Archäologische Quellenkritik

Schematische Darstellung zur archäologischen Quellenkritik © Jan Ahlrichs 2015.

Einleitung

Zu den zentralen Anliegen der Prähistorischen Archäologie gehört es, die ur- und frühgeschichtliche Lebenswelt des Menschen, seine sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen wie auch religiösen Vorstellungen auf der Basis seiner materiellen Hinterlassenschaften zu erfassen und zu untersuchen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens sind bestimmte Methoden und Kompetenzen unabdinglich. Von herausragender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die archäologische Quellenkritik, d. h. derjenige Vorgang, bei dem die Überlieferungsbedingungen und die Authentizität des gegenwärtigen Quellenbestandes untersucht werden. Eine kritische Auswertung der materiellen Hinterlassenschaften ist von fundamentaler Bedeutung, da wir sonst gar nicht sicher in der Annahme sein können, dass wir tatsächlich die Lebenswelt des Menschen in der Ur- und Frühgeschichte erforschen und nichts anderes.

Ursprünge der archäologischen Quellenkritik

Eine nähere Betrachtung des Begriffes 'Archäologie' könnte zunächst zur der Annahme verleiten, dass eine kritische Prüfung des Quellenmaterials seit jeher zu den Grundsteinen der Vorgeschichtsforschung gehört – schließlich geht der deutschsprachige Begriff Archäologie auf das Griechische archaología zurück, welches sich aus den Wörtern archaíos (= alt) und lógos (= Lehre, Wissenschaft) zusammensetzt und „die Kunde von den alten Dingen“ bezeichnet. Der Ursprung der archäologischen Quellenkritik reicht zwar bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, allerdings wurde der Begriff zu dieser Zeit noch nicht benutzt. Beispielsweise stellt das Konzept des „geschlossenen Fundes“ eine Form der Quellenkritik dar, welche erstmals von Oscar Montelius (1843–1921) in seinem berühmten Werk „Die Methode“ aus dem Jahre 1903 formuliert wurde. Was unter einem geschlossenen/sicheren Fund zu verstehen ist, formulierte er wie folgt: „Ein Fund in dieser Meinung kann als Summe von denjenigen Gegenständen bezeichnet werden, welche unter solchen Verhältnissen gefunden worden sind, dass sie als ganz gleichzeitig niedergelegt betrachtet werden müssen“ (Montelius 1903: 3). Dieses Kriterium wurde auch schon früher von Christian Jürgensen Thomsen (1788–1865) zur Entwicklung des Dreiperiodensystems verwendet – wenn aucht in unbewusster Form (Thomsen 1837: 57–64); mehr zu diesem Thema findest du in unserem Bereich zur Forschungsgeschichte).

Fundkritik nach K. H. Jacob-Friesen

In der deutschsprachigen Prähistorischen Archäologie kommt den von Karl Hermann Jacob-Friesen (1886–1960) verfassten „Grundfragen der Urgeschichtsforschung: Stand und Kritik zu den Rassen, Völkern und Kulturen in urgeschichtlicher Zeit“ eine besondere Bedeutung zu. In dieser 1928 veröffentlichen Arbeit bot er eine Zusammenstellung der Methoden und Ziele des Faches. Darunter befindet sich auch ein vergleichsweise kurzer Abschnitt mit der Bezeichnung „Fundkritik“. Unter einer solchen Kritik verstand Jacob-Friesen zunächst einmal die grundlegende Frage, ob ein Fund überhaupt echt ist oder nicht, gegebenenfalls sogar eine bewusste Fälschung darstellt. Sobald die Echtheit des Materials gesichert ist, stellt sich nach ihm weiterhin die Frage, ob der Fundort und die Umstände der Entdeckung ebenfalls sicher dokumentiert wurden. Überdies wies er darauf hin, dass auch die Art und Weise der Bergung sowie die Qualität der Dokumentation ihres Herganges von entscheidender Bedeutung für die folgenden Untersuchungen sind: wurde der Fund von einem Laien geborgen oder von ausgebildetem archäologischem Fachpersonal? Grundsätzlich gilt hier, dass mit einer sorgsam durchgeführten Bergung und einer genauen Dokumentation dieses Vorganges bzw. der Fundsituation im Nachhinein weitaus mehr Fragen anhand des Fundmaterials diskutiert werden können als wenn diese Informationen nicht vorhanden wären. Ausgrabung bedeutet immer auch Zerstörung – dabei spielt es keine Rolle, wer die Ausgrabung durchführt. Sobald ein Fund freigelegt und in die Hand genommen bzw. aufgehoben wird, wird er seinem Kontext entzogen. Je weniger dokumentiert wird, desto weniger kann im Anschluss über die Bedeutung des Fundes bzw. die Fundstelle ausgesagt werden. Für Jacob-Friesen standen demnach Fragen nach der Echtheit eines Objektes und der Qualität seiner Bergungsdokumentation im Vordergrund der archäologischen Fundkritik.

