Vere Gordon Childe

Childes "neolithic revolution"

Eine andere, viel interessantere Idee verfolgte der australische Archäologe und Theoretiker Vere Gorden Childe (1892-1957) in den 1930er Jahren. Er dachte darüber nach, warum der Mensch überhaupt erst sesshaft geworden war. Was hatte ihn dazu veranlasst? Wurde er durch äußere Kräfte gezwungen oder war es etwa ein spontaner Einfall, der sich als äußerst sinnvoll herausstellte?

Childe dachte sehr typisch für seine Zeit. Wie man auch schon im 19. Jahrhundert in der Regel von einer Evolution des Schlechten zum Guten hin ausging, so stellte er gleichenfalls fest, dass der Zustand des Menschen als Jäger und Sammler für ihn nicht ausreichend befriedigend gewesen sein muss und man einen besseren angestrebt habe. Dieser bessere Zustand lag in der Sesshaftwerdung, der Domestikation von Tieren und Pflanzen, d.h. der produzierenden Lebensweise. Er bezeichnete diesen Übergang von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise in Anlehnung an die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert als eine "neolithische Revolution", weil kaum ein anderes Ereignis in der Menschheitsgeschichte vergleichbar tiefgreifend und prägend war.

In seinem Buch „man makes himself“ stellte er 1936 das Ergebnis seiner Überlegungen vor und sprach von einer „neolithischen Revolution“. Childe ging davon aus, dass die Ursprünge der Sesshaftwerdung im Gebiet des vorderen Orients zu suchen seien. Der Mensch habe sich aufgrund von klimatischen Veränderungen, welche erhebliche Trockenheiten mit sich führten, an den übrigen fruchtbaren Oasen angesiedelt. Deswegen wird für diese Theorie auch der Name "Oasentheorie" verwendet. Aber nicht nur er sei auf diesen Gedanken, sich an Oasen zu flüchten gekommen, sondern auch die Fauna. Die Tiere seien demnach ebenfalls von der dürren Trockenheit zu den feuchten Oasen gewandert und wären dort irgendwie(!) eine Symbiose mit den Menschen eingegangen.

Kritik an der Oasentheorie

Nach Childe hat der Mensch keinesfalls die Tiere domestiziert, sondern die Tiere hätten durch das Zusammenleben an den Oasen, sich ohne weiteres an den Menschen gewöhnt, ohne dass er etwas dazu beigetragen hätte. Seine These wurde später natürlich widerlegt: Domestikation ist kein so einfacher Vorgang, der durch bloßes Miteinander an Wasserquellen in der Wüste vollzogen wird. 

Childe ging zudem davon aus, dass zur Zeit der Neolithisierung im vorderen Orient erhebliche Trockenheiten geherrscht hätten. Die Menschen im vorderen Orient wurden keineswegs von einer plötzlichen Trockenperiode überrascht und an die Oasen getrieben. Wir wissen heute, dass schon zur Zeit der beginnenden Neolithisierung dort das Gebiet des fruchtbaren Halbmondes lag, wie es heute dort immer noch liegt. Der fruchtbare Halbmond ist eine Gunstzone mit entsprechend zahlreichen Niederschlägen, fruchtbaren Böden und passendem Klima. Das Land war damals alles andere als trocken und unfruchtbar, weshalb seine, von einer Trockenheit ausgehende, These nicht haltbar ist. 

Er hatte dennoch Recht, wenn er den Ursprung der Sesshaftwerdung im fruchtbaren Halbmond vermutete. Desweiteren war er derjenige, der dem Neolithikum das Charakteristikum der produzierenden Lebensweise zusprach und es dadurch vom Paläo- und Mesolithikum abgrenzte, nachdem John Lubbock dies mittels geschliffener und geschlagener Artefakte getan hatte.

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