf, die mesial gelegen ist. Dies ist für Neandertalerzähne charakteristisch, allerdings ist sie nicht einzigartig unter Vormenschenzähnen. D.h. sie deutet darauf hin, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Neandertalerzahn handelt aber mit letzter Sicherheit kann sie es nicht belegen.
Die Zähne weisen bis auf den dritten linken Molar einen moderaten bis schweren okklusalen und interproximalen Abnutzungsgrad auf. Dadurch kann für das betreffende Individuum ein Skelettalter zwischen 35 und 45 Jahren ermittelt werden. Der Milchzahn gehörte definitiv einem Infans I oder Infans II.

Radiokarbondatierung der Neandertaler

Ralf Schmitz führte auch eine Radiokarbondatierung der Knochen der drei Individuen durch. Die Proben wurden dem rechten Humerus sowohl des Individuums von 1856 als auch des grazilen Individuum 2 und der rechten Tibia von Individuum 3 entnommen. Demnach datiert der Fund von 1856 auf 39.900 ± 620 BP. Eine Datierung der adulten Neufunde im Neandertal ergaben mit 39.240 ± 670 BP ein nahezu gleiches Alter.

Isotopenanalysen

Den beiden rechten Oberarmknochen der Neandertaler wurden ebenfalls Proben von 40mg entnommen, um Isotopenanalysen durchzuführen. Wichtig ist dabei das Verhältnis der stibilen Isotope Karbon (13C/12C, dem δ13C Wert) und Nitrogen (15N/14N, dem δ15N Wert) zueinander. Je nach vorliegendem Verhältnis kann auf eine überwiegend fleischliche oder eher pflanzliche Ernährungsweise geschlossen werden.
Das Ergebnis zeigt, dass beide adulten Neandertaler fast identische Karbonwerte haben (δ13C = −21.5‰, −21.6‰). Daraus folgern Richards und Schmitz, dass beide eine terrestrisch geprägte Ernährung hatten. Fische und Pflanzen waren demnach nur selten auf dem Speiseplan, Rehwild und Rothirsch dagegen sehr häufig. Dieser Befund deckt sich mit den bisher durchgeführten Analysen an anderen Neandertalern aus Frankreich und Belgien.

mtDNA-Analysen

In den 1990er Jahren wurden erstmals DNA-Analysen an einem Neandertalerskelett durchgeführt. Zur Untersuchung wurden die Knochen aus dem Neandertal verwendet, die bereits 1856 gefunden wurden. Im Jahr 1997 lagen die Ergebnisse vor. Die mtDNA des Neandertalers wich von der mtDNA moderner Menschen ab. William King hatte also Recht. Der moderne Mensch stammt nicht vom Neandertaler ab.

Verbreitungskarte: Neandertaler

Verbreitungskarte von Neandertalern
Copyright © Jan J. Ahlrichs 2013. An den markierten Fundplätzen wurden Skelette/Zähne/Knochen von Neandertalern gefunden. Die Literatur zu dieser Karte kannst Du in der Bilderdatenbank nachlesen. Wenn Du dort nach "Neandertaler" oder "Verbreitungskarte" bzw. "Mittelpaläolithikum" suchst, wirst du diese Karte finden.

Verwendete Literatur

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Siegmar von Schnurbein (Hrsg.) Atlas der Vorgeschichte: Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt 17-20
Friedemann Schrenk Die Frühzeit des Menschen: Der Weg zum Homo sapiens 104-114
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