Lebendes, sterbendes und totes Gut nach H. J. Eggers

Knapp 30 Jahre nach der Publikation der Grundfragen der Urgeschichtsforschung widmete Hans Jürgen Eggers in seiner berühmten „Einführung in die Vorgeschichte“ ein Kapitel der archäologischen Quellenkritik (Eggers 1959: 255–270). Im Vergleich zu Jacob-Friesen bildeten die Überlieferungsbedingungen archäologischer Funde den Schwerpunkt in seinen Erörterungen. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildete zunächst eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen „lebendem“ und „totem“ Gut. Als lebendes Gut bezeichnete Eggers all diejenigen Objekte, die in heutigen Kulturen verwendet werden. Die geistige und materielle Kultur heute lebender Gesellschaften seien uns unmittelbar zugänglich. Wenn wir uns für die Funktion oder die soziokulturelle bzw. politische Bedeutung eines Objektes interessieren, können wir dies im Zuge einer direkten Kommunikation in Erfahrung bringen. Man kann vieles durch schlichtes Nachfragen klären. Ganz anders verhält es sich nach Eggers mit Artefakten aus Kulturen, die heutzutage nicht mehr existieren, ihm zufolge sogar als „ausgestorben“ gelten. Diese Wortwahl ist insofern unglücklich gewählt, als dass hier eigentlich die Zusammensetzung, Gestaltung und das Wissen materieller Kultur im Vordergrund stehen und diese sich mit der Zeit verändern – das ist ein völlig normaler Vorgang. Über mehrere Jahrhunderte kann dabei das Wissen um bestimmte Dinge verloren gehen, weil sie zwischenzeitlich durch andere ersetzt wurden und nicht mehr gebraucht werden. Der Begriff „Aussterben“ impliziert das Sterben von Menschen, gemeint ist im Endeffekt aber der Wandel um das Wissen über materielle Kultur. Die materiellen Hinterlassenschaften jener „ausgestorbenen“ Kulturen treten den heutigen Menschen ausschließlich in Form von Bodenfunden entgegen und werden von ihm deshalb als „totes“ Gut bezeichnet. Von diesen Artefakten sind zunächst einmal nicht mehr als der Fundort und die Umstände ihrer Auffindung bekannt – sofern diese tatsächlich dokumentiert wurden. Das relativ- bzw. absolutchronologische Alter, die Herstellungsweise, Funktion und lebensweltliche Bedeutung des Artefaktes müssen nach der Bergung erst wieder in mühsamer Arbeit durch ArchäologInnen erschlossen werden.

Das sterbende Gut

Wie aber sieht dieser Übergang von lebendem zu totem Gut aus? Wie lange dauert es, bis ein Artefakt aus der Lebenswelt austritt? Welche Faktoren spielen bei der Erhaltung eine wichtige Rolle? Auch mit diesen Fragen hatte sich Eggers beschäftigt. So wies er auch darauf hin, dass sich der Übergang von lebendem zu totem Gut in der Regel ein langwieriger Prozess ist und sich nicht von heute auf morgen vollzieht wie etwa im Falle von Pompeji. Um diesen Vorgang besser veranschaulichen zu können, definierte er das „sterbende“ Gut als eine Unterkategorie des „lebenden“ Gutes.

 

Ihm zufolge sind hat jede Gruppe von Artefakten eine unterschiedlich lange Lebensdauer, in welcher sie tatsächlich in Gebrauch ist und an deren Ende sie unter die Erde kommt und damit das Wissen um ihre Bedeutung und Verwendung allmählich verloren geht. Als Beispiel führte er Kleidung an, die eine vergleichbar kurze Lebensdauer hat und binnen weniger Jahre durch eine neue Mode ersetzt wird. Etwas länger in Gebrauch seien dagegen Möbel. Diese werden zum Teil sogar vererbt. Noch länger können Gegenstände von herausragender persönlicher Bedeutung in Gebrauch sein wie etwa Hochzeitsgut. Noch einmal wesentlich länger sei Edelmetall, das schon allein wegen seines materiellen Wertes über mehrere Generationen weitergegeben werde.

