Archäologische Forschungsgeschichte

Dream Lead Mine
Zeichnerische Darstellung zur Ausgrabung der "Dream Lead Mine". Abb. aus William Buckland, Reliquiae Diluvinae (London 1823).

Archäologische Forschung ist ein dynamischer Prozess, der nicht zum Stillstand kommt. Dadurch, dass sich Interpretationen ständig verändern, entsteht auf längere Sicht eine Forschungsgeschichte. 

 

In diesem Kapitel wird die Entwicklung der archäologischen Forschung in ihren wesentlichen Zügen vorgestellt. Dazu blicken wir in die Geschichte der Archäologie zurück und werden dort nach den Wurzeln unseres Faches und den Dingen Ausschau halten, die es verändert haben. Dabei werden wir in die Zeiten zurücksehen, in denen es noch gar keine Archäologie gab, sondern nur die Idee einer weit zurückliegenden Vergangenheit der Menschheit. Die Forschungsgeschichte wird uns dabei helfen, zu verstehen, warum wir heute so arbeiten wie wir es tun und warum wir von manchen Ideen besser Abstand nehmen. 

Archäologie heute verstehen

John Lubbock
John Lubbock (1834-1913). Popular Science Monthly 21 (1882).
Feldhofer Grotte
Rekonstruktion des Neandertalers aus der Feldhofer Grotte (Schaaffhausen 1888).

Alltägliche Begrifflichkeiten wie Paläolithikum oder Neolithikum sind keine zeitlosen Dinge, die einfach da sind. Es sind vielmehr Konstrukte, die zu einem bestimmten Anlass in der Geschichte unseres Faches erfunden wurden. Sie verkörpern die Idee, dass es eine ältere und eine jüngere Steinzeit gibt, die man durch das Fehlen bzw. Vorhandensein von geschlagenen und geschliffenen Artefakten differenzieren kann. Aus den Begrifflichkeiten geht eine zeitspezifische Arbeits- und Denkweise hervor. Im Fall von John Lubbock’s Paläo- und Neolithikum ist es ein stark am Material orientiertes Denken, welches archäologische Hinterlassenschaften nach chronologischen Abschnitten gliedert. 

 

Durch einen Rückblick in die Archäologie des 19. Jahrhunderts können wir verstehen, dass der Homo neanderthalensis king nach seinem Fundort im Neandert(h)al und nach demjenigen Mann benannt wurde, der die Knochen aus der Feldhofer Grotte einer eigenständigen Menschenform zugeschrieben hat, nämlich William King. Bei einer näheren Betrachtung der französischen Archäologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird uns schließlich klar, auf welchen Mann und welchen Fundplatz wir uns unbewusst berufen, wenn wir den Homo neanderthalensis als einen schwachen oder gefühlslosen Menschen bezeichnen. Jedes mal, wenn Neandertaler ex- oder implizit in vergleichbare Kategorien eingeordnet wird, geht dies forschungsgeschichtlich auf Marcellin Boule und dessen Interpretation der Neandertalerskelette von La Chapelle-aux-Saints zurück, insbesondere auf das des alten und kranken Neandertalers.

Theoretisch aber nicht langweilig

Megalithgrab Maisod
Im Zuge der Christianisierung wurden viele "heidnische" Monumente mit christlichen Symbolen versehen wie hier ein Megalithgrab bei Maisod (Frankreich). Abb. 61 aus Gabriel de Mortillet, L'Homme préhistorique (Paris 1903).

Während des Studiums führt an der Forschungsgeschichte kein Weg vorbei. Spätestens während eines Referates oder in den Klausuren wird nach Theorien aus der Forschungsgeschichte gefragt. Das geschieht in der Regel im Kontext eines spezifischen Fundplatzes, der seit seiner Entdeckung sehr unterschiedlich gedeutet wurde oder in Form einer Frage zu einem Begriff. Zum Beispiel kann danach gefragt werden, ob es eine Kupferzeit gibt oder welche Theorien es zum Bau von Megalithgräbern gibt. Zur Beantwortung der letzteren Frage kann man schon auf Deutungsversuche und Umgangsformen mit Großsteingräbern aus dem 17. Jahrhundert zu sprechen kommen.

 

Im Vergleich zu den Megalithgräbern reicht die Entstehungsgeschichte des Dreiperiodensystems viel weiter in die Vergangenheit zurück. Bereits in der Antike hatten Philosophen die Idee, dass es Zeitalter gab, in denen Artefakte überwiegend aus Stein oder Bronze gefertigt worden waren.

Literaturtipps

Autor Titel Seite
Bernbeck Theorien in der Archäologie (Uni-Taschenbücher S) -
Eggers Einführung in die Vorgeschichte -
Schnapp Die Entdeckung der Vergangenheit: Ursprünge und Abenteuer der Archäologie -
Trigger A History of Archaeological Thought -
Wahle Geschichte der prähistorischen Forschung - Teil 1. Anthropos 45, 1950 497-538
Wahle Geschichte der prähistorischen forschung - Teil 2. Anthropos 46 , 1951 49-112
Zotz Altsteinzeitkunde Mitteleuropas (Stuttgart 1951) 3-22
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