In diesem Zusammenhang verwies Eggers auf seine Erfahrungen, die er während seiner über zehnjährigen Tätigkeit am Pommerschen Landesmuseum gesammelt hatte. So stellte er fest, dass dort die ausgestellten Objekten aus dem Bereich der ländlichen Volkskunde überwiegend bis in das 18. Jahrhundert zurück reichten und nur sehr wenige Stücke in das 17. Jahrhundert datierten. Dagegen reichten die Artefakte zur bürgerlichen Stadtkultur schon etwas weiter in die Vergangenheit zurück. Selbst das 17. Jahrhundert sei noch gut vertreten gewesen, einige wenige Objekten stammten sogar aus dem 16. Jahrhundert. Dagegen befanden sich unter den Ausstellungsstücken aus der Adelskultur und dem Haus der Herzogsfamilie sogar einige aus dem 15. Jahrhundert. Am längsten reichte die sterbende Kultur aus dem kirchlichen Besitz zurück. Im Besitz der Kirche gab es sogar noch Artefakte aus dem 11. Jahrhundert, also der Wikingerzeit – „hier berühren sich Geschichte und Vorgeschichte“ (Eggers 1959: 260). Ausgehend von diesen Beobachtungen konnte er folgende Gesetze zur sterbenden Kultur formulieren:

 

  1. Die Zeit der überlieferten Gegenstände nimmt ab, je weiter man in der Zeit zurück schreitet.
  2. Die Lebensdauer der materiellen Kultur variiert mit dem gesellschaftlichen Stand. Bsp. reicht die Tradition von Adelshäusern weiter in die Vergangenheit zurück als diejenige einfacher Bauern- oder Arbeiterfamilien.

Das tote Gut

Aus seiner langjährigen Arbeit als Prähistoriker wusste Eggers allerdings, dass diese Gesetze ausschließlich für das sterbende Gut zutreffen. Für das tote Gut gelten wiederum andere Gesetze. So wies er darauf hin, dass für Überlieferung des toten Gutes die Rohstoffe ausschlaggebend sind, aus denen die Artefakte hergestellt wurden und das Milieu, in welches sie letztendlich eingebettet wurden. Aber eines nach dem anderen.

 

Bezüglich der verwendeten Rohstoffe unterschied er zwischen solchen, die prinzipiell vergänglich sind und binnen weniger Jahre unter der Einwirkung von Feuchtigkeit und Luft schlichtweg zerfallen – konkret nannte er Holz, Leder und Stoff. Ergänzend zu seinen Ausführungen müssen an dieser Stelle noch Knochen genannt werden. Dagegen erhalten sich Artefakte aus unvergänglichen Rohstoffen wie Stein, Ton oder Metall deutlich besser und länger. Unter bestimmten Voraussetzungen können sich allerdings auch organische Stoffe hervorragend gut und lange erhalten. Als Beispiele nannte Eggers Moore, die „arktische“ Kälte und Wüsten. Ob man Ton heute auch noch zu den unvergänglichen Rohstoffen zählen würde, ist sehr fraglich. Artefakte aus ungebranntem Ton erhalten sich nur sehr schlecht und diejenigen aus gebranntem Ton sind witterungsanfällig. Je länger sie an der Oberfläche liegen und Temperaturschwankungen (Sommerhitze, Frost, Winter, Regen, Trockenheit etc.) ausgeliefert sind, desto eher können sie sich zersetzen. In sauren Böden erhält sich Keramik ebenfalls nur sehr schlecht.

Diese Unterscheidung zwischen vergänglichen und unvergänglichen Stoffen ist Eggers deshalb so wichtig gewesen, den weil sich das tote Gut ganz offensichtlich nur zu einem sehr geringen Teil aus organischen Stoffen zusammensetzt. Auch Objekte aus Metallen sind selten, obwohl sie sich gut erhalten. Sehr häufig sind dagegen Stein und Keramikartefakte. Wie kommt es zu dieser „Verzerrung“, dass bestimmte unvergängliche Rohstoffe häufiger zu finden sind als andere?

 

Da Stein und Ton nach Eggers prinzipiell zu den „wertlosen“ Rohstoffen gehören, habe man Artefakte aus diesen Materialien nach einer Beschädigung weggeworfen und alsbald durch neue ersetzt, weil der notwendige unmittelbar zur Verfügung stand. Eggers geht in diesem Zusammenhang nicht darauf ein, dass es tatsächlich Funde von Keramikgefäßen gibt, die eindeutige Reparaturspuren aufzeigen. Letztendlich lässt er außer Acht, dass auch Dinge aus vermeintlich „wertlosen“ Rohstoffen einen enormen ideellen bzw. persönlichen Wert besitzen. Man wird der Realität nicht gerecht, indem man dem ur- und frühgeschichtlichen Menschen Wertvorstellungen von Rohmaterialien zuschreibt, die im Grunde unseren eigenen sind. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass diese Rohstoffe in der Vergangenheit einen anderen materiellen Wert hatten als im 20. oder gar 21. Jahrhundert – ganz zu schweigen von persönlichen Wertvorstellungen.

 

Wir bleiben jetzt trotzdem bei der Argumentation von Eggers und gehen mit ihm davon aus, dass Artefakte aus Ton lieber entsorgt und direkt durch neue ersetzt wurden. Warum gibt es dann aber so wenig Metallfunde? Eggers erklärt diese Feststellung dadurch, dass Metalle durch alle Zeiten hinweg als sehr wertvoll wahrgenommen worden. Im Gegensatz zu Artefakten aus eher „wertlosen“ Rohstoffen wie Keramik und Stein habe man Metallobjekte über Generationen weitergegeben und nicht weggeworfen, sobald diese beschädigt wurden. Metallobjekte habe man grundsätzlich wiederverwertet, d.h. eingeschmolzen und in eine neue Form gegossen.

Die wiederentdeckte Kultur

Von der lebenden und toten Kultur grenzte Eggers in seinen früheren Arbeiten eine weitere Kategorie ab: die wiederentdeckte Kultur. Alle diejenigen Objekte, welche in der heutigen Zeit aus dem Boden geholt wurden und damit der archäologischen Forschung zur Verfügung stehen, rechnete er der wiederentdeckten Kultur zu. Mit dieser Unterscheidung brachte er eine zentrale Erkenntnis der archäologischen Forschung zum Ausdruck. Wir wissen nicht nicht, was sich noch alles im Boden befindet. Der materielle Umfang der wiederentdeckten Kultur spiegelt lediglich einen Bruchteil dessen wieder, was sich noch in der Erde befindet. Die tote Kultur selbst repräsentiert nur denjenigen Teil der einstigen lebenden Kultur, der sich aufgrund seiner Materialeigenschaften überhaupt hat erhalten können. 

Forschungs-, Bearbeitungs- und Publikationsstand

Die Aufgabe der archäologischen Quellenkritik besteht nun darin, die Quantität und Qualität, d. h. das wissenschaftliche Erkenntnispotential der wiederentdeckten Kultur des jeweiligen Untersuchungsgebietes zu bewerten. Im Rahmen einer solchen Quellenkritik auf regionaler Basis müssten nach Eggers zum einen der Forschungsstand und der Bearbeitungsstand zu den ur- und frühgeschichtlichen Hinterlassenschaften untersucht werden. Manfred K. H. Eggert ergänzte diesen analytischen Ansatz um den Publikationsstand.

 

Bei der Aufarbeitung des Forschungsstandes wird zunächst einmal festgestellt, wie viel archäologisches Fundmaterial aus einer Region vorhanden vorhanden ist. Um dessen räumliche Verbreitung besser verstehen zu können, ist es wichtig, die Art und Qualität der Gewinnung des Fundstoffes näher zu betrachten. Wurden die Funde von privaten Sammlerinnen gemacht oder im Zuge institutionalisierter Forschungen entdeckt? Wurden systematische Feldbegehungen durchgeführt, oder handelt es sich um zufällige Beobachtungen? Weiterhin muss die Qualität der Bergung festgestellt werden: kam das Material bei Notbergungen zutage, oder wurden planmäßige systematische Ausgrabungen vorgenommen?

 

Der Bearbeitungsstand befasst sich mit der Frage, ob und in welchem Umfang das Fundmaterial wissenschaftlich untersucht wurde. Zu dieser Untersuchung gehört die reine Materialbeschreibung einerseits und die weiterführende Auswertung im Kontext des bekannten Quellenmaterials. Je nach Region kann es durchaus vorkommen, dass Teile des Fundstoffes zwar gemeldet aber noch nicht beschrieben wurden, oder dass sie zwar beschrieben aber noch nicht ausgewertet und veröffentlicht wurden. Aus diesem Grunde fügte Eggert das Kriterium des Publikationsstandes hinzu. Inwiefern der Stand des veröffentlichten Materials von dem Bearbeitungsstand abweicht, kann lediglich durch eine Sichtung der Archive bzw. Ortsakten der jeweils zuständigen Denkmalämter festgestellt werden. Im bestmöglichen Falle sind der Bearbeitungs- und Publikationsstand miteinander identisch.

Grab – Hort – Siedlung

Wie kommt es aber nun dazu, dass aus der Ur- und Frühgeschichte trotzdem Metallartefakte bekannt sind? Eggers war während seiner Zeit im Pommerschen Landesmuseum aufgefallen, dass je nach der Art eines Fundplatzes die verschiedenen Rohstoffe unterschiedlich häufig registriert wurden. Er unterschied damals drei Arten von Fundplätzen: Gräber, Horte und Siedlungen. Heute ist diese Klassifikation archäologischer Fundstellen nur noch von forschungsgeschichtlicher Bedeutung, da wir inzwischen wesentlich mehr Fundplatztypen unterscheiden.

 

Gräber, Horte und Siedlungen weisen jeweils ein spezifisches Artefaktspektrum auf. Ausschlaggebend hierfür ist die Art der Auslese von Artefakten. Im Falle von Gräbern liegt nach Eggers eine positive Auslese von Dingen vor, d.h. während einer Bestattungen nehmen die Hinterbliebenen eine bewusste Auswahl vor. Ausgehend von religiösen Sitten bzw. Rechtsbräuchen habe man, so Eggers, gezielt darüber entschieden, was in den Verstorben ins Grab gegeben wird und was nicht. Im Falle der Horte liegt nach Eggers ebenfalls eine positive Auslese. Im Gegensatz zu den Gräber seien die Beweggründe dieser bewussten Niederlegungen insofern unbekannt, als dass sich eine Vielzahl an Möglichkeiten anbiete. Es sei nämlich unklar, ob Horte nun Versteckfunde aus „Kriegszeiten“, Hausschätze oder Depots usw. darstellen. Im Bereich von Siedlungen habe man früher eine negative Auslese getroffen. Nach Eggers wurden hier folglich nur diejenigen Dinge weggeworfen, die man nicht mehr brauchte und infolge ihrer Ersetzbarkeit als „wertlos“ einstufte.

 

Die Entstehung des heutigen archäologischen Fundbildes geht nach Eggers folglich auf zwei zentrale Faktoren zurück: die Vergänglichkeit der verwendeten Rohstoffe und den gesellschaftlichen „Wert“, den die Artefakte hatten. Letzterer resultierte nach Eggers aus der Zugänglichkeit der eingesetzten Rohstoffe.

Schematische Darstellung zur archäologischen Quellenkritik © Jan Ahlrichs 2015.

Verwendete Literatur

Autor Titel Seite
H. J. Eggers Der römische Import im freien Germanien. [Bd. 1.]. Text 23-37.
H. J .Eggers Einführung in die Vorgeschichte: Mit einem Nachwort von Claudia Theune, einem aktualisierten Literaturverzeichnis sowie einem Verzeichnis der Schriften von Hans Jürgen Eggers 255-270
M. K. H. Eggert / S. Samida Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. UTB basics 48-50
M. K. H. Eggert Prähistorische Archäologie: Konzepte und Methoden 100-122
S. Gerhard Beiträge zur archäologischen Quellenkritik an Beispielen aus dem Neolithikum und der Frühbronzezeit Südbayerns -
K. H. Jacob-Friesen Grundfragen der Urgeschichtsforschung -
Ch. Pescheck Lehrbuch der Urgeschichtsforschung. -
A. Rieth Vorzeit gefälscht -
U. Sommer Zur Entstehung archäologischer Fundvergesellschaftungen. Versuch einer archäologischen Taphonomie. In: E. Mattheußer / U. Sommer (Hrsg.), Studien zur Siedlungsarchäologie I. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 6 (Bonn 1991) 51-174
U. Somer Quellenkritik. In: D. Mölders / S. Wolfram (Hrsg.), Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie: 239-243